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DIE KARTE, AUF DER ES UNS NICHT GIBT

Kapitel 10. Jewstignei

Die Kontrollhütte steht an der alten Trasse bei einem dreifachen Messpunkt. Dort lebt ein Mann, den die amtliche Liste als Zeichenwärter führt und den die Fuhrleute schlichter nennen: Jewstignei-mit-dem-Schnapsmaß.

Der Trupp legt bei der Hütte einen Ruhetag ein, um die alten Anschlüsse abzugleichen. Ein Kanzleifuhrwerk, das auf dem Weg nach Osten vorbeikommt, bringt Prokop ein Geschenk: ein Leinensäckchen mit Zwieback und eine mit Kohle geschriebene Nachricht, in großen, unbeholfenen Buchstaben: „Für den Sohn des Lehrers. Werd mir dort nicht dürr. Sekleta.“ Prokop steckt die Nachricht zu der Liste seines Vaters unter sein Hemd und verteilt den Zwieback an den Trupp.

In der Hütte des Wärters gibt es fast nichts: eine Pritsche, einen Tisch und eine Schnapsflasche auf dem Regal. Neben der Tür hängt eine alte, vielfach geflickte Bürste aus Rosshaar. Von der ständigen Arbeit ist ihr Griff weiß und glatt geworden. Mit solchen Bürsten fegt man Schnee und Aufeis von den Messpunkten, damit die Kerben sichtbar bleiben. Der Wärter soll die Trasse einmal im Monat abfahren, doch der abgenutzte Griff zeigt deutlich: Jewstignei besucht die alten Zeichen viel öfter.

Jewstignei selbst ist groß, mager und früh ergraut. Morgens zittern seine Hände, gegen Abend werden sie ruhiger. Er nimmt die alten Journale des Trupps behutsam entgegen und blättert lange darin, bis er plötzlich innehält.

Er hält beim Kartenblatt von Garj inne.

„Meins“, sagt er.

„Ihre Handschrift“, bestätigt Kapiton. „Vermessung vom zweiundzwanzigsten Jahr, südlicher Streifen.“

„Meins“, wiederholt Jewstignei, und seine Hände zittern anders als sonst am Morgen.

Am Abend geht Prokop allein zu ihm. Er stellt den Zwieback und eine bei den Fuhrleuten gekaufte Schnapsflasche auf den Tisch. Jewstignei sieht erst die Geschenke, dann Prokop an. Sein Blick bleibt trotz Müdigkeit und Alkohol klar.

„Du bist gekommen, um Fragen zu stellen.“

„Bin ich.“

„Über Garj.“

„Über Garj.“

Jewstignei schenkt ein, trinkt aber nicht. Er hält das Gläschen in den Händen und wärmt es.

„Achtzehn Höfe“, sagt er. „Eine Schule mit Glocke. Der Lehrer ist sogar zu uns auf die Schneise gekommen und hat uns eingeladen, bei ihm zu übernachten: Bei ihm sei es warm, sagt er, und Bücher gebe es auch. Ich bin nicht mitgegangen. Bis zur Abnahme waren es noch acht Tage, was sollte ich da mit Büchern.“ Jewstignei blickt in sein Gläschen. „Ich erinnere mich, Junge. Glaub bloß nicht, dass ich mich nicht erinnere. Seit zwanzig Jahren sehe ich jede Nacht, wie er auf der Schneise steht und mit der Hand winkt. Er lädt den Mann zum Übernachten ein, der ihn bereits ausgelöscht hat, nur wissen es beide noch nicht.“

„Warum sind Sie nicht hingegangen?“

„Die Frist.“

Jewstignei spricht das Wort aus wie den Namen einer Krankheit.

