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DIE KARTE, AUF DER ES UNS NICHT GIBT

Kapitel 11. Die Kartentafel

Strojew holt den Trupp zu Beginn der Tauwetterzeit ein. Die aufgeweichten Wege bringen die Arbeit fast zum Erliegen, doch die Abgabefrist wird nicht verlängert.

Der General kommt mit denselben beiden Schlitten, bringt Post, neue Blätter des Kartenwerks und einen Befehl. Ungewöhnlich ernst liest Kapiton ihn dem Trupp vor:

„Der Träger P. Werschinin ist, da er sich als für die Sache befähigt erwiesen hat, zum Vermesser des Streifens zu befördern. Ihm sind Siegel, Kartentafel und seinem Rang entsprechende Verpflegung auszuhändigen.“

Frol schlägt Prokop als Erster so kräftig auf den Rücken, dass die Kette klirrt.

„Vom Träger zum Vermesser, Junge! Seit dreißig Jahren bin ich im Dienst, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Darauf müssten wir trinken, aber du nimmst nichts Süßes, und das Bittere trinke ich selbst.“

Den Eid des Vermessers legt Prokop barhäuptig an der Kartentafel ab, nach der alten Zunftformel, die er auf Strojews Anweisung vollständig und ungekürzt spricht.

Messen, wie das Land liegt, nicht wie der Vorteil es gebietet.

Einen Messpunkt nur vor einem Zeugen setzen.

Den eigenen Namen nicht von einer Korrektur fernhalten.

Kein Kartenblatt mit einer Lüge abgeben, selbst wenn es das letzte vor Ablauf der Frist ist.

„Merk dir“, sagt Strojew, als Prokop geendet hat. „Der Eid ist älter als die Gesamtvermessung. Die Vermessung habe ich erdacht. Den Eid haben Menschen erdacht, die um ihre eigene Schwäche gewusst haben. Er ist nicht für die Ehrlichen geschrieben, Werschinin. Er ist für die Müden.“

Das Siegel ist klein, aus Zinn und mit der Nummer des Streifens versehen. Die echte Kartentafel mit ihrem gehobelten Brett und den Lederriemen riecht nach neuem Leder. Prokop nimmt sie in die Hände und empfindet zugleich Freude und Scham: Er hat genau das bekommen, wovon er so lange geträumt hat.

Nicht einmal Aiga würde Prokop gestehen, dass er seit jenem Besuch in der Kanzlei nicht nur nach Recht und Rache verlangt hat. Er hat davon geträumt, selbst das Recht zu bekommen, Linien zu ziehen und Einträge zu berichtigen. Jetzt hängt es von seiner Hand ab, was auf der Karte erscheint.

Strojew nimmt den Eid des Vermessers persönlich ab. Dann breitet er ein frisches Blatt des Kartenwerks auf dem Tisch aus und fährt mit einem trockenen Finger darüber.

„Dein Streifen, Werschinin. Vom See nach Osten, durch die Kiefernwälder bis zum Fluss.“

Prokop sieht hin und erkennt es.

Die Linie vom See durch die Kiefernwälder bis zum Fluss kreuzt viermal den herbstlichen Argisch, den Packtierzug der Sajuren – genau so, wie Saltu es mit der Nadel gezeigt hat. Prokop hat den umstrittensten Abschnitt des östlichen Kartenwerks bekommen: Hier müsste jeder Messpunkt entweder mit der Sippe abgestimmt oder gegen ihren Willen gesetzt werden.

„Hier liegt das Weideland der Nomaden“, sagt er ruhig. „Der Weg der Sippe. Die Vermessung schneidet ihn viermal.“

„Ich weiß“, sagt Strojew. „Deshalb gebe ich ihn dir. Hör mir zu, Vermesser. Den Lügner auf diesem Streifen finde ich selbst: Lügner hinterlassen Spuren, und ich lese sie seit dreißig Jahren. Aber die Wahrheit kann niemand an meiner Stelle vermessen. Einem ehrlichen Vermesser gebe ich die umstrittensten Kartenblätter: Seinen Zahlen glaubt sogar derjenige, den diese Zahlen durchschneiden.“

Strojew verspottet ihn nicht und versucht nicht, ihn zu täuschen. Gerade deshalb fällt es Prokop besonders schwer, den Auftrag abzulehnen.

