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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 3. Die Werkhalle ohne Schicht

Gegen Mitternacht wird die Stadt hinter dem Park flach und fremd. In den Fenstern der neunstöckigen Häuser flimmern Fernseher. Am Teich raschelt das Schilf. Der Wind schaukelt eine Gondel des Riesenrads, und sie schlägt leise gegen das Metall.

Ilja könnte gehen. Er könnte das Kassenhäuschen abschließen, das Buch in den Rucksack stecken, Roman Sujew am Morgen anrufen und sagen, dass er einverstanden ist. Er könnte sich einreden, nach einer Beerdigung, Schulden und einer schlaflosen Nacht dürfe ein Mensch Dinge hören, die es nicht gibt.

Doch auf der Seite steht bereits sein Name.

Ilja Lasarew. Aufgenommen.

Mit einer Taschenlampe in der Hand betritt er das Gruselkabinett. Warja Gordejewa geht neben ihm, nicht weil sie ihm glaubt, sondern weil sie einen eingeschalteten Hauptschalter ungern unbeaufsichtigt lässt.

Am Tag ist der erste Raum der billigste Pavillon im ganzen Park. Eine Fabrik aus Sperrholz: aufgemalte Rohre, eine Schaufensterpuppe mit Schutzhelm, eine rote Lampe, die wie bei einem Störfall blinken soll. An der Wand hängt eine Tafel mit Stempelkarten, doch die Hälfte der Haken ist leer, und auf dem Boden liegen Gummimuttern, über die Kinder stolpern und lachen sollen.

In der Nacht ist der Raum größer geworden.

Iljas Taschenlampe holt einen Betonboden aus der Dunkelheit, den es dort nicht geben kann. Nass, dunkel, mit Ölspuren. Statt der aufgemalten Rohre ziehen sich echte Rohre über ihre Köpfe hinweg, bedeckt mit rostigem Schweiß. Irgendwo in der Ferne dröhnt eine Maschine. Nicht laut. Nicht wie ein laufendes Gerät, sondern wie der Schlaf eines Menschen, der vor Erschöpfung direkt neben dem Eisen eingeschlafen ist.

Warja fährt zum Ausgang herum.

Der Ausgang ist verschwunden.

An seiner Stelle hängt die Stempelkartentafel.

„Das ist ein Projektor“, sagt sie.

Ilja hört hin.

Er weiß, wie ein Projektor klingt. Ein Projektor hat einen Lüfter, eine Frequenz, ein leises Fiepen im Netzteil. Ein alter Lautsprecher hat ein Grundrauschen. Bei einer Aufnahmeschleife ist der Schnitt zu hören, selbst wenn sie bereinigt worden ist.

Hier ist kein Schnitt zu hören.

Hier ist echter Raum.

„Nein“, sagt Ilja. „Das ist kein Ton.“

„Was dann?“

„Eine Schicht.“

Das Wort rutscht ihm von selbst heraus, und der Raum antwortet.

Die Schichtglocke schlägt wieder. Die Karten an der Tafel zittern. Auf jeder steht ein Name, doch die Buchstaben verschwimmen wie Tinte unter Wasser. Ilja fährt mit dem Licht der Taschenlampe über die erste.

Pawel Rjabzow.

Die zweite.

Galina Scheina.

Die dritte.

Semjon Kurotschkin.

Er kennt diese Menschen nicht. Woher auch? Sie sind älter als sein Leben. Doch wenn er die Namen laut ausspricht, verändert sich etwas in der Werkhalle. Eine Maschine hört auf zu dröhnen. Eine Lampe hört auf zu blinken. Eine nasse Spur auf dem Boden trocknet.

Warja begreift es, bevor sie es zugibt.

„Wir müssen sie alle vorlesen.“

„Warum?“

„Weil die Tür erst aufgeht, wenn wir sie vorgelesen haben.“

Das sagt nicht mehr die Mechanikerin. Das sagt eine Frau, die den Park seit vielen Jahren repariert und weiß: Manchmal gehorcht das Eisen nicht, weil es kaputt ist, sondern weil ihm niemand das richtige Wort gegeben hat.

Sie lesen die Namen. Ilja kommt durcheinander, geht zurück und fährt die Karten mit dem Finger ab. Warja hält die Taschenlampe und nimmt später eine zweite, als Iljas Hände zu zittern beginnen. Mit jedem Namen wird die Werkhalle stiller.

Die letzte Karte ist leer.

Nicht einmal eine Nummer steht darauf. Nur der schmutzige Abdruck eines Daumens.

„Leer“, sagt Warja.

Aus der Dunkelheit bei der Maschine antwortet eine Stimme:

„Weil sie mich damals genau so eingetragen haben.“

Tolik Scharow steht an der Wand. Derselbe Mann wie am Kassenfenster. Jetzt ist er näher, und Ilja erkennt, dass seine wattierte Jacke nicht vom Regen nass ist. Sie ist so mit Wasser vollgesogen wie die Kleidung eines Menschen, der lange in einem Graben gelegen hat.

Warja hebt die Taschenlampe.

„Wer sind Sie?“

„Die Schicht“, sagt Tolik Scharow. „Die letzte.“

Er macht keinen Schritt auf sie zu. Das macht es schlimmer. Eine Verfolgung wäre einfacher. Ein Schrei wäre einfacher. Aber Tolik Scharow steht ruhig da wie ein Mensch, der zu lange gewartet hat, um noch Kraft an Wut zu verschwenden.

„Ihr Name steht im Buch“, sagt Ilja.

„In welchem?“

„Im Kassenbuch.“

Tolik Scharow blickt zur Stempelkartentafel.

„Im Kassenbuch also schon. Im Werksbuch nicht. In den Unterlagen des Krankenhauses nicht. Bei der Miliz nicht. Zu Hause hat es geheißen: trinken gegangen. Bei der Arbeit: nicht zur Schicht erschienen. Im Umschlag: leer.“

Er hebt die Hand und berührt die leere Karte.

Auf dem weißen Papier treten Buchstaben hervor.

Anatoli Pawlowitsch Scharow.

Die Schichtglocke schlägt ein drittes Mal, und an der Stelle der Tafel erscheint eine Tür. Nicht sofort. Zuerst zeichnet sich die Klinke ab, dann ein Spalt, dann der trübe Korridor des Gruselkabinetts, gewöhnlich, aus Sperrholz, mit abgeschabtem schwarzem Stoff an den Wänden.

Ilja macht einen Schritt zum Ausgang.

Tolik Scharow sagt:

„Und der Umschlag?“

Ilja bleibt stehen.

„Welcher Umschlag?“

„Der, den sie meiner Tochter gegeben haben. Leer. Sie haben gesagt: Ihr Vater ist nicht zur Schicht erschienen, also ist niemand da, den wir bezahlen müssen. Ihr ganzes Leben lang hat sie geglaubt: Ich habe meine letzte Woche durchgesoffen.“

„Du hast meinen Namen vorgelesen, Kassierer. Jetzt finde heraus, wen er erreichen muss.“

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