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DAS IMPERIUM. ZWEITER VERSUCH

Kapitel 11. Eisen und das Recht, etwas auszusondern

Das schöne Rohr birst beim dritten Schuss.

Die Erprobung findet hinter einem Erdwall statt. Peter hat den Guss selbst geprüft, mit der Handfläche über das glatte Metall gestrichen und erlaubt, den Abnahmestempel anzubringen. Der erste Schuss trifft genau. Nach dem zweiten beginnt die Bedienung zu lächeln. Beim dritten reißt das Rohr hinten auf, als hätte man es mit einer Axt gespalten. Ein Splitter schlägt dort in den Flechtzaun, wo einen Augenblick zuvor noch ein Kanonier gestanden hat.

Niemand kommt ums Leben, und das nur, weil der Leiter der Bedienung die Männer vorsorglich hinter den Flechtzaun geschickt hat.

Nikita Demidow wartet, bis das Metall abgekühlt ist, und legt zwei Stücke neben Peter. Eines stammt aus dem geborstenen Rohr, das andere aus einem alten Rohling, den ein Gießer ausgesondert hat. Von außen unterscheiden sie sich kaum. Durch die Bruchfläche des Zarenrohrs zieht sich ein dunkler, poröser Streifen.

„Das Erz weiß nicht, bis wann der Herrscher eine Kanone braucht“, sagt Demidow. „Und die Kohle wird von einem Befehl nicht trockener.“

Peter könnte einwenden, dass man den ersten Riss schon bei Narwa bemerkt hat. Doch bei Narwa hat er nur die Frage gefunden. Jetzt stehen vor ihm der Ofen, das Erz, das Wasser, die Köhler, Fuhrleute und Gießer und ein Mann, für den es sich lohnt, schwaches Metall zu verbergen, bis er sein Geld bekommen hat.

Der Lieferant schlägt einen schnelleren Weg vor. Er verpflichtet sich, die verlangte Zahl Rohre zu liefern, wenn seine eigenen Leute die Qualität bestätigen dürfen. Für die Frist bürgt Iwan Naryschkin. Unter seiner Unterschrift steht das Wort „Ausnahme“: Die militärische Notwendigkeit erlaubt es, nicht auf einen gesonderten Abnahmeprüfer zu warten.

Peter fragt, wer für die geborstene Kanone verantwortlich gewesen wäre.

Der Lieferant beschuldigt den Gießer, der den Köhler, und der Köhler hat noch keinen Lohn bekommen und ist fort. Iwan nennt den Vorfall einen seltenen Fehler, den man nicht über den ganzen Krieg stellen dürfe.

Darauf befiehlt Peter, nicht nur das fertige Rohr zu prüfen, sondern jede Schmelze vor dem Guss.

In jedem Werk wird nun aus jeder Schmelze ein kleiner Barren gegossen. Man bricht ihn, bevor das Metall in die Kanone fließt. Die vorgeschriebene Stärke prüft kein Mann des Eigentümers, sondern ein Abnehmer aus einem anderen Amt. Neben dem Stempel stehen die Namen des Schmelzmeisters und des Prüfers. Wird der Barren versteckt oder ausgetauscht, bleibt die ganze Schmelze auf dem Werkhof, wie viele Kanonen die Armee auch verlangt.

Der erste Prüfer wird jener Gießer, dem der Lieferant die Schuld geben wollte. Vor Zeugen weigert er sich, das Metall seines Herrn abzunehmen. Darauf hält man seinen Lohn zurück und wirft seine Familie aus der Werkswohnung.

Peter gibt dem Gießer Wohnung und Sold zurück, kann aber nicht jeden Prüfer persönlich vor dem Eigentümer und dessen Verwalter schützen. Ohne solchen Schutz bleibt das Recht, schlechtes Metall zurückzuweisen, gefährlich.

