Sobald das Schiff auf Kurs ist, blickt Sam lange auf die Erde.
„Vor zwei Jahren habe ich noch auf der Straße geschlafen“, sagt er. „Jetzt fliege ich los, um den Mond zu retten.“
„Die Menschen auf dem Mond“, korrigiert Xinghe ihn.
„Das klingt noch unglaublicher.“
Mubai denkt an etwas anderes. Mit Xinghes Erscheinen hat sein geregeltes Leben geendet. Zu seiner früheren Ruhe will er längst nicht mehr zurück.
Auf der Mondoberfläche erwartet sie ein mehrere Hundert Meter hohes Bauwerk, das vollständig aus schwarzen Energiekristallen besteht. Von seiner Ausdehnung her gleicht es einer kleinen Stadt, doch die Satelliten der Erde haben es kein einziges Mal erfasst. Vermutlich verbirgt ein Feld die Basis, das Signale unterdrückt. Der Eingang ist von außen kaum zu erkennen. Erst als die drei Shi Jians Anweisungen folgen, finden sie eine der kleinen Türen und betreten einen dunklen Korridor. Wenige Minuten später öffnet sich vor ihnen eine gewaltige Halle mit Straßen, Gras, Bäumen und einem künstlichen Himmel.
Im Inneren gibt es ein eigenes Schwerkraftsystem und einen geschlossenen Sauerstoffkreislauf. Die Landschaft sieht irdisch aus, doch alles darin ist eine Nachbildung. Shi Jian erklärt, dass die meisten Bewohner als Kinder hierhergebracht worden sind. Sie sind in geschlossenen Räumen aufgewachsen und können sich kaum noch an die echte Erde erinnern. Helan Yuan war der Ansicht, Wissenschaftler bräuchten weder Unterhaltung noch Wahlfreiheit oder ein Privatleben. Die Basis ist mit automatisierten Fabriken und Laboren ausgestattet worden, während die Menschen zu Arbeitskräften geworden sind, die bis an ihr Lebensende seine Technologien weiterentwickeln sollten.
Der echte Helan Yuan hat nichts mit dem jungen Mann gemeinsam, den die Welt auf ihren Bildschirmen gesehen hat. Vor Xinghe sitzt ein entstellter alter Mann mit gelähmtem Körper. Sein attraktives Äußeres existiert nur in der virtuellen Realität. Auf der Basis sind jahrelang Gedächtniszellen und Veränderungen der DNA erforscht worden, weil Helan Yuan davon geträumt hat, sein Bewusstsein in einen gesunden Körper zu übertragen. Die Arbeit ist zum Stillstand gekommen, und er kann nicht ertragen, für immer ein Gefangener seiner eigenen Gebrechlichkeit zu bleiben. Seit er die Hoffnung auf einen neuen Körper verloren hat, ist er noch gefährlicher geworden.
Beim Essen überzeugt sich Xinghe davon, dass die Bewohner der Basis wirklich zur Erde zurückkehren wollen. Zu Ehren der Gäste serviert man ihnen einen seltenen nahrhaften Brei, der hier als Delikatesse gilt. Als Sam von Eiscreme, gebratenem Fleisch, Meeresfrüchten und heißer Suppe zu erzählen beginnt, hören ihm die erwachsenen Wissenschaftler fast wie Kinder zu. Sie fragen, ob man sich auf der Erde sein Essen wirklich selbst aussuchen und sich satt essen darf. Hinter den komischen Fragen steht ein einfacher Wunsch: Sie wollen die echte Welt sehen und zum ersten Mal selbst über ihr Leben entscheiden. Shi Jian bestätigt, dass die Menschen bereit sind, die Basis zu verlassen und nach Hause zurückzukehren.
