In der letzten Januarnacht des Jahres 1725 schläft der Winterpalast nicht. Kerzen wandern durch die Korridore, im Nebenzimmer streiten Ärzte im Flüsterton, und vor der Schlafzimmertür wechselt alle zwei Stunden die Wache, als würde sie nicht einen Kranken beschützen, sondern das ganze Imperium. Am Bett wartet man auf das letzte Wort. Peter hört Schritte, angehaltenen Atem und Wachstropfen, die auf Bronze fallen, kann aber nicht antworten. Vierzig Jahre lang hat er Werften, Wintermärsche und Kanonendonner ausgehalten. Jetzt kann er nicht einmal die Hand heben.
Auf dem Tisch am Kopfende liegt ein Blatt Papier. Man hat es ihm noch am Abend gebracht, als der Kaiser gehofft hat, seinen Nachfolger benennen zu können. Die Feder ist bis zum zweiten Wort gekommen und dort stehen geblieben: „Gebt alles …“ Danach bricht die Zeile ab, und niemand im Raum wagt zu fragen, wem.
Peter schaut auf die unvollendete Zeile und denkt nicht an seinen Nachfolger.
Er denkt an seinen Sohn.
Alexei ist vor sieben Jahren gestorben, und auf dem Papier war alles sauber: Untersuchung, Geständnis, Urteil. Peter hat selbst die Fragen gestellt, selbst die Wahrheit verlangt und selbst erlaubt, sie mit Schmerzen zu erzwingen. Dann ist sein Sohn in der Festung gestorben, noch vor der Hinrichtung. Der Staat hat weitergearbeitet, als hätte man aus einem gewaltigen Mechanismus nur ein defektes Teil entfernt. Damals hat Peter das Notwendigkeit genannt. Ein stabiles, amtliches Wort. Man konnte fast alles damit verdecken.
Jetzt hilft es nicht mehr.
Anstelle des weißen Blattes liegt plötzlich ein Buch vor Peter. Schwarz, dick, den Amtsbüchern seiner Jugend ähnlich: eiserne Ecken, von Händen dunkel geworden, unebenes Papier mit Flecken. Peter wundert sich nicht. Sterbende sehen vieles. Doch die Buchstaben auf der Seite tragen seine eigene hastige Handschrift, in der er ein Leben lang Erlasse und Urteile verfasst hat.
Es gibt nur eine Zeile: „Schuld eingetrieben. Erbe.“
Er will fragen, welche Schuld und wer sie eingetrieben hat, doch er weiß es bereits. Das Wissen kommt wie Schmerz: sofort und vollständig. Der Name seines Sohnes steht vor der nächsten Zeile. Eine nächste Zeile gibt es nicht.
Peter versucht umzublättern. Seine Finger gehorchen nicht. Der letzte Atemzug bleibt in seiner Brust stecken, der Raum schwimmt davon, und irgendwo in der Ferne schlägt eine Trommel, viel zu gewöhnlich für einen Palast. Hier gibt es niemanden, der ein Signal geben müsste. Trotzdem kommt der nächste Schlag näher und drängender. Die Trommel ruft einen Rekruten in die Reihe.
Peter atmet ein.
Die Luft schneidet in seine Lunge wie in der Kindheit nach einem Eisloch. Er fährt hoch, setzt sich und schlägt mit der Stirn gegen den niedrigen Holzrand des Bettes. Es ist nicht sein Bett. Auch das Zimmer gehört ihm nicht: eng, dunkel, mit einem kleinen Glimmerfenster, hinter dem der frühe Morgen grau wird. Es riecht nach Wachs, Staub und warmem Brot. Auf der Decke, wo die schwere Hand eines zweiundfünfzigjährigen Mannes liegen sollte, sieht er die schmalen Finger eines Kindes.
Lange schaut er sie an und wagt nicht, sich zu bewegen.
Hinter der Wand befiehlt eine Frauenstimme, Wasser zu bringen. Eine gewöhnliche häusliche Stimme, nach einer schlaflosen Nacht etwas heiser. Peter erkennt sie, bevor er es bewusst begreift, und dreht den Kopf einige Augenblicke lang nicht. Er hat Angst.
Natalja Kirillowna kommt ohne anzuklopfen herein. Zu einem zehnjährigen Sohn kommt man ohne anzuklopfen. Jung, lebendig, blass, mit dunklen Ringen unter den Augen und einem hastig übergeworfenen Tuch. Seine Mutter, die in seinem ersten Leben dreißig Jahre vor jener letzten Nacht gestorben ist, legt eine kühle Hand auf seine Stirn und fragt, ob das Fieber zurückgekommen sei.
Peter antwortet nicht. Er fürchtet, ihm fällt nichts ein, was ein Kind in diesem Moment sagen dürfte.
