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DIE KARTE, AUF DER ES UNS NICHT GIBT

Kapitel 18. Der Vorabend der Prüfung

Prokop erkennt Perejmischtsche kaum wieder.

Zur Prüfung der Kartenblätter ist die gesamte Ostvermessung in die Festung gekommen: elf Trupps, Wagenzüge mit Journalen, Schreiber, Vermesser, Auftragnehmer und Kreisbeamte. Auf dem Platz vor dem Amtssitz des Statthalters hat man lange Tische gezimmert und fegt jeden Morgen den Schnee von ihnen. So viele schriftkundige Menschen hat die Festung wohl seit hundert Jahren nicht gesehen, und die Preise für eine Unterkunft haben sich verdreifacht.

Sekleta lässt Prokop und Aiga ohne weitere Fragen herein, sie schaut nur auf die Truhe.

„Du hast sie hergebracht“, sagt sie.

„Hab ich.“

„Vater hätte dich erst einmal essen lassen.“ Und sie stellt die Schüsseln auf den Tisch.

Bis zum Abend versammeln sich bei ihr alle, die die Prüfung an einen Tisch geführt hat. Kapiton kommt mit der Truppkiste und bleibt ruhig: Seine Entscheidung hat er bereits getroffen. Frol erscheint uneingeladen, setzt sich an die Tür und erklärt, bis zu seinem Ruhestand seien es noch achthundert Werst, und die Prüfung liege genau auf dem Weg. Jewstignei kommt nüchtern, mit einem eisenbeschlagenen Kästchen, und spricht zornig und präzise. Pankrat hat sich mit anderen Reisenden durchgeschlagen. Unter seinem Kittel verwahrt er sorgsam die Mitteilung des Kontors.

Als Letzter kommt Saltu.

Das Sippenoberhaupt betritt die fremde Stube, nimmt die Mütze ab, mustert die Versammelten und setzt sich ruhig an den Tisch. Aiga stellt sich hinter ihn, wie damals an der Trockenen Trage. Damals haben sie sich anwerben lassen, Fremde durch ihr Land zu führen. Jetzt sind sie gekommen, um zu seiner Verteidigung auszusagen.

Saltu sagt ein paar Worte, und Aiga übersetzt: „Großvater sagt, du hast den Knoten richtig hergebracht.“

Prokop legt den Knoten aus altem Geschirr neben die Papiere auf den Tisch. Drei Riemen mit den Enden nach unten bedeuten: Die Sippe ist weitergezogen, folge ihr nicht. Zwischen Journalen, Verzeichnissen und Mitteilungen fällt dieses Zeichen besonders auf.

Am Vorabend der Eröffnung hat ihnen der Kreisschreiber mit gelangweilter Stimme die Regeln der Prüfung vorgelesen. Bei der Prüfung dürfen die Beamten der Vermessung zu ihren Streifen sprechen, die Bürgen zu ihren Bürgschaften, die Auftragnehmer zu ihren Geschäften und die Zeugen, deren Name in den Vermessungsjournalen unter einem Maß oder einer Berichtigung steht. Ein Zeuge, dessen Name vorgelegt worden ist, darf nicht vom Tisch entfernt werden, solange dieser Name nicht vor dem Amt widerlegt worden ist.

„Der Name wird durch das Journal bestätigt“, hat der Schreiber hinzugefügt. „Die Originale werden den Listen beigefügt.“

Also braucht er den Entwurf. In der Nacht geht Prokop auf den Hof und schaut lange zu den Wagenzügen vor dem Amtssitz hinüber. Irgendwo dort, in der Truppkiste unter einem staatlichen Siegel, liegt das Journal mit seinem Namen, der in der Reinschrift fehlt. Die Kiste zur Prüfung einreichen kann nur der Truppschreiber.

Sotik findet ihn selbst am Anbindebalken.

Der Schreiber sieht eingefallen und unausgeschlafen aus. Unter seinem kurzen Pelz zeichnen sich die gewachsten Papierpäckchen deutlich ab.

„Man hat mich schon gefragt“, sagt er ohne Einleitung. „Ein Mann vom Kontor. Höflich. Er hat wissen wollen, ob die Originale des Trupps unversehrt sind, ob sie unterwegs feucht geworden sind. Er hat gesagt, feuchte Papiere würden bei der Prüfung nicht angenommen, und ich solle sie besser in ihrem Quartier trocknen lassen.“ Sotik verzieht einen Mundwinkel. „Ich habe geantwortet, ich schlafe darauf, und sie sind trocken wie ein Eid.“

„Und dein Bruder?“

„Nach meinem Bruder hat er nicht gefragt. Er hat ihn nur beim Namen genannt. So nebenbei, als wären wir miteinander bekannt.“ Sotik schaut über den Platz zum Quartier des Kontors, in dessen Fenstern Licht brennt. „Drei Jahre lang war ich gefügig, Vermesser. Das Lösegeld ist fast beisammen. Nur noch bis zum Frühjahr.“

Prokop schweigt. Nicht er hat diesen Preis bezahlt, und es steht ihm nicht zu, Sotik zu überreden.

„Ich weiß nicht, was ich morgen tun werde“, sagt Sotik ehrlich. „Eines weiß ich: Die Originale werden auf dem Tisch liegen. Was danach kommt, weiß ich nicht.“

In der Nacht sieht Prokop die Erde zum letzten Mal im Traum aus der Höhe.

Zwischen den Flüssen, dort, wo die Wasserscheiden zusammentreffen, liegt eine weiße, leere Stelle. Doch im Traum wirkt sie weder wie eine Leere noch wie eine Wunde. Von ihr strömen Flüsse in alle Richtungen, und Prokop begreift: Dort ist die Erde lebendig, auch wenn sie nicht auf der Karte verzeichnet ist.

Am nächsten Morgen eröffnet der Statthalter die Prüfung von der Treppe seines Amtssitzes aus, nach vorgeschriebenem Wortlaut:

„Die Gesamtvermessung legt das Kartenwerk vor. Was vermessen und bestätigt ist, gilt als Gesetz. Was nicht fristgerecht vermessen worden ist, wird für unbewohnt erklärt.“

Strojew steht zur Rechten des Statthalters.

Der General entdeckt Prokop unter den Zeugen am hintersten Tisch und nickt ihm knapp und fast unmerklich zu.

Er hat ihn nicht behindert. Er hat gewartet.

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