Der Pfahl an der Grenze von Garj wird im Frühjahr gesetzt, als der Schnee geschmolzen ist.
Der Pfahl ist schlicht, behauen, mit einem neuen Blatt unter einem kleinen Schutzdach. Auf dem Blatt steht alles, dem die Kammer Rechtskraft verliehen hat: das Dorf Garj, achtzehn Höfe nach alter Erinnerung und die Grenzen nach Zeugenaussagen. Darunter folgen die Namen der Zeugen: Sekleta, Witwe des Müllers; der Mann aus dem Wagenzug; die alte Frau, die sich an die Öfen erinnert hat. Über ihnen, an der Stelle des Grenzhalters, steht als erster Name: Jewlampi Werschinin, Lehrer.
Sekleta kommt mit Brot zum Pfahl, ganz wie eine Hausherrin zur Einweihung. Sie bleibt davor stehen, liest silbenweise, was sie kann, und bittet Prokop, ihr den Rest vorzulesen. Er liest ihn vor.
„Na also“, sagt sie. „Und immer hieß es bloß: Flurstück, Flurstück.“
Ein junger Landvermesser auf der Durchreise kommt mit einer nagelneuen Bussole zum Pfahl, vergleicht die Angaben mit dem Kartenblatt, nickt zufrieden und sagt zu seinem Begleiter:
„Garj. Wiederhergestelltes Dorf, laut Kartenwerk.“
Er hat Garj ein Dorf genannt, keinen ausgebrannten Ort.
Sekleta sieht ihm nach und sagt nichts. Zwanzig Jahre lang hat sie jeden berichtigt, der von ihrem Dorf gesprochen hat, als wäre es eine Brandfläche. Jetzt gibt es niemanden mehr zu berichtigen. Sie steht am Pfahl, drückt das Brot an die Brust und schweigt.
Prokop öffnet die Truhe ein letztes Mal an der Grenze.
Die Bittschriften werden nicht mehr gebraucht. Ganz obenauf legt Prokop die selbst gezeichnete Karte seines Vaters: die Straße, die Höfe, die Schule und den Brunnen, festgehalten von der ungelenken Hand eines Lehrers, der dieses Land geliebt hat, aber nicht zeichnen konnte. Es gibt nichts mehr zu erbitten. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren schließt Prokop die Truhe ohne Schmerz.
Pankrat schickt mit dem Wagenzug einen Strang Trockenfisch und lässt ausrichten, das Winterlager stehe noch, die Fangpfade seien unversehrt und sein Name sei ins Kartenblatt eingetragen worden. Im Sommer erwartet er Prokop, um weiterzumessen. Und er fügt hinzu: Der Vermesser soll erst einmal ordentlich essen.
Kapiton wird am Ende doch nicht für eine Auszeichnung vorgeschlagen: Sein Familienname steht schlicht nicht in den Listen zum Kartenwerk. Der leitende Topograf sagt, elf Jahre lang habe er die Folgen fremder Hast auf den Schultern tragen müssen, nun sei ihm leichter. Im Frühjahr bewirbt er sich für einen neuen Streifen, zum Ozean, und vermerkt in seinem Gesuch, dass er bereit ist, mit dem ehemaligen Träger Werschinin Messbasen zu vermessen: Die Hand ist erprobt.
Frol erreicht seinen Ruhestand: Die verbleibenden achthundert Werst enden am Tor von Perejmischtsche. Er gibt die Kette laut Verzeichnis ab und bleibt als Wächter der Prüfungstische in der Festung. Er sagt, in dreißig Jahren habe er sich daran gewöhnt, auf die Zahlen zu achten, und hier müsse man schließlich Tische und Dokumente zählen.
Tyko bleibt als Schreiberschüler beim Kartenwerk. Es heißt, der Statthalter habe beim Mittagessen noch lange davon erzählt, wie der Junge zwei Handschriften verglichen hat. Jetzt überträgt Tyko einunddreißig Namen in das Verzeichnis des weißen Streifens: amtlich sauber und ohne Fehler in den Sippennamen. „Irgendjemand muss ihre Reinschriften lesen“, lässt er Aiga ausrichten. „Und ich kenne beide Schriften.“
Über Proscha, Sotiks Bruder, ist nur wenig bekannt. Nach der Prüfung berechnet das Kontor seine Verluste und weigert sich, ihn gehen zu lassen, deshalb verzögert sich der Freikauf. Sotik verfasst ein Gesuch, seinen Bruder in den Staatsdienst bei der Vermessung zu versetzen, und trägt es selbst von einem Amtsträger zum nächsten. Prokop unterzeichnet die Bürgschaft, ohne darauf zu warten, dass man ihn darum bittet: Nach der Entscheidung der Kammer hat seine Unterschrift wieder Rechtskraft.
