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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 22. Der letzte Besucher

Semjon Iljitsch tritt nicht aus dem Spiegel.

Er kommt aus dem Kassenhäuschen.

Nicht als Geist in weißem Licht, nicht als weiser alter Mann, nicht als jemand, der gekommen ist, um alles zu erklären und dem Enkel mit einem einzigen Wort die Last abzunehmen. Er kommt so heraus, wie er sich in Iljas Kindheit bewegt hat: leicht seitlich, als würde er der Kiste mit den Eintrittskarten ausweichen, in seiner alten Weste, mit einem Bleistift hinter dem Ohr und den müden Augen eines Aufsehers, der seine Schicht viel zu lange nicht beendet hat.

Rudnoi weicht einen Schritt vor ihm zurück.

Es ist die erste ehrliche Regung von Angst, die Ilja an ihm sieht.

Semjon Iljitsch sieht nicht Rudnoi an.

Sondern Ilja.

„Ich habe dich gebeten, nicht allein reinzugehen.“

Warja steht neben ihm. Sie berührt ihn nicht. Sie ist einfach nah genug, dass es bereits als Antwort zählt.

„Ich bin nicht allein“, sagt Ilja.

Sein Großvater nickt.

„Besser als ich.“

Diese beiden Worte bringen Ilja beinahe zum Zusammenbrechen.

Beinahe.

Aber die Nacht ist noch nicht beendet.

Das Buch liegt zwischen ihnen. Auf Semjon Iljitschs Seite stehen die Zeilen dichter als bei allen anderen. Keine Summen. Namen.

Familie Sinizyn.

Nina Pachomowas Sohn.

Zwei Frauen vor Kirow.

Der Junge mit den Medikamenten.

Der namenlose Ertrunkene.

Andrei Gordejew.

Michail Kudin.

Olja Melnik.

Und noch Dutzende mehr, bei denen die Schrift des Buches bald dunkler, bald blasser wird, als wüsste das Gruselkabinett selbst nicht, wie es einen Menschen verbuchen soll, der mit derselben Hand die einen gerettet und die anderen eingeschlossen hat.

Semjon Iljitsch sagt:

„Ich dachte, wenn ich sie hier festhalte, kommen wenigstens die Lebenden wieder raus.“

Ilja antwortet:

„Einige sind rausgekommen.“

„Einige nicht.“

„Ja.“

Sein Großvater sieht Warja an.

„Andrei habe ich nicht mehr herausbekommen.“

Warja fragt nicht, warum.

Das ist wichtiger als Vergebung.

Semjon Iljitsch sagt es von selbst:

„Ich hatte Angst. Nicht vor Rudnoi. Davor, dass er alles andere verbrennt, wenn ich die Wand öffne. Ich habe die ausgewählt, die ich nachts wegbringen konnte. Und Andrei habe ich als Zeile stehen lassen. Bis zu einem besseren Zeitpunkt.“

„Der bessere Zeitpunkt ist nie gekommen“, sagt Warja.

„Ich weiß.“

Keine Rechtfertigung.

Kein schöner Grund.

Nichts von der Geschicklichkeit seines Großvaters, mit der er in Iljas Kindheit einen beängstigenden Gang in einen heiteren Ausgang ins Licht verwandelt hat.

Nur Schuld.

Ilja nimmt das Buch.

Rudnoi sagt leise:

„Wenn Sie es schließen, legen Sie den Mechanismus still. Denken Sie nach. So etwas gibt es nur einmal in einer Generation. Man kann es lenken.“

Ilja sieht ihn an.

„Genau deshalb muss es verstummen.“

Er schlägt Semjon Iljitschs Seite auf und beginnt, die Namen vorzulesen.

Nicht alle.

Bis zum Morgen könnte er sie nicht alle vorlesen. Und er hat kein Recht, so zu tun, als könnte eine einzige Stimme vierzig Jahre ungeschehen machen. Er liest die Namen derer vor, die sein Großvater gerettet hat. Und nach jedem Namen sagt er, was gekauft worden ist: eine Eintrittskarte, Medikamente, eine Beerdigung, ein Zimmer, ein neuer Nachname, eine Fahrt. Dann liest er die Namen derer vor, für die sein Großvater nicht rechtzeitig da war. Und nach jedem Namen sagt er, was nicht getan worden ist.

Andrei Gordejew. Nicht hinausgeführt.

Michail Kudin. Zu Lebzeiten nicht rehabilitiert.

Olja Melnik. Nicht aus der gefälschten Liste gestrichen.

Sergei Lomin. Nicht als Leichnam gefunden.

Die Stadt hört über die alten Lautsprecher zu.

