Am nächsten Tag sieht Ilja zum ersten Mal, wie gut diese Stadt darin ist, sich nicht zu erinnern.
Er geht mit Maja die Adressen aus dem alten Buch ab. Warja bleibt im Park, weil nach den roten Bändern und dem Verlust des städtischen Verteilerkastens jeder Funke für sie eine persönliche Beleidigung ist. Klawa Sinizyna sitzt bei Nina Pachomowa. Zwei alte Frauen, die von der Stadt zu unterschiedlichen Zeiten zu bequemen Schuldigen gemacht worden sind, trinken jetzt Tee und schweigen so beharrlich, dass man in ihrer Nähe kein Licht einschalten möchte.
Ilja und Maja fangen bei der ehemaligen stellvertretenden Schulleiterin an. Sie sagt, im Ferienlager habe immer Ordnung geherrscht, und vergisst gleich darauf, in welchem Jahr sie in Rente gegangen ist. Der ehemalige Fahrer sagt, es sei nicht sein Bus gewesen, obwohl er auf dem Foto selbst das Lenkrad in den Händen hält. Der Archivar an der Werkspforte findet eine Akte, sieht den Stempel und erinnert sich plötzlich, dass seine Mittagspause vor zehn Minuten angefangen hat.
Dann beginnt das Eigentliche.
Keine Weigerungen. Weigerungen wären ehrlicher.
Die ehemalige Krankenschwester des Ferienlagers stellt ihnen Hocker in den Flur und lässt sie nicht in die Küche. An der Wand hinter ihrer Schulter hängen Fotos der Enkel, Abiturschleifen, ein Magnet aus Anapa und ein Kalender mit Kätzchen. Sie hört Maja zu, nickt bei jedem Datum und kennt die Nachnamen schon, bevor die Bezirkspolizistin sie aussprechen kann. Doch als Ilja fragt, wer nach dem Appell die Bescheinigungen unterschrieben hat, schaut die Frau auf die Fotos ihrer Enkel.
„Mein Mädchen arbeitet in der Verwaltung“, sagt sie. „Nicht als Chefin. Sie trägt nur Papierkram herum. Sie muss noch weiterleben.“
Der alte Meister aus dem Busdepot öffnet die Tür nicht. Er spricht durch den Türspalt, die Kette bleibt vorgelegt. Zuerst behauptet er, er könne nichts hören. Als Maja lauter wird, antwortet er noch leiser:
„Ich habe an dem Tag Reifen gewechselt. Ich habe nicht gesehen, wer eingestiegen ist. Ich habe nicht gesehen, wer ausgestiegen ist. Schreiben Sie es genau so auf: Ich war blind.“
„Sie wissen doch, dass das nicht stimmt“, sagt Ilja.
Die Kette spannt sich.
„Die Wahrheit ist das, womit man morgens noch Brot holen gehen kann.“
Als Drittes besuchen sie die Frau, die früher die Listen auf der Schreibmaschine getippt hat. Sie lebt in einem Zimmer mit zwei Schränken und dem Geruch nach Baldriantropfen. Auf ihrem Tisch steht genau diese alte Schreibmaschine, mit einem Handtuch abgedeckt. Als Maja ihr den Stempel zeigt, schreckt die Frau nicht zurück. Sie legt nur die Hand auf das Handtuch.
„Ich habe Buchstaben getippt. Keine Entscheidungen.“
„Aber Sie haben gesehen, dass die Nachnamen nicht übereinstimmen.“
„Bei uns in der Stadt ist vieles nicht aufgegangen.“
„Wer hat die Listen gebracht?“
Die Frau schaut weder zur Tür noch zu den Fenstern, sondern auf das Telefon. Ein altes Tastentelefon, das neben ihren Tabletten liegt.
„Wenn ich es sage, erfährt er es nicht von Ihnen.“
„Er?“, fragt Maja.
Die Frau zieht das Handtuch fester über die Schreibmaschine.