Auf dem Tisch am Fenster liegt ein aufgeschlagener Kalender. Bis zu seinem zehnten Geburtstag sind es noch ein paar Wochen. Hinter dem Fenster beginnt der Mai 1682.
Morgen stürmen die Strelitzen in den Kreml. Er erinnert sich daran wie an eine Narbe am eigenen Körper.
Peter schließt die Augen und ruft nach dem Buch. Er weiß noch nicht, wie das geht. Er greift einfach danach, wie man im Dunkeln nach einem Säbel greift. Es öffnet sich sofort. Die Zeit hält nicht an: Seine Mutter ruft weiter nach einer Dienerin, die Kerze schmilzt, und die Zeilen zittern im Rhythmus seines Atems.
Diesmal ist die Seite wie eine Abrechnung liniert. Drei Zeilen, drei Zahlen, in seiner Handschrift.
Macht: zwölf.
Vertrauen: achtzehn.
Schuld: vierunddreißig.
Darunter, kleiner, wie eine Randbemerkung in einem Amtsbuch: „Geerbt.“
Peter liest es dreimal. Abrechnungen kann er lesen. Damit hat er sein halbes Leben verbracht. Zwölf bedeutet einen Staat, der gehorchen kann, aber fast nichts aus eigener Kraft schafft. Achtzehn bedeutet Menschen, die aus Angst Befehle ausführen und aus derselben Angst lügen. Und vierunddreißig … Noch weiß er nicht, woraus diese Zahl besteht. Das Wort „geerbt“ versteht er sofort: Die Rechnung ist nicht an ihn gestellt worden, bezahlen muss trotzdem er.
An morgen erinnert er sich klarer als an gestern. Der Ruf, die Naryschkins hätten den Zarewitsch Iwan erwürgt. Die Menge auf dem Platz, der man den lebenden Iwan zeigen wird und der das nicht genügt. Die Freitreppe. Die Speere. Artamon Matwejew, grauhaarig und ruhig, der vor der Menge die Hände hebt. Onkel Iwan, den man zwei Tage später aus dem Palast führt und erschlägt. Onkel Afanassi. Den Geruch von Blut auf Stein, den Peter durch beide Leben getragen hat.
Seine Mutter nimmt die Hand von seiner Stirn. Peter beginnt zu sprechen, weil er neben seiner lebenden Mutter nicht schweigen kann.
„Morgen, wenn die Mittagsglocke schlägt, wird jemand auf dem Platz rufen, Bruder Iwan sei getötet worden. Man muss ihn sofort lebendig vor die Leute bringen. Und Onkel Iwan und Onkel Afanassi müssen noch am Morgen versteckt werden, vor dem ersten Ruf.“
Natalja Kirillowna fragt nicht, woher ihr Sohn die Zukunft kennt. Sie fragt etwas anderes: „Wer hat dir beigebracht, die Namen deiner Verwandten auszusprechen, als wären sie schon tot?“
Peter könnte antworten: „Ich selbst.“ Ich selbst habe das in vierzig Jahren gelernt, in zwei Kriegen und einer Folterkammer. Doch vor ihr sitzt ein zehnjähriger Junge, und ein Junge kann so eine Antwort nicht haben. Zum ersten Mal spürt Peter die ganze Absurdität seiner Lage: Er weiß in diesem Palast mehr als alle anderen und wiegt weniger als jeder von ihnen. Ein junger Zar ohne Regiment, ohne Kasse, ohne eigene Tür. Selbst die Wahrheit klingt aus seinem Mund wie eine fremde Intrige.
Also verlangt er das Einzige, was ein zehnjähriger Zar verlangen kann: einen Kanzleischreiber mit dem Buch über die Rückstände der Strelitzen.
Der Kanzleischreiber heißt Luka Beljajew. Jung, mager, mit einem Tintenfleck am Daumen, der sich offenbar seit Jahren nicht abwaschen lässt. In seinem ersten Leben hat Peter sich diesen Mann überhaupt nicht gemerkt. Jetzt schaut er auf den Tintenfleck und denkt, vielleicht beginnt genau dort sein zweites Leben. Luka verbeugt sich, breitet die Abrechnung aus und liest vor.
Er liest lange. Regiment für Regiment, Sloboda für Sloboda: Monate ohne Sold, nur halb ausgegebenes Brot, umstrittenes Land, Geld, das zweimal versprochen und kein einziges Mal bezahlt worden ist. Auf der dritten Seite ist alles klar. Selbst wenn man die Staatskasse weit aufreißt, kann man in einer Nacht nicht finden, zählen und verteilen, was gar nicht darin liegt.
Aus seinem ersten Leben sind Peter die Gesichter der Mörder auf der Freitreppe geblieben. Den Grund, aus dem Tausende gewöhnliche Soldaten ihnen gefolgt sind, hat die Erinnerung gelöscht. Jetzt liegt dieser Grund vor ihm, sauber liniert und mit Siegeln versehen.