Während die Evakuierung vorbereitet wird, versucht einer der Mitarbeiter, die Computer im Kontrollzentrum zu zerstören. Mubai kann ihn noch aufhalten, doch das Schutzsystem ist bereits aktiviert. Sirenen warnen davor, dass die gesamte Basis bald versiegelt wird. Xinghe analysiert das Programm in aller Eile und befiehlt allen, zu den Schiffen zu gehen. Nur sie kann das Schutzsystem knacken, also muss sie am Terminal zurückbleiben. Für Diskussionen ist keine Zeit: Wenn die Menschen bei ihr bleiben, verlieren sie ihre einzige Chance, die Schiffe zu erreichen, bevor sich die Schleusen schließen.
Shi Jian beginnt mit der Evakuierung. Sam geht, um beim Einsteigen zu helfen. Mubai bleibt.
„Du musst gehen.“
„Störe ich dich?“
„Nein.“
„Dann bleibe ich.“
Als der letzte Mensch das Schiff erreicht, bleibt noch eine Minute bis zur Abriegelung. Xinghe findet eine Schwachstelle in der Architektur des Programms und hebt die Sperre auf. Sie schaffen es an Bord des letzten Schiffs. Zum ersten Mal fliegen die Bewohner der Basis nicht auf Helan Yuans Befehl.
Helan Yuan wird mitgenommen: Niemand hat vor, den Gefangenen auf der Basis sterben zu lassen. Während des Flugs bestätigt er, dass Xinghes Mutter Xia Wa das Satellitensystem entwickelt hat. Dann kommt es beinahe zu einer weiteren Katastrophe. Kai Li, der den Gefangenen bewacht, geht plötzlich auf den Notfallknopf zu und versucht, ihn zu drücken. Sam kann ihn rechtzeitig abfangen. Später schwört Kai Li, er habe nicht gewusst, was er tat. Da gewöhnliche Hypnose bei den Bewohnern der Basis nicht wirkt, bleibt unklar, auf welche Weise Helan Yuan ihn beeinflusst hat. Von nun an wird er ununterbrochen überwacht.
Nach der Landung können sich die Mondbewohner lange nicht von den gewöhnlichsten Dingen losreißen. Sie berühren Gras, blicken in den Himmel, spüren den Wind und staunen darüber, dass der Mond nun über ihnen hängt, statt unter ihren Füßen zu bleiben. Beim Begrüßungsessen zeigt sich, dass Xinghe aus gutem Grund darum gebeten hat, reichlich Essen zuzubereiten. Die Menschen probieren alles, wovon Sam ihnen erzählt hat, und verbergen ihre Begeisterung nicht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erhalten sie keine festgelegte Portion geschmackloser Nahrung. Sie dürfen selbst ein Gericht auswählen und um Nachschlag bitten.
Die Freude endet, als der internationale Rat den Neuankömmlingen eine zwei Quadratkilometer große Insel zuweist. Offiziell heißt das Quarantäne. Tatsächlich können sich die Staaten nicht darauf einigen, wem das Wissen der Mondwissenschaftler gehören soll, und entscheiden sich für eine Lösung, die jeder vorsichtige Besitzer kennt: den Schatz einschließen und bewachen lassen.
Xinghe beendet den Streit und fragt die Bewohner der Basis, ob sie ihr vertrauen. Als sie zustimmen, verspricht sie, ihnen zur Freiheit zu verhelfen. Vor der Abreise übergibt Shi Jian ihr einen geschützten Datenträger mit den Forschungsergebnissen. Zurück in Hua Xia verlangt Tong Liang, dass Xinghe das Gerät herausgibt, obwohl sie weder einen richterlichen Beschluss noch irgendeine andere Rechtsgrundlage vorweisen kann. Xinghe gibt den Datenträger nicht her. Sie weiß, dass ein Versprechen allein nicht genügt: Solange das Wissen der Mondwissenschaftler sie einzigartig macht, werden die Staaten in diesen Menschen entweder eine Waffe oder eine Beute sehen. Sie muss die Verhältnisse selbst verändern.
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