Einige Monate später bricht man solche Probebarren in einem anderen Werk, dann noch in einem. Verschiedene Gießer halten dasselbe Kaliber ein, und zwei Bedienungen tauschen Kugeln und können mit fremden Vorräten schießen. Danach erhöht das Buch die Macht.

Die neuen Regeln verbessern das Metall, verlangen aber mehr Kohle, Erz, Straßen und Arbeiter. Im Werksbuch ist zu sehen, wie viele Hände bis zur Frist fehlen. Nur eines lässt sich nicht erkennen: wie viele Winter eine Familie ohne den fortgegangenen Arbeiter überlebt.

Trofim Schurawljow erhält einen neuen Arbeitsbefehl. Seine Arbeit auf der Werft ist beendet, doch für den Transport des Metalls werden Schiffe gebraucht. Auf dem Papier stehen Name, Ort und Zahl der Fuhrwerke. Eine Frist für die Rückkehr fehlt wieder.

Trofim legt das alte Kerbholz daneben. Den einst versprochenen Lohn hat man endlich ausgezahlt, und auch das Recht, eine gefährliche Naht anzuhalten, besteht. Doch der Staat hat gelernt, sein eigenes Versprechen zu umgehen: Er verlängert nicht die frühere Arbeit, sondern beginnt jedes Mal eine neue.

Luka Beljajew führt Werke, Anlegestellen und militärische Aufträge in einem Buch zusammen. Nun lässt sich ein verschwundenes Rohr bis zur Schmelze zurückverfolgen. Im selben Buch ist zu sehen, in welcher Vorstadt noch Pferde stehen und wo ein Arbeiter bereits einen Frondienst geleistet hat.

Der zwölfjährige Alexei Petrowitsch findet eine Familie, die zweimal eingetragen ist: Der Vater wird bei den Köhlern geführt, der älteste Sohn beim Erztransport, und der Hof soll der Armee ein Gespann stellen.

„Alle drei Einträge sind richtig“, sagt er.

Luka antwortet: „Gerade deshalb sind sie gefährlich.“

Peter korrigiert diesen Fall, doch die Produktion erstreckt sich bereits über mehrere Landstriche. Um jede Familie persönlich zu suchen, müsste er den Krieg aufgeben und zum einzigen Schreiber seines eigenen Reiches werden.

Im Jahr 1702, kurz nach dieser Prüfung der Listen, nehmen russische Truppen Marienburg ein. Unter den erwachsenen Gefangenen wird eine Frau namens Marta Skawronska eingetragen.

Peter sieht sie auf Menschikows Wirtschaftshof. Sie trägt einen Stapel sauberes Leinen und bleibt stehen, als sie die beiden Männer an der Tür bemerkt. Sie ist achtzehn und hat dieselben Augen, die Peter nach dem Pruthfeldzug vor Erschöpfung geschlossen in Erinnerung hat, doch ihr Blick ist ein völlig anderer: wachsam und fremd.

Menschikow lächelt, als hätte er vor allen anderen etwas Seltenes gefunden.

„Nimm sie. Im Haus wird sie dir nützen“, sagt er zu Peter.

So bietet Menschikow Pferde, Ämter, Kostbarkeiten und Menschen an, die eine Angelegenheit schnell erledigen können. Wer ein Geschenk annimmt, steht schon vor jedem Eintrag in seiner Schuld.

Beinahe nennt Peter sie Katharina, doch Marta sieht ihn an, ohne ihn zu erkennen.

In seinem ersten Leben ist alles nach dieser Begegnung für ihn mit der Erinnerung an ein Zuhause verschmolzen. Jetzt aber steht vor ihm eine gefangene Frau, die ihn zum ersten Mal sieht. Ein Nicken zu Menschikow würde genügen, und man gäbe sie Peter zusammen mit dem Leinen und dem übrigen Hausrat.

Peter nickt nicht.

„Menschen dürfen nicht auf ein mündliches Wort hin weitergegeben werden“, sagt er.

