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DIE KARTE, AUF DER ES UNS NICHT GIBT

Kapitel 1. Die Truhe mit den Bittschriften

Das Dorf von Prokop Werschinin ist weder an Feuer noch an einer Seuche zugrunde gegangen. Eine einzige Zeile in einem Amtsbuch hat es ausgelöscht.

In der Kreisverwaltung riecht es nach Siegellack, Mäusen und altem Papier. Prokop steht seit drei Stunden an einem langen Tisch und trägt eine Truhe auf der Schulter. Sie ist aus dunkler Eiche und stammt von seinem Vater. Seine Handflächen haben den Kupferbeschlag gelb poliert. In der Truhe liegen Bittschriften, die sein Vater zweiundzwanzig Jahre lang verfasst hat.

Der Schreiber hinter dem Tisch ist nicht böse. Das macht es so schwer. Einem bösen Menschen kann man widersprechen. Dieser hier langweilt sich bloß.

„Werschinin“, liest er vor. „Wegen der Siedlung Garj.“

„Wegen des Dorfes Garj“, sagt Prokop.

Der Schreiber hebt ruhig den Blick.

„Im Kartenwerk gibt es keine Siedlung mit diesem Namen. Da ist nur eine Brandfläche. Kein Ortsname.“

„Dort haben achtzehn Höfe gestanden“, sagt Prokop. „Und eine Kirchenschule. Mein Vater hat dort zwanzig Jahre lang Lesen und Schreiben unterrichtet.“

„Im Kartenwerk“, wiederholt der Schreiber, „steht: Brandfläche, Tümpel, Brachland an der alten Schneise. Unbewohntes Land, zur Vergabe vorgesehen.“

„Die Menschen von dort leben. Ich lebe.“

Der Schreiber seufzt und dreht ihm langsam das dicke Buch zu.

„Sieh selbst nach, wenn du lesen kannst.“

Prokop kann lesen. Er findet das Blatt der alten Vermessung, den Fluss, den Rand des Moores und sogar die alte Schneise, auf der er als Junge hinter dem Pferd seines Vaters hergelaufen ist. Nur das Dorf fehlt. An seiner Stelle liegt eine glatte weiße Fläche. Quer darüber steht ein einziges Wort, hastig von fremder Hand geschrieben: Brandfläche.

Kein Ortsname.

Ein Jahr lang hat er sich auf diesen Tisch vorbereitet. Es hat nicht gereicht.

„Mein Vater hat zwanzig Jahre lang hierher geschrieben“, sagt Prokop. „Hier sind die Antworten.“

Er stellt die Truhe auf den Boden und öffnet den Deckel. Die Bittschriften liegen nach Jahren gebündelt. Obenauf liegt das letzte Blatt, das Jewlampi Werschinin nicht mehr abschicken konnte. Seine Hand hat die Feder schon nicht mehr gerade halten können, und die Buchstaben kippen wie Zäune im Frühjahr.

Der Schreiber beugt sich nicht einmal vor.

„Was war dein Vater?“

„Lehrer.“

„Ein Lehrer sollte die Ordnung kennen. Was nicht auf ein Blatt vermessen ist, gibt es vor dem Gesetz nicht. Und was es vor dem Gesetz nicht gibt, hat keine Erben.“

Er sagt es ohne Spott, so wie man sagt: Im Winter ist es kalt.

„Eine leere Stelle hat keine Erben, Werschinin. Geh in Frieden.“

Prokop geht nicht in Frieden.

Er steht da und schaut auf die weiße Papierfläche. Tief in seinem Bewusstsein, dort, wo seit dem Fieber eine fremde Erinnerung lebt, taucht ein vertrauter Gedanke auf: Eine Karte ist nicht das Land. Eine Karte ist die Entscheidung eines Menschen über das Land. Prokop weiß nicht, woher diese Worte kommen. Sie sind älter als sein Schmerz und ruhiger.

Hinter ihm wartet eine Schlange: ein Bauer mit einem Grenzstreit, zwei Witwen, ein Verwalter mit einem Kaufbrief. Niemand drängelt. Hier weiß jeder: Wer einen Schreiber antreibt, findet seine Akte ganz unten im Stapel wieder. Und dieser Stapel ist so hoch wie ein Mensch. Prokop schließt die Truhe, hebt sie auf die Schulter und geht zwischen den Wartenden zur Tür.

An der Tür der Verwaltung sitzt ein zweiter, jüngerer Schreiber mit einem Anwerbeblatt. Über ihm hängt ein Anschlag in großen Buchstaben, damit man ihn von Weitem lesen kann: „Die Gesamtvermessung stellt ein. Träger, Kettenleute, Köche. Sold aus der Staatskasse.“

Der junge Schreiber mustert Prokop: Schultern, Stiefel, Hände.

„Kannst du lesen?“

„Kann ich.“

„Rechnen?“

„Auch.“

„Willst du als Träger mit? Oststreifen, Taiga, zwei Jahre.“ Er schiebt Prokop das Blatt hin, wird freundlicher und zieht einen harten Reiselebkuchen in Papier aus der Schublade. „Hier. Für eine schnelle Unterschrift.“

Prokop schaut den Lebkuchen an. Seine Hand rührt sich nicht.

„Nein, danke.“

„Der kostet doch nichts.“

„Ich esse nichts Süßes.“

Die Antwort kommt, ohne dass er nachdenken muss. Prokop hat so lange nichts Süßes gegessen, dass er selbst nicht mehr weiß, warum.

Der Schreiber zuckt mit den Schultern und steckt den Lebkuchen wieder ein.

Prokop greift nach der Feder. Seine Hand zittert nicht. Er lässt sich als Träger für die Gesamtvermessung eintragen, für den Trupp, der durch den Oststreifen ziehen soll. Erst beim letzten Buchstaben fragt er:

„Durch welche Gegenden führt der Streifen?“

Der Schreiber fährt mit dem Finger über das amtliche Blatt.

„Festung Perejmischtsche, die Trockene Trage, danach die Wasserscheide.“ Sein Finger hält an. „Und hier an der alten Schneise ist irgendeine Brandfläche. Garj oder so.“

Prokop rückt die Truhe auf seiner Schulter zurecht.

Am Abend sortiert er im Gasthof die Papiere seines Vaters neu, damit sie dichter liegen. Zwischen den Bündeln mit Bittschriften findet er zwei Dinge, an die er sich nicht erinnern kann.

Das erste ist die Schülerliste aus der Schule seines Vaters: sechsundvierzig Namen, nach Jahren geordnet, mit Notizen darüber, wohin die Menschen gezogen sind, nachdem das Dorf aus den Versorgungslisten gestrichen worden ist. Sein Vater hat die Liste bis zum letzten Winter weitergeführt, als müsste er immer noch beweisen, dass Garj lebt.

Das zweite ist ein altes Blatt, entstanden vor der Gesamtvermessung und noch vor der Geburt seines Vaters. Jemand hat es von Hand gezeichnet. Der Ostrand der Karte reicht über einen Gebirgszug hinaus, den Prokop nicht kennt. Dahinter ist ein Meer eingezeichnet.

Auf allen amtlichen Blättern, die Prokop in seinem Leben gesehen hat, liegen im Osten nur Taiga und der weiße Rand des Papiers.

Er wickelt das alte Blatt wieder in das Leinentuch und versteckt es unter den Bittschriften.

Das Gesetz kann Prokops Erbe verleugnen. Die Papiere seines Vaters gehören trotzdem ihm.

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