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DIE KARTE, AUF DER ES UNS NICHT GIBT

Kapitel 8. Die Sippe

Der Lagerplatz der Sippe liegt hinter dem Höhenrücken an einem See mit einem langen Namen, den Aiga dem Trupp nicht genannt hat.

Kapiton selbst führt die Vermessung dorthin: Der Streifen muss an den See angebunden werden, und die Sippe lässt sich nun nicht mehr umgehen. Sie gehen in kleiner Zahl und ohne sichtbare Waffen: Kapiton, Prokop mit dem Kartentafelkasten, Frol mit der Kette und Aiga voraus.

Die Tschums stehen für den Winter dicht beieinander. Es riecht nach Rauch, Rentierfellen und Fischsuppe. Die Hunde umrunden die Fremden, legen sich dann mit den Köpfen auf den Pfoten nieder und beobachten sie weiter. Die Rentiere hinter dem Gehege heben alle zugleich die Köpfe.

Saltu kommt aus dem mittleren Tschum.

Prokop erkennt den alten Mann von der Trockenen Trage, der bei der Anwerbung schweigend hinter Aiga gestanden und den Trupp beobachtet hat. Hier ist Saltu nicht mehr der Begleiter der Führerin, sondern der Älteste, hinter dem der ganze Lagerplatz steht.

Sie reden im Tschum am Feuer. Kapiton breitet das Kartenblatt aus und zeigt den Streifen: ein breites gerades Band, das durch den See, durch die Schlucht und durch die Rentierflechtenwälder nach Osten führt.

Saltu betrachtet das Blatt lange. Dann nimmt er eine Knochennadel, wie man sie zum Ausbessern des Geschirrs benutzt, und führt sie über das Papier, ohne es zu berühren: vom See nach Norden, in einer Schleife durch die Wälder, zurück zum Fluss, über den Übergang und nach Süden zu den Winterlagerplätzen.

„Unser Argisch, der Packtierzug der Sajuren“, sagt Aiga. „Der Herbstweg. Im Frühjahr geht es zurück. Großvater zeigt: Dein Band durchschneidet seinen Weg viermal.“

„Das Band ist kein Zaun“, sagt Kapiton. „Auf dem Kartenblatt kann man darüber hinweggehen.“

„Auf dem Kartenblatt, ja“, sagt Aiga. „Aber über die Straße, die nach dem Kartenblatt kommt, geht kein Rentier. Ein Rentier versteht keinen Damm. Wird der Weg einmal durchtrennt, verliert die Sippe einen Tag. Wird er viermal durchtrennt, verliert sie einen ganzen Herbst.“

Saltu legt die Nadel beiseite und wendet sich zum ersten Mal direkt an Kapiton. Durch Aiga spricht er mit ihm und sucht langsam nach den fremden Wörtern:

„Frag deinen Vorgesetzten. Wenn das Band zur Straße wird, wer trägt die Verantwortung?“

Kapiton denkt nach. Er lügt nicht, kann aber auch nicht helfen.

„Nicht ich. Meine Aufgabe ist nur das Vermessen.“

„Eben“, sagt Saltu. An seinem Ton ist zu hören, dass er genau diese Antwort erwartet hat.

Am hinteren Feuer sitzen drei junge Männer, etwa in Tykos Alter. Sie hören dem Gespräch schweigend zu. Einer von ihnen, mit einem neuen Messer am Gürtel, schaut nicht auf die Nadel des Alten, sondern auf das staatliche Kartenblatt und überlegt sichtlich, was ihm die künftige Straße einbringen kann. Für die Alten bedeutet die Straße das Ende des gewohnten Weges, den Jungen verspricht sie Verdienst: Lasten fahren, Holz schlagen, sich als Arbeiter verdingen.

Kapiton schweigt. Er ist ein ehrlicher Staatsdiener und gibt keine Versprechen, die er nicht halten kann.

Prokop schaut auf die Knochennadel in Saltus dunkler Hand. Der Alte hat damit den ganzen Weg gezeigt, ohne eine Karte zu benutzen: Sein Gedächtnis und die Namen der Orte bewahren den Weg.

„Frag ihn“, sagt Saltu plötzlich. Er blickt Prokop an und spricht zu Aiga. „Hört er die Namen?“

„Er hört sie“, sagt Aiga.

Der Alte nickt, ohne sich zu wundern.

„Hinter dem großen Wasser, so heißt es, gab es ein Land, in dem alle in ein Lied aufgenommen waren“, sagt er gleichmäßig, wie ein Sprichwort, das er vor langer Zeit gelernt hat. „Gut, wenn es so ist. Ein Lied lässt sich nicht mit einer Straße durchschneiden. Unser Weg schon. Entscheide, Tochter, was dieser Mann von hier mitnehmen darf.“

Am Abend führt Aiga Prokop zum Übergang.

Der Fluss ist hier schmal und schwarz, mit tückischem Wasser: Die Eisränder haben sich bereits vom Ufer gelöst. Am anderen Ufer stehen in einem alten Weidengebüsch drei Stangen mit verblichenen Bändern.

„Unsere frühere Furt hat weiter südlich bei der alten Straße gelegen“, sagt Aiga. „Als dort ein staatlicher Übergang eingerichtet worden ist, hat man die Furt gesperrt, damit keine Gebühren verloren gehen. Die Sippe hat einen Umweg machen und hier durch das tiefe Wasser übersetzen müssen.“

Sie spricht gleichmäßig, wie jemand, der etwas Auswendiggelerntes aufsagt.

„Mutter ist mit dem letzten Rentierschlitten gegangen. Das Wasser war über Nacht um eine Elle gestiegen, niemand hatte es gemessen. Der Schlitten ist seitlich abgetrieben, das Rentier hat sich verfangen. Mutter hat das Geschirr zerschnitten, damit das Rentier die anderen nicht mit in die Tiefe zieht.“

Prokop schweigt.

„Sie hat das Rentier losgeschnitten“, sagt Aiga. „Sich selbst nicht mehr.“

Das schwarze Wasser schießt an ihnen vorbei. Endlich begreift Prokop, warum Aiga sich den Fremden als Führerin angeschlossen hat. Sie muss selbst entscheiden können, wo die Vermessung verläuft.

„Dein Streifen durchschneidet unseren Weg viermal“, sagt Aiga. „Ich habe gezählt. Vier Übergänge wie dieser, nur neue. Jetzt sag mir, Papiermensch: Wie soll dein ehrliches Kartenblatt dabei helfen?“

Prokop antwortet nicht.

Prokop glaubt, eine Antwort zu haben: Wenn der Weg in die Karte eingetragen wird, kann man ihn nicht mehr ungestraft wegnehmen. Diese Gewissheit stammt aus einem anderen Leben, in dem Karte und Gesetz anders funktioniert haben. Hier kann sie sich als Irrtum erweisen.

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