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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 2. Das Grundstück für das Stille Viertel

Vor der Beerdigung ist Ilja neun Jahre lang nicht in Saretschensk gewesen.

Er ist gleich nach der Armee fortgegangen, hat als Tontechniker auf fremden Bühnen gearbeitet, Stative geschleppt, das Pfeifen in den Boxen gesucht und mit Künstlern gestritten, die ihn gebeten haben, „die Seele lauter zu machen“. Dann hat die Spielstätte geschlossen, das Studio ist auseinandergebrochen, und der letzte Auftraggeber hat den Schnitt mit einem Versprechen bezahlt. Im Herbst sind Ilja nur noch ein Rucksack, ein Laptop mit gesprungener Ecke und das Telegramm seines Großvaters aus dem Krankenhaus geblieben, das er zu spät gelesen hat.

Die Stadt empfängt ihn mit demselben Geruch nach nassem Eisen, billigem Brot und Laub, das niemand von den Haltestellen räumt. Nur die Schilder sind bunter geworden. Wo früher der Haushaltsgeräteladen war, gibt es jetzt einen Kreditladen. Wo früher das Kindercafé war, werden Fenster verkauft. Der Bus vom Bahnhof fährt am ehemaligen Werk vorbei, dessen eingeschlagene Fenster mit Bannern verhängt sind: „Hier entsteht bald ein neues Viertel.“

Der Erster-Mai-Park liegt hinter dem Werk am alten Teich.

Früher hat man ihn zu jeder Saison neu gestrichen. Jetzt hält die Farbe nur noch dort, wo niemand sie anfasst. Das Riesenrad steht still, eine Gondel hängt höher als die anderen. Das Karussell „Kamille“ neigt sich zur Seite, als hätte es Rückenschmerzen. Der Schießstand ist mit Sperrholz vernagelt, doch jemand hat mit einem Filzstift eine Zielscheibe darauf gemalt und dazugeschrieben: „Schieß auf deine Kredite.“

Das Gruselkabinett steht in der hintersten Ecke bei den Pappeln. Ein niedriger Pavillon mit schwarzer Fassade, einem bezahnten Maul als Eingang und verblichenen Buchstaben über dem Dach. Als Kind hat Ilja sich nicht vor dem Gruselkabinett selbst gefürchtet, sondern davor, dass sein Großvater dort jeden Abend allein geblieben ist. Semjon Iljitsch hat gesagt, ein echter Aufseher müsse die Angst als Letzter einschließen.

Damals hat der kleine Ilja seinem Großvater Zettel und alte Eintrittskarten in die Kassenschublade gesteckt, als könnte man einen Erwachsenen genauso aus der Angst hinausführen wie einen Besucher aus dem Pavillon.

„Die Angst muss den Menschen wieder hinauslassen“, hat sein Großvater einmal gesagt, als der kleine Ilja im Pavillon stecken geblieben ist und vor der Gummihexe losgeheult hat. „Sonst ist es kein Fahrgeschäft. Sonst ist es eine Grube.“

Damals hat Ilja es nicht verstanden. Später hat er gedacht, sein Großvater könne die Armut einfach nur schön rechtfertigen.

Nach der Beerdigung sagen die Leute dasselbe, nur mit anderen Worten.

Am Tor kommt eine Frau von der Stadtverwaltung mit einer Mappe und einem spröden Lächeln auf ihn zu. Sie sagt, der Park sei einsturzgefährdet, die Schulden würden wachsen und die Stadt habe das Warten satt. Dann taucht Roman Sujew auf.

Roman Sujew sieht nicht aus wie jemand, der gekommen ist, um einem das Erbe wegzunehmen. Er sieht aus wie jemand, der gekommen ist, um einen von unnötigem Schmerz zu befreien. Dunkler Mantel, ruhige Stimme, gelassene Hände. Er nennt den Park keinen Schrott. Er sagt: „ein schwieriges Objekt“. Er sagt nicht „abreißen“. Er sagt: „Platz für ein vernünftiges Leben schaffen“.

„Ilja, Sie müssen das nicht allein schultern“, sagt Roman Sujew, während sie unter dem nassen Vordach am Kassenhäuschen stehen. „Ihr Großvater hat aus Starrsinn am Park festgehalten. Ich respektiere Starrsinn, solange er für niemanden gefährlich wird. Aber hier gibt es jetzt morsche Leitungen, einen ungesicherten Teich, alte Konstruktionen und Schulden. Wir begleichen die Schulden, Sie bekommen Geld, und die Stadt bekommt ein Viertel ohne Ruinen.“

„Was für ein Viertel?“, fragt Ilja.

„Stilles Viertel“, antwortet Roman Sujew. „Niedrige Häuser, ein autofreier Hof, ein Spielplatz. Das wird schön.“

Er spricht so ruhig, dass es schwerfällt, ihm zu widersprechen. Nicht, weil er Druck macht. Im Gegenteil: Er lässt Ilja die Möglichkeit, wie ein vernünftiger Mensch dazustehen.

Ilja hätte beinahe noch am selben Tag alles unterschrieben.

