Am Morgen weiß die Stadt bereits, dass siebenundvierzig Tote den Keller lebend verlassen haben.
Gerüchte verbreiten sich in Lambern schneller als Gas aus einem geborstenen Rohr. Von den siebenundvierzig Arbeitern erzählen Straßenkehrer, Köchinnen und Zeitungsjungen, die ihre Schlagzeilen ausrufen, noch bevor die Druckerschwärze trocken ist.
Bis zum Mittag hat sich vor dem Senat eine kleine, aber lautstarke Menge versammelt: Arbeiter aus den Unteren Bögen, Schuldenschreiber, Reporter, Frauen mit Kindern und zwei geweihte Buchhalter aus dem Börsenhaus. Sechs Beamte der Lampenpolizei bewachen den Eingang und wissen offensichtlich nicht, ob sie die Versammelten als Zeugen oder Aufrührer behandeln sollen.
Miren wird weder als Gefangener noch als Beamter vorgeführt.
Man hat ihn in die Liste der Verhandlungsgegenstände aufgenommen.
Das ist demütigend, doch wenigstens darf Miren bis zum Ende bleiben: Einen Menschen kann man hinauswerfen, ein Verhandlungsgegenstand muss geprüft werden.
Rona geht ohne Ring neben ihm. An ihrem Finger ist ein schmaler roter Schnitt vom Glas zurückgeblieben. Otto Krei hält sich auf der anderen Seite des Korridors und sieht demonstrativ nicht zu ihr hin.
„Man wird Ihnen verbieten, Zeugnis abzulegen“, sagt Miren.
„Hat man schon.“
„Sie hätten den Ring nicht zerschlagen müssen.“
„Sie hätten die Todesfälle unterschreiben können.“
„Danke.“
Rona sieht ihn verständnislos an.
„Ich habe es nicht für Sie getan.“
„Ich weiß. Deshalb bedanke ich mich.“
Der Sitzungssaal des Senats ist rund, doch die Sessel der Senatoren ragen trotzdem über den Plätzen für die Zeugen auf. In der Mitte steht ein Tisch für strittige Dokumente. Miren wird daneben aufgestellt, Rona bekommt einen Platz auf der Bank für verunreinigte Zeugen, wo gewöhnlich Wahrsagerinnen, trinkende Notare und Menschen landen, die ihren eigenen Tod vorzeitig gesehen haben.
Die Lampen unter der Kuppel wärmen die Hinterköpfe, doch der Boden bleibt kalt. Im Saal riecht es nach nasser Wolle, Tinte und billigem Tabak. Auf Lidas Ärmel ist ein schwarzer Tropfen Druckerschwärze getrocknet, und der schläfrige Mal versucht, ihn mit dem Fingernagel abzukratzen.
Otto spricht als Erster. Er spricht gleichmäßig und bedächtig.
„Inspektorin Weir hat gegen die Dienstordnung verstoßen, das Lampensiegel zerstört und mit einer Person, deren Rechtsstatus ungeklärt ist, ein privates Protokoll aufgenommen. Ihre Aussage im Fall der Siebenundvierzig kann nicht als offiziell gelten.“
Die Senatoren nicken. Rona schweigt.
Dann erhebt sich Rowik.
Er legt lediglich achtundvierzig Blätter auf den Tisch, und die Senatoren beugen sich vor, um sie zu betrachten.
„Das Ministerium dankt Herrn Ost für die Entdeckung einer Schwachstelle im Formular. Siebenundvierzig Einträge sind bis zur persönlichen Überprüfung wiederhergestellt. Inspektorin Weir hat außerhalb ihres Dienstes gehandelt, daher trägt die Stadt keine Verantwortung für ihren persönlichen Fehler. Herr Ost wird als verstorbene, aber funktional nützliche Person unter einem Sonderprotokoll in den Status eines Nachtantragstellers versetzt.“
Hinter Miren flüstert jemand: „Antragsteller.“ Die Amtsbezeichnung ist eine Falle. Ein Antragsteller darf lediglich ein Gesuch einreichen, aber weder einen Fall führen noch die endgültige Entscheidung beeinflussen.