Manche am Zaun gehen. Sie halten es nicht aus. Manche bleiben. Manche ziehen ihr Handy hervor, aber Maja bringt sie mit einem Blick zum Stehen, und die Leute nehmen die Hände wieder herunter. Nicht alles muss zu einer Aufnahme werden, bevor es zur Wahrheit geworden ist.

Semjon Iljitsch steht vor dem Kassenhäuschen und altert vor ihren Augen.

Nicht körperlich.

In seinem Recht zu schweigen.

Mit jedem Namen schwindet es.

Als Ilja die letzte Zeile erreicht, öffnet sich die Kasse von selbst.

Darin liegt die Ecke einer alten Tageskarte. In Kinderschrift steht darauf:

Für Opa, wenn er zumacht.

Ilja begreift nicht sofort, was er in der Hand hält.

Dann erkennt er die ungelenken Buchstaben.

Es ist seine Handschrift.

Aus jenem Alter, in dem ein Kind noch glaubt, einem Erwachsenen mit einer Eintrittskarte helfen zu können, mit einem Zettel, einem versteckten Bonbon, dem Schlüssel zu einer Spielzeugkiste. Damals hat er gedacht: Opa arbeitet an einem unheimlichen Ort, also braucht auch er einen Ausgang. Und wenn Opa eines Tages müde wird, findet er die Karte in der Kasse und geht hinaus wie alle anderen Besucher.

Ein komischer Kindergedanke.

Der treffendste seines ganzen Lebens.

Semjon Iljitsch sieht diesen Fetzen an, als hätte er davor mehr Angst als vor Rudnoi, den Spiegeln und dem Nachtbuch zusammen.

„Du hast ihn aufgehoben?“, fragt Ilja.

„Ich konnte ihn nicht wegwerfen.“

„Warum?“

Sein Großvater fährt mit dem Finger über den Rand der Karte.

„Weil du damals als Einziger die Regel verstanden hast. Das Unheimliche darf man nicht einfach ertragen. Man muss einen Ausweg daraus finden.“

Ilja erinnert sich an sich selbst als kleinen Jungen. Wie er Angst hatte, durch den letzten Gang des Gruselkabinetts zu gehen. Wie sein Großvater hinter dem Ausgang gewartet und gesagt hat: Das Unheimliche darf dir nicht bis nach Hause folgen. Es muss dort bleiben, wo du es gesehen hast.

Damals hat Ilja geglaubt, sein Großvater könne jede Tür schließen.

Jetzt begreift er: Sein Großvater hat die Tür sein Leben lang mit der Hand zugehalten und es Abschließen genannt.

Ilja legt die Karte in das Buch.

„Semjon Iljitsch Lasarew“, sagt er. „Aufseher. Hat gerettet. Hat geschwiegen. Hat Geld genommen. Hat die Lebenden fortgebracht. Hat die Toten zurückgelassen. Die Schuld ist gehört worden.“

Das Buch wartet.

Das Gruselkabinett wartet.

Warja sagt leise:

„Keine Vergebung.“

Ilja nickt.

„Keine Vergebung.“

Er schreibt die letzte Zeile dazu:

Schuld durch Handeln beglichen.

Die Kasse klingelt.

Nicht laut.

Wie eine Münze, die endlich nicht in irgendeiner Tasche landet, sondern vor allen auf dem Tisch.

Semjon Iljitsch sieht Ilja an, dann Warja, dann Nina, Maja, Klawa, Michail Kudins Tochter, Sujew am Übertragungspult und Rudnoi, der zum ersten Mal keine Funktion mehr ist, sondern ein alter Mann in einem fremden Zimmer.

„Die Angst muss einen wieder hinauslassen“, sagt sein Großvater.

„Ich weiß“, antwortet Ilja.

„Dich auch.“

Danach verschwindet Semjon Iljitsch.

Ohne Licht.

Ohne Rauch.

Das Kassenfenster ist einfach leer.

Rudnoi bleibt.

Das Gruselkabinett ertränkt ihn nicht, verbrennt ihn nicht, zerrt ihn nicht in den Spiegel. Maja legt ihm erst bei Tageslicht Handschellen an, während die Leute aus der Stadt noch immer am Zaun stehen und nicht wissen, wie sie miteinander reden sollen nach einer Nacht, in der sie zu viele ihrer eigenen Nachnamen gehört haben.

Sujew läuft nicht weg.

Er steht neben den Maschinen und übergibt Maja selbst die Kopien der Unterlagen. Sein Gesicht ist grau. Doch seine Stimme bleibt fest.

„Das ist keine Wiedergutmachung“, sagt Maja.

„Ich weiß.“

„Gut. Dann fangen wir mit dem Protokoll an.“

Gleb Sawin kommt erst am Morgen zum Zaun.

Dünn, mit derselben grauen Strähne an der Schläfe, die Hände in den Taschen und dem Gesicht eines Jugendlichen, der in einer Nacht begriffen hat, was ein Druck auf den Knopf ‚Live gehen‘ kosten kann. Maja gibt ihm sein Handy in einem durchsichtigen Beutel zurück.