„Morgen die erste Messbasis“, sagt Strojew. „Du misst mit Jeschow, nach der Regel: Zwei messen, zwei unterschreiben. Danach führst du den Streifen allein.“

Am nächsten Tag vermessen Kapiton und Prokop vom Messpunkt am See aus eine tausend Saschen lange Messbasis. Die Kette klirrt, Frol zählt, unter der hoch stehenden Sonne weicht der letzte Harsch rasch auf. Unter den Zahlen im Journal stehen zwei Unterschriften: Jeschow und Werschinin.

Kapiton bläst auf die Tinte und sagt, ohne den Kopf zu heben:

„Glückwunsch, Vermesser. Jetzt trägt das Papier deinen Namen. Sieh gut hin, was es mit ihm macht.“

Prokop geht zum Schlitten zurück, um das Fernrohr zu holen, und da sieht er Aiga.

Sie steht bei seinem Sattel und betrachtet die mit Riemen festgeschnallte Kartentafel: das gehobelte Brett, den amtlichen Stempel, das zusammengerollte Blatt des Streifens. An ihrem ruhigen Gesicht lässt sich nicht ablesen, was sie empfindet.

„Aiga.“

„Vermesser“, sagt sie statt seines Namens.

„Der Streifen wird so oder so vermessen. Wenn nicht von mir, dann von einem anderen. Ein anderer misst an der Wahrheit vorbei. Ich kann wenigstens …“

„Ich weiß“, sagt Aiga. „Ich weiß alles, Papiermensch. Du wirst ehrlich messen. Genau darin liegt das Unglück.“

Sie dreht sich um, geht zu den Pferden und fügt hinzu, ohne sich umzusehen:

„Der Hügel am See heißt Wo-die-Rentierkuh-sich-niedergelegt-hat. Schreib in dein Kartenblatt: Seehügel. Die wahren Namen gebe ich dir nicht mehr.“

Am Abend sitzt Prokop über seinem ersten Kartenblatt.

Das reine weiße Blatt ist mit einem Gitternetz versehen. Daneben liegt ein scharf gespitzter amtlicher Bleistift. Prokop nimmt ihn und trägt die ersten Markierungen ein: die Messbasis, zwei Unterschriften, den Messpunkt am See.

Der Bleistift gleitet mühelos.

Er trägt den Hügel ein: Seehügel.

Der schlichte Name passt mühelos ins Gitternetz. Prokop wird unruhig: Genau so verschwinden die wahren Namen. Nicht aus böser Absicht, sondern weil ein für Fremde verständlicher Name schneller eingetragen und leichter genehmigt werden kann.

Er greift schon nach dem Radiergummi, um den erfundenen Namen auszuradieren und den wahren hinzuschreiben: Wo-die-Rentierkuh-sich-niedergelegt-hat. Wenigstens ein lebendiger Name soll im amtlichen Gitternetz stehen.

Dann hält er inne.

Den wahren Namen auf dem amtlichen Kartenblatt würden nicht nur ehrliche Menschen lesen. Die Kanzlei würde damit auf einmal den Lagerplatz, den Rentierweg und den Wert von beidem erfahren. Der erfundene Name bewahrt das Geheimnis besser als die Wahrheit.

Prokop legt den Radiergummi hin.

Er legt den Bleistift beiseite und betrachtet lange das fast leere Kartenblatt. Zum ersten Mal fürchtet er sich davor, die nächste Linie zu ziehen.

Sein Traum hat sich erfüllt: Er hält einen ebensolchen Bleistift in der Hand wie den, mit dem einst sein Dorf ausradiert worden ist.

Jetzt muss er den Weg der Sippe in die Karte eintragen.

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