„Bis zur Abnahme waren es noch acht Tage, bis zum Ende des Streifens noch zwanzig Werst, und das Moor ist aufgetaut. Gehst du nach Garj: zwei Tage hin, zwei zurück, das Kartenblatt wird nicht abgegeben, es gibt keine Prämie, der Trupp muss ohne Sold überwintern. Gehst du nicht: Das Kartenblatt wird fristgerecht abgegeben und alle sind satt.“

„Und Sie haben geschrieben: Brandfläche.“

„Nein“, sagt Jewstignei. „Ich habe gar nichts geschrieben. Ich habe die Stelle leer gelassen und gedacht: Im Frühjahr vermessen wir sie nach. Aber die Kartenwerkskanzlei nimmt keine leeren Stellen an. Sie haben mir das Kartenblatt mit einem fertigen Wort zurückgeschickt: Hier, trag ein: Flur, Brandfläche, Tümpel, Ödland. Das Wort war schon da, Junge. Von fremder Hand, auf einem eigenen Zettel; ich habe es nur übertragen. Ich habe es mir nicht ausgedacht. Ich habe es bloß nicht gestrichen.“

Prokop sitzt reglos da.

„Wessen Zettel?“

„Von einem Schreiber. Aus Meschenzews Kanzlei. Damals saßen sie beim Kartenwerk und gaben fertige Wendungen vor, damit die Vermesser schneller schreiben konnten. Für jede Art Land hatten sie ihr eigenes Wort.“ Jewstignei verzieht den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Bequem. Man hat selbst nicht gelogen, man hat es bloß nicht gestrichen. So ist das halbe Reich beschrieben worden, Junge: Niemand lügt, es streicht nur niemand etwas.“

Er trinkt.

„Kapiton hat erzählt, du hättest nach dem Bürgen für einen Weißraum gefragt“, sagt er plötzlich. „Nach dem einen in hundert Jahren.“

„Kapiton hat nicht zu Ende erzählt.“

„Kapiton ist gut, deshalb hat er nicht zu Ende erzählt. Ich bin böse.“ Jewstignei schenkt noch einmal ein. „Sein Name war Luka Mernik. Als Junge habe ich bei ihm die Kette getragen, so wie du heute. Bei der Vermessung im Norden hat er einen Weißraum gelassen: ein Seengebiet, in das eine Sippe im Sommer gezogen ist. Er wollte nicht, dass es zur Vergabe kommt. Er hat mit seinem Namen gebürgt: Hinter dem Weißraum lägen weder Nutzland noch Wege, die er verschwiegen habe.“

„Hat er gelogen?“

„Hat er. Dort war ein Weg, er hat ihn gekannt und absichtlich verborgen. Drei Jahre später haben die Kanzleileute Aussagen zusammengetragen und einen Zeugen gekauft. Luka hat seine Zulassung, seinen Namen in der Zunft und seinen ganzen Besitz verloren. Bis zu seinem Tod ist er an fremden Messpunkten entlanggezogen und hat den Schnee davon abgefegt. Für seine Beerdigung habe ich meine Kette verkauft.“

Jewstignei blickt an Prokop vorbei auf die Wand, an der alte eingekerbte Bretter hängen.

„Merk dir das, Junge: Nicht der Weißraum hat ihn zugrunde gerichtet, sondern die Lüge, für die er mit seinem Namen gebürgt hat. Mit dem eigenen Namen zu bürgen heißt, dass jeder kommen und es überprüfen kann. Die Wahrheit hält so eine Prüfung aus. Eine Lüge nicht.“

Er hebt sein Gläschen, ohne anzustoßen.

„Ich trinke, damit ich für nichts bürge.“

Prokop geht im Dunkeln von der Hütte zurück. Das Wort, das Garj ausgelöscht hat, ist im Voraus geschrieben worden; ein müder Mann hat es bloß nicht gestrichen. Und die Bürgschaft für einen Weißraum schützt nur den, der nichts zu verbergen hat. Luka Mernik hat unter seinem eigenen Namen gelogen und alles verloren.

Ein kalter Schauer läuft Prokop über den Rücken, und er kommt nicht vom Frost.

Prokop kann sich eine solche Prüfung nicht leisten. In seiner Vergangenheit liegt die Geschichte mit dem Lebkuchen, von der er niemandem erzählt hat.

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