Menschikow zuckt mit den Schultern. „Dann schreib es auf.“

Marta legt das Leinen auf den Tisch.

„Und wo wird mein Wort aufgeschrieben?“

Während sie das sagt, sieht Marta Peter an.

Der Schreiber murmelt, für eine Ablehnung gebe es keine eigene Zeile. Peter fährt zu ihm herum, legt die Finger auf die Tischkante und holt bereits Luft, um zu schreien.

Marta zieht einen glatten, warmen Stein aus ihrer Schürzentasche und legt ihn unter seine Handfläche.

„Der Tisch kann nichts dafür“, sagt sie.

Peter ist verblüfft. Menschikow schnaubt. Selbst der Schreiber hört auf, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen.

„Warum trägst du einen Stein bei dir?“

„Der ganze Ofen passt nicht hinein.“

Erst als Peter den warmen Stein berührt, bemerkt er, wie fest er die Handfläche auf den Tisch presst. Er lockert die Finger, hebt die Stimme nicht und befiehlt, eine neue Zeile anzulegen. Marta nimmt den Stein zurück, nachdem der Schreiber die Feder eingetaucht hat.

Peter befiehlt, alle erwachsenen Gefangenen in ein gemeinsames Buch einzutragen: Name, Unterhalt, zugewiesene Arbeit und Frist der nächsten Prüfung. Für die Überstellung in ein Privathaus ist ihre Antwort vor einem Schreiber erforderlich. Das gibt einem Gefangenen nicht die Freiheit, sich russischer Herrschaft zu entziehen, trennt aber staatliche Gefangenschaft von einem persönlichen Geschenk.

Als man Marta fragt, ob sie in Menschikows oder Peters Haus gehen will, antwortet sie: „Nein.“

Der Schreiber erstarrt. Menschikow sieht Peter an. Peter zwingt sich, nicht an ihrer Stelle eine bessere Antwort vorzuschlagen.

Die Ablehnung wird eingetragen.

Marta bedankt sich nicht. Sie entscheidet sich, bis zur nächsten Prüfung auf dem allgemeinen Wirtschaftshof zu bleiben, und verlangt zu erfahren, wie lange sie für ihren Unterhalt arbeiten muss. Dann fragt sie, ob ein Teil ihres Lohns für die Suche nach ihren in Livland verlorenen Angehörigen zurückgelegt werden kann. Sie will die Ihren finden und nicht länger davon abhängen, in wessen Haus man sie eines Tages einträgt.

Das Buch öffnet sich nicht. Peter hat sich geweigert, eine Frau als Geschenk anzunehmen, sieht sie aber noch immer als die Ehefrau aus einem anderen Leben. An seinem Blick erkennt Marta früher als er, dass er nicht sie vor sich sieht.

Im folgenden Jahr beginnt man an der Newa, die ersten Pfähle einer neuen Stadt einzurammen. Das Wasser frisst das Ufer, der Wind zerrt an der Kleidung, die Stämme versinken im Schlamm. Peter sieht eine Festung, einen Hafen und den Weg zur Ostsee. Die Arbeiter sehen nasses Brot, ein fernes Zuhause und die nächste Fuhre Steine.

Das Buch erhöht die Macht für den Hafen und den geregelten Nachschub und nennt dann die Zahler: Werksfamilien, versetzte Zimmerleute, Menschen bei den Arbeiten an der Newa. Das Vertrauen sinkt. Für die neue Stadt findet man Arbeiter schneller, als ihre Klagen den Herrscher erreichen. Die Schuld wächst.

Weitere zwei Jahre später bringt Luka eine Klage aus Astrachan. Auf dem Blatt steht eine Eingangsnummer. Im Amtsbuch fehlt die Zeile mit dieser Nummer.

Der Staat kann bereits ein Stück Eisen vom Erz bis zur Kanone verfolgen. Die Klage eines Menschen verschwindet zwischen zwei Tischen.

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