Rowik legt eine dünne Mappe vor ihn.
„Sie dürfen Dokumente im Namen jener einreichen, die das gewöhnliche Register nicht mehr anerkennt. Dafür wird jedes Ihrer Anliegen Teil Ihrer eigenen Akte. Ihr Zimmer, Ihre Briefe, Ihre frühere Stelle und Ihr Eigentum werden in die Verwahrstelle für sachliche Umstände überführt.“
„Von meinen Sachen gibt es jetzt mehr als von mir“, sagt Miren.
„Sie lernen schnell.“
Senatorin Elsa Mott, eine Frau in einem dunkelgrünen Kleid ohne eine einzige Falte, hebt endlich den Blick.
„Herr Minister, was ist mit dem achtundvierzigsten Blatt?“
Im Saal wird es stiller.
Rowik nimmt das Blatt mit dem leeren Gesicht.
„Eine technische Folge des Eingriffs. Kein Mensch. Ein Übergangsfehler.“
Lida Voss ist als Verfahrensbeteiligte in den Saal eingelassen worden. Von der Galerie ruft sie laut:
„Das haben Sie über uns auch gesagt.“
Die Senatoren fahren empört herum: Lida hat ohne Erlaubnis gesprochen. Mal schläft mit offenem Mund in ihren Armen. Auf seiner Wange ist ein Fleck Druckerschwärze zurückgeblieben.
Miren sieht Rowik an.
„Zeigen Sie die Formulierung.“
„Welche?“
„Die, in der erklärt wird, wodurch sich ein Fehler von einem Menschen unterscheidet.“
Rowik lächelt, aber nicht mit den Augen.
„Seien Sie vorsichtig, Herr Ost. Wenn Sie vom Senat verlangen, festzulegen, wer als Mensch gilt, könnte er Ihnen antworten.“
Niemand lacht.
Um seine Niederlage nicht öffentlich eingestehen zu müssen, setzt der Senat eine Kommission ein. Die siebenundvierzig Arbeiter behalten vorläufig ihren Status als Lebende. Rona verliert vorläufig das Recht, offiziell Zeugnis abzulegen. Miren erhält vorläufig sein Amt. Der Achtundvierzigste wird vorläufig für nicht existent erklärt.
Solche vorläufigen Entscheidungen können jahrelang gelten.
Nach der Sitzung geht Rona nicht zur Polizei. Sie kauft bei einem Zeitungsjungen ein billiges Heft: ohne Wasserzeichen, ohne Registrierung, ohne Felder für Siegel. Sie setzt sich auf die Stufen des Senats und beginnt zu schreiben.
„Was ist das?“
„Ein Protokoll.“
„Das wird nicht anerkannt.“
„Das brauche ich auch nicht. Hauptsache, ohne mich kann keiner etwas darin ändern.“
Sie schreibt langsam, weil der geschnittene Finger schmerzt. Miren sieht zu, wie auf dem grauen Papier Einträge über den Körper ohne Gesicht, die siebenundvierzig Arbeiter, Lida, Mal, den zerbrochenen Ring, Rowik, den Nachtantragsteller und das leere Blatt erscheinen.
Dann hält Rona inne.
In der untersten Zeile ist ein Satz erschienen, den sie nicht geschrieben hat. Die Tinte ist ihre, auch die Handschrift sieht fast aus wie ihre, doch die Buchstaben haben eine andere Neigung.
„Trau Miren nach Mitternacht nicht.“
Rona hebt langsam den Blick.
„Nach welcher Mitternacht?“, fragt Miren.
Das Heft schreibt von selbst weiter:
„Nach der ersten, die er überlebt.“
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