„Die Originalaufnahme kommt zu den Akten. Eine Kopie bekommst du später.“

Gleb sieht auf den Bildschirm. Noch immer ist dort das Symbol zum Veröffentlichen zu sehen.

Er könnte darauf drücken.

Die Stadt würde zusehen.

Er schaltet das Handy aus.

„Nicht alles Unheimliche muss man zeigen“, sagt er.

Ilja lobt ihn nicht. Auch das wäre zu viel. Manchmal tut ein Mensch zum ersten Mal das Richtige, ohne dafür Applaus zu erwarten, und dann ist es am besten, seine Tat nicht in eine Szene zu verwandeln.

Nina Pachomowa schließt das Kassenhäuschen um sechs Uhr morgens ab.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren dreht sie den Schlüssel um, ohne darauf zu lauschen, ob sich die Schublade von selbst öffnet.

Warja geht mit den Arbeitern und Maja zum Spiegelpavillon. Die dritte Stütze wird nicht sofort eingerissen. Zuerst spannen sie Absperrband. Dann rufen sie Menschen, die wissen, wie man Tote birgt, ohne dass die Lebenden den Ort ihrer letzten Wahrheit zertrampeln.

Aus dem zugemauerten Kabelschacht holen sie nicht nur den Plan und die Arbeitsmarke.

Dort liegt die echte Liste der Gruppe.

Klawa hält sie mit beiden Händen und liest nicht laut, sondern nur mit den Lippen, als hätte sie Angst, wieder zu früh für jemanden zu antworten.

„Diesmal machen wir einen richtigen Appell“, sagt sie. „Mit den Angehörigen. Und für die Abwesenden antwortet niemand mehr.“

Warja steht neben ihr. Ilja steht ein Stück dahinter.

Nicht weil ihr Schmerz geringer ist als seiner.

Sondern weil er jetzt begreift, wo sein Recht zu sprechen endet.

Am Abend ist der Park leer.

Nicht tot.

Leer.

Es ist eine andere Stille.

Am Kassenhäuschen hängt ein einfacher Zettel:

Geschlossen bis zum Abschluss der Abrechnung.

Keine Gruselplakate. Keine Versprechen des lebendigsten Horrors der ganzen Region. Keine Räume, in denen die Schuld anderer zum Effekt wird.

Kurz vor Mitternacht stehen Ilja und Warja am Eingang des Gruselkabinetts.

Die Kette ist abgenommen. Die Siegel liegen in einem Beutel bei Maja. Das Buch ist geschlossen. Ninas Schlüssel ist umgedreht. Der Schaltraum schweigt.

„Was wird jetzt aus dem Park?“, fragt Ilja.

Warja sieht ihn an.

„Fragst du mich das wirklich als Elektrikerin?“

Er lächelt müde.

„Als jemanden, der weiß, wo man hier besser nicht mit den Händen hinfasst.“

Sie denkt nach.

„Zuerst holen wir alle raus, die wir rausholen können. Dann entscheiden wir, was hier überhaupt noch betrieben werden darf.“

Das ist nicht das Ende eines Geschäfts.

Und nicht der Anfang einer neuen Institution.

Es ist ein Plan für den Morgen.

Manchmal reicht das.

Zum ersten Mal in diesen Tagen sucht Ilja in diesem Satz nicht nach einer verborgenen Regel. Er fragt nicht, was das Gruselkabinett für einen einfachen Morgen verlangen wird. Er rechnet nicht schon im Voraus aus, wen er retten muss, wem er glauben, bei wem er sich entschuldigen muss. Er merkt sich nur: zuerst der Morgen.

Um Mitternacht öffnet sich die Kasse nicht.

Kein Klicken.

Kein Scharren.

Keine Stimme aus dem Fenster.

Nur der leere Park, ein Hund weit hinter dem Zaun und der Wind in den alten Fähnchen, die seit den Maifeiertagen niemand abgenommen hat.

Warja fragt nicht, was das bedeutet.

Ilja auch nicht.

Sie stehen einfach nebeneinander und lauschen der Stille, die zum ersten Mal nichts verlangt.

Am Morgen findet Maja im Spalt der Kasse eine fremde Eintrittskarte.

Darauf steht kein Name. Nur der blasse Stempel eines Wanderjahrmarkts und ein Datum, das noch in der Zukunft liegt.

Ilja sieht die Karte an.

Dann öffnet er das geschlossene Buch, legt sie zwischen die leeren Seiten und schließt es wieder.

Nicht weil er keine Angst hat.

Sondern weil er zum ersten Mal weiß: Nicht jede Tür muss man noch in derselben Nacht öffnen.

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