„Zwingen Sie alte Leute nicht, für die jungen mutig zu sein. Das waren wir schon einmal. Nicht lange.“
Niemand sagt: „Das hat es nicht gegeben.“
Alle drücken es sanfter aus:
„Nicht in meiner Gegenwart.“
„Ich erinnere mich nicht.“
„Lassen Sie besser die Finger davon.“
„Die Familien sind doch noch da.“
Den letzten Satz sagt ein alter Mann mit Schirmmütze, der mit einem Schachbrett vor dem Hauseingang sitzt. Maja zeigt ihm den Stempel. Der Alte schaut erst darauf, dann auf Ilja und schließlich zu den Fenstern seines Hauses.
„Die Familien sind noch da“, wiederholt er. „Sie müssen leben, statt die Toten zu wecken.“
„Und wenn die Toten von selbst klopfen?“, fragt Ilja.
Der Alte zuckt zusammen.
Nicht wegen der Bedeutung. Wegen des Wortes „klopfen“.
Maja beugt sich näher zu ihm.
„Wer hat diese Listen gezählt?“
Der Alte verstummt.
Ilja hört hinter sich im Hauseingang ein Schloss klicken. Jemand öffnet die Tür einen Spalt, hört die Frage und schließt sie sofort wieder.
„Wer?“, wiederholt Maja.
Der Alte räumt die Schachfiguren in die Schachtel.
„Man spricht ihn nicht aus.“
„Warum?“
„Weil er lebt.“
Am Abend kehren sie mit leeren Händen und schwerem Schweigen in den Park zurück.
Nina Pachomowa hört sich ihren Bericht an, ohne sie zu unterbrechen. Dann bittet sie Ilja, die Tür des Kassenhäuschens zu schließen. Er schließt sie.
„Das Licht auch“, sagt Nina.
Warja schaltet die Deckenlampe aus. Nur die kleine Tischlampe bleibt an, gelb und schwach.
Nina wärmt lange ihre Hände an der Tasse. In ihrem Gesicht liegt nichts Mystisches. Nur die Müdigkeit eines Menschen, der sein Leben lang um ein einziges Loch herumgegangen ist und jetzt begriffen hat, dass dieses Loch trotzdem bis zu seiner Tür vorgedrungen ist.
„Man hat ihn den Zähler genannt“, sagt sie.
Das Wort fällt leise.
Und trotzdem antwortet das Gruselkabinett.
In der Werkhalle erlischt die Lampe. Im Kassenhäuschen klickt die leere Schublade. Hinter der geschlossenen Tür zum Appell gibt die Pfeife einen kurzen Ton von sich. Die roten Bänder am Eingang heben sich ohne Wind und sinken wieder herab.
Maja bewegt sich nicht.
„Sein Name“, sagt sie.
Nina schüttelt den Kopf.
„Erst der Spitzname. Der Name kommt später. Zuerst müssen wir uns daran gewöhnen, dass wegen dieses Wortes niemand gestorben ist.“
„Wer war er?“
„Zuerst war er der Junge fürs Geld. Dann der Mann für die Listen. Später haben alle begriffen: Wenn er dich für überflüssig erklärt hat, wirst du überflüssig. Auf der Gehaltsliste. In einem Zimmer. In einem Krankenhausbett. In einem Bus. Im Boden.“
Ilja denkt an die rechte Hälfte des Kassenbuchs.
Nachteinträge ohne Beträge.
Nur ein Name. Eine Schuld. Beglichen oder offen.
„Hat Großvater davon gewusst?“, fragt er.
Nina sieht ihn fast mitleidig an.
„Dein Großvater war kein Heiliger, Ilja. Heilige haben bei uns nie lange gearbeitet. Einen Teil hat er gewusst. Bei einem Teil hat er mitgemacht. Einen Teil hat er versteckt. Und einen Teil hat er sich nicht zu öffnen getraut, weil sich dann auch alles andere geöffnet hätte.“
Warja steht an der Tür zum Schaltraum und fragt nicht nach ihrem Vater. Gerade deshalb hängt diese Frage lauter im Raum als jeder Schrei.
Das Buch öffnet sich von selbst.
In der neuen Zeile steht kein Name.
Nur ein Ort.
Der Teich, den es nicht gab. Offen.
Maja hebt den Kopf.
„Wir haben einen Teich.“
Ilja schaut zum dunklen Fenster. Dahinter zeichnen sich die Pappeln schwarz ab, und irgendwo hinter ihnen liegt das Wasser.
Warja sagt:
„Ja. Nur in den Unterlagen gibt es ihn nicht.“
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