Die Sippe kehrt auf ihren Herbstweg zurück.
Prokop kommt über den letzten Harsch zum Lager, die Kartentafel auf dem Rücken.
Nach der Verhandlung hat Prokop sein Siegel zurückbekommen. Er hat es angenommen: Die Vermessung ist noch nicht vorbei, und die Entscheidung über die weiße Stelle muss erst in die Tat umgesetzt werden. Am äußersten Zelt bleibt er stehen und nimmt die Mütze ab.
Saltu kommt selbst zu ihm heraus. Prokop reicht ihm einen Knoten aus altem Geschirr: drei Riemen, die Enden nach unten, die Sippe ist weitergezogen, folge ihr nicht.
Der Alte nimmt den Knoten und dreht ihn zwischen seinen dunklen Fingern. Dann löst er ihn und knotet ihn anders: kurz, die Enden nach oben und innen.
„Das Zeichen für einen Lagerplatz“, sagt Aiga hinter seiner Schulter. „Die Sippe lagert hier. Komm näher.“
Saltu hängt den Knoten an die mittlere Zeltstange, auf Handhöhe, und geht ins Zelt, ohne sich umzudrehen. Mit diesem Zeichen hat das Sippenoberhaupt alles gesagt, was es sagen wollte.
Am Abend, am Feuer, nennt Aiga die Namen.
So haben es ihre Mutter und ihre Großmutter gemacht: Vor den Jüngeren haben sie den ganzen Herbstweg laut wiederholt, Tag für Tag, damit die Namen nicht vergessen werden. Prokop sitzt auf der anderen Seite des Feuers und hört die vertrauten Namen: Furt des Hungerfrühlings, Wo-sie-auf-den-Wind-gewartet-haben, Sieben Rauchsäulen, Faules Wasser.
Beim einunddreißigsten Namen hört sie nicht auf.
„Weiße Werst“, sagt Aiga gleichmäßig, mit derselben Stimme, mit der sie die Namen zählt. „Eine Tagesreise, die nicht auf dem Kartenblatt steht. Den Namen bewahrt Prokop, der Sohn des Lehrers. Übernommen vor der Kammer, vor Zeugen. Er haftet mit allem, was er besitzt.“
Die Jüngeren wiederholen den Namen nach ihr, wie sie alle Namen des Weges wiederholt haben.
Prokop erstarrt. Sein Name ist nicht ins Kartenwerk, nicht ins Journal und nicht in ein Verzeichnis aufgenommen worden, sondern ins Gedächtnis der Sippe.
„Du machst schon wieder das Gesicht eines Menschen, der über Papieren sitzt“, sagt Aiga, ohne ihn anzusehen. Jetzt verbirgt sie die Wärme in ihrer Stimme nicht mehr. „Schau nicht so finster. So sitzt man nicht am Feuer.“
„Ich lerne noch.“
„Dann lern schneller. Im Frühjahr gehen wir deine Weiße Werst ab, Bewahrer. Einen Weg mit einem Namen muss man gehen, sonst wird er vergessen.“
Erst in der Nacht, im Zelt, beim Licht eines Fettlämpchens, rollt Prokop das alte Blatt aus, das er die ganze Zeit auf dem Boden der Truhe mitgeführt hat. Das Blatt ist älter als die Gesamtvermessung, und darauf liegt hinter dem östlichen Gebirgszug ein Meer.
Das einheitliche Kartenwerk ist vollendet. Am äußersten Rand der Karte bleibt eine weiße Stelle mit Prokops Namen. Doch das Meer hinter dem Gebirgszug ist noch nicht vermessen und niemandem zugeteilt worden.
Nicht vermessen heißt nicht unbewohnt. Prokop weiß das jetzt sicherer als jeder andere Mensch im Reich.
Prokop rollt das Blatt zusammen und legt es zurück auf den Boden der Truhe.
Das Meer läuft ihm nicht davon. Prokop kann jetzt warten.
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