Davon hält ihn eine Frau in einer grauen Jacke ab, die mit einer Kabelrolle über der Schulter aus dem Gruselkabinett kommt. Sie geht durch die Pfützen, als kenne sie jedes Schlagloch, und sieht Roman Sujew nicht einmal an.

„Wenn Sie verkaufen, geben Sie mir vorher mein Werkzeug zurück“, sagt sie.

Roman Sujew stellt sie ohne jede Gereiztheit vor:

„Warja Gordejewa. Elektrikerin, Mechanikerin, Wachfrau, manchmal Kassiererin, manchmal Feuerwehr. Ihr Großvater hat sie für alles eingesetzt, was nicht gerade die Wände zusammengehalten hat.“

Ein Mundwinkel von Warja Gordejewa zuckt nach oben.

„Und Sie halten die Stadt mit dem Wort ‚einsturzgefährdet‘ zusammen. Auch ein Beruf.“

Da bemerkt Ilja zum ersten Mal ihre Hände. Nicht schön im üblichen Sinn. Aufgeschlagene Knöchel, kurze Nägel, Spuren von Isolierband an den Fingern. Die Hände eines Menschen, der nicht mit Eisen streitet, bevor er begriffen hat, wo es lügt.

„Ist das Gruselkabinett laut Akten geschlossen?“, fragt er.

Warja Gordejewa sieht ihn an.

„Seit achtundneunzig. Laut Akten.“

„Und tatsächlich?“

Sie zieht eine alte Plombe an einem Kupferdraht aus der Tasche. Die Plombe ist sorgfältig entfernt und ebenso sorgfältig wieder angebracht worden.

„Tatsächlich hat Ihr Großvater es jede Nacht geöffnet und die Plombe morgens wieder angebracht. Vierzig Jahre lang hat er den Klamauk bewacht, als stünde dort keine Hexe aus Pappmaschee, sondern ein Tresor voller Gold.“

„Warum?“

„Ich dachte, das sagen Sie mir.“

Ilja will antworten, dass er selbst nichts weiß. Dass er gekommen ist, um eine Sache abzuschließen, nicht um eine neue aufzumachen. Dass sein Großvater kein Rätsel war, sondern ein alter Mann mit einem schlechten Fahrgeschäft und einer schönen Handschrift. Doch in diesem Moment ist aus dem Kassenhäuschen ein helles Klingeln zu hören.

Nicht das nächtliche Klingeln, das erst später kommt.

Ein Klingeln am Tag. Zur Kontrolle. Als hätte die alte Kasse gehustet, um daran zu erinnern, dass sie sprechen kann.

Roman Sujew schaut auf die Uhr.

„Denken Sie bis morgen darüber nach“, sagt er. „Die Unterlagen sind fertig. Ich dränge Sie nicht, Ilja. Aber die Stadt wird uns beide drängen.“

Er geht zu seinem Wagen. Warja Gordejewa bleibt.

„Wollen Sie wirklich verkaufen?“, fragt sie.

„Ich will wirklich nicht mein Leben lang in einem Park verbringen, der schon zerfallen ist, bevor ich geboren worden bin.“

„Er ist nicht vorher zerfallen“, sagt Warja. „Er ist vor aller Augen immer weiter zerfallen. Das ist ein Unterschied.“

Danach zeigt sie Ilja den Schaltraum.

Der Schaltraum liegt hinter dem Gruselkabinett in einem fensterlosen Backsteinanbau. Es riecht nach Staub, Mäusen und warmer Isolierung. Warja legt den Hauptschalter um, und ein trockenes Knacken läuft durch die Wand. Im Pavillon dahinter regt sich etwas: eine alte Kette, ein Motor, ein Vorhang aus Sperrholz.

„Hier ist der Hauptanschluss. Hier das Licht. Hier der Ton. Hier die Leitung zum Kassenhäuschen. Und das hier …“ Sie klopft auf eine leere Stelle an der Schalttafel. „Das ist die Schichtglocke.“

„Wozu braucht ein Park eine Schichtglocke?“

„Keine Ahnung. Ihr Großvater hat gesagt: ‚für den ersten Raum‘. Ich dachte, er steht einfach auf Fabrikgrusel. Nach dem Motto: Kinder gruseln sich mehr, wenn das Gruselige wie die Arbeit ihrer Eltern aussieht.“

Ilja beugt sich hinunter. Das Kabel der Schichtglocke ist durchtrennt. Schon vor langer Zeit, sauber und direkt am Ansatz.

„Die kann nicht funktionieren“, sagt Ilja.

„Richtig“, sagt Warja.

Die Glocke schlägt einmal.

Kurz.

Metallisch.

So klingelt es nicht in einem Fahrgeschäft. So ruft man Menschen zur Schicht.

Warja wird blass, weicht aber nicht zurück. Sie nimmt nur langsam die Hand vom Hauptschalter.

„Na also“, sagt sie viel zu trocken. „Jetzt wissen Sie wenigstens, warum ich diesen Ort nachts nicht mag.“

Ilja lauscht.

Hinter der Wand des Gruselkabinetts gibt es keine Musik, keine mechanischen Ketten, kein Rauschen aus den Lautsprechern. Dort liegt Stille. Doch in dieser Stille wartet jemand darauf, dass sie eintreten.

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