„Finde wenigstens die, die wir sofort bezahlen können“, befiehlt Peter.
Luka ordnet die Familien in Zehnergruppen und stößt auf ein Problem, an dem er offenbar seit Jahren festhängt. Bezahlt man ein Regiment, glaubt das nächste, es werde für seine Geduld bestraft. Verteilt man Brot ohne Eintrag, schaffen die Vorgesetzten die Hälfte beiseite. Verspricht man eine allgemeine Auszahlung, kann bis zum Morgen niemand die Listen prüfen. Ein gebrochenes Versprechen ist schlimmer als Schweigen. Jeder schnelle Ausweg bevorzugt einige wenige und vergrößert die Zahl der Gekränkten.
Da tut Peter etwas, das er in seinem ersten Leben tausendmal getan hat, ohne es zu bemerken. Er fragt nach dem schnellsten Weg.
Das Buch öffnet sich in seinen Händen. Luka, drei Schritte entfernt, verzieht keine Miene. Also kann nur Peter das Buch sehen. Die Antwort steht in derselben Handschrift darin, gleichmäßig und ohne Druck.
Schnellster Weg: nächtliche Verhaftung. Peter nennt die Offiziere, an die er sich als Anführer erinnert, und das Buch bestätigt: In Haft erreichen diese Männer ihre Regimenter nicht vor Sonnenaufgang. Darunter steht in derselben ruhigen Schrift: Schuld entsteht durch Haft ohne bewiesene Tat. Was nach Sonnenaufgang geschieht, weiß das Buch nicht. Genau so steht es dort: „Weiterer Verlauf nicht sichtbar.“
Peter schaut lange auf die Seite.
Das Buch lügt nicht und erteilt keine Befehle. Es hat seine enge Frage ehrlich beantwortet. Peter hat sie so eng gestellt, dass Willkür als einzig richtige Lösung erscheint. Vierzig Jahre lang hat er solche Fragen gestellt und solche Antworten bekommen. Nur hat man sie nicht in ein magisches Buch geschrieben, sondern auf Ermittlungsblätter, und die Handschrift hat nicht ihm gehört, sondern den Schreibern seiner Ämter.
Er schließt das Buch, ohne weiterzulesen.
Von den übrigen Möglichkeiten wählt Peter die, die seinem Herzen am nächsten liegt und zugleich die bescheidenste ist: die beiden Menschen zu retten, die er mit seinen eigenen Händen erreichen kann.
In der Nacht führt man Iwan Naryschkin durch einen Wirtschaftsgang hinaus, an den Köchen vorbei. Afanassi weigert sich zu gehen, bis er mit eigenen Augen sieht, dass sein Bruder schon jenseits der Mauer ist. Überzeugen lässt er sich nicht mit dem Wort des Zaren, das bei einem zehnjährigen Jungen wenig zählt, sondern mit Einzelheiten: Welche Wache in der dritten Stunde wechselt, welche Tür ohne Posten bleibt, wer den Schlüssel zum unteren Tor besitzt. Peter erinnert sich nach vierzig Jahren an all das, und die eigene Erinnerung macht ihm Angst.
Afanassi hört zu, schaut seinen Neffen an und sagt leise: „Wenn du dich auch nur in einem Punkt irrst, sterben wir im Gang.“
„Dann prüf jeden meiner Schritte“, antwortet Peter.
Afanassi prüft. Tür für Tür, Wache für Wache. So geschieht in dem dunklen Gang zwischen Küche und Mauer etwas, das Peter in seinem ersten Leben fast niemandem erlaubt hat: Ein Mensch glaubt seinem Herrscher nicht aufs Wort, und der Herrscher lässt sich überprüfen.
Die Brüder sind vor Tagesanbruch fort.
Bei Sonnenaufgang schaut Natalja Kirillowna ihren Sohn anders an. Nach Fieber sucht sie nicht mehr. In ihrem Blick liegt eine andere, erwachsene Angst: Der Junge hat etwas Unmögliches getan und nicht erklärt, welchen Preis er dafür bezahlt hat.
Zur Mittagsglocke summt der Platz bereits tief und geschlossen wie Wasser unter Eis kurz vor dem Aufbrechen. Alles läuft so, wie Peter es erinnert: der Ruf vom erwürgten Zarewitsch, das Brüllen der Menge. Man führt den lebenden Iwan auf die Freitreppe und stellt ihn vor die Menschen. Für einen kurzen Augenblick, für einen Herzschlag, erlaubt Peter sich zu glauben, das würde genügen. Er hätte bereits etwas verändert.
Dann tritt Artamon Matwejew auf die Freitreppe und hebt die Hände.
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