Bei Tagesanbruch haben sie Klawa Sinizyna aus dem Gruselkabinett geführt.
Sie lebt. Der Puls ist gleichmäßig, der Blutdruck hoch, die Hände sind kalt. Maja ruft den Rettungsdienst, sagt den Einsatz wieder ab und ruft dann doch noch einmal an, weil sie nicht weiß, wie sie einem Arzt den Verlust der Stimme durch einen Pionierappell erklären soll. Warja bringt eine Decke. Ilja kocht Tee in einem Wasserkocher, der das Wasser so langsam erhitzt, als hätte auch er Angst, ein Geräusch zu machen.
Klawa sitzt im Kassenhäuschen und schreibt.
Ihre Handschrift ist erwachsen, kantig, eigensinnig. Doch die ersten Worte schreibt sie wie eine Schülerin:
Ich bin nicht Olja.
Dann streicht sie den Satz durch.
Sie schreibt noch einmal:
Ich war dabei.
Die Geschichte ist nicht so, wie die Stadt sie gern erzählt. Es geht nicht um Kinder, die zum Baden weggelaufen sind. Nicht um eine Gruppe, die „eigenmächtig von der Route abgewichen“ ist. Ende der Achtziger hat das Werksferienlager die Kinder zum Saisonabschluss in den Park gebracht. Der Bus sollte vor dem Regen zurück sein. Er ist nicht zurückgekommen. Später ist nicht der Bus zurückgekehrt, sondern eine Liste. Auf der Liste hat gestanden, dass am Morgen alle Kinder zum Appell angetreten sind, alle ihre Halstücher abgegeben haben und alle nach Hause gefahren sind.
Nur haben ihre Eltern aus irgendeinem Grund noch drei Tage lang nach ihnen gesucht.
Klawa ist die Älteste in der Gruppe gewesen. Keine Betreuerin, nur ein Mädchen, dem die Erwachsenen zugetraut haben, die Jüngeren an der Hand zu halten. Nach dem Unfall am alten Damm hat man sie in ein Büro gebracht und ihr befohlen, beim Namensaufruf für alle zu antworten, die „vorübergehend abwesend“ sind.
Sie hat nicht begriffen, was sie tut.
Später hat sie es begriffen und nie wieder darüber gesprochen.
„Warum Olja?“, fragt Maja, als Klawa wieder mit ihrer eigenen Stimme flüstern kann.
Klawa schreibt:
Weil sie die Kleinste war. Ich habe ihre Hand gehalten.
Maja schaut lange auf die Zeile. Dann nimmt sie das Buch, das das Gruselkabinett auf dem Kassentresen zurückgelassen hat, und findet auf der letzten Seite den Stempel.
Ihr Gesicht verändert sich.
„Was ist?“, fragt Ilja.
„Diesen Stempel habe ich schon einmal gesehen.“
„Wo?“
Maja klappt das Buch zu schnell zu.
Warja sagt:
„Wenn Sie jetzt ‚nicht wichtig‘ sagen, nehme ich Ihnen den Tee weg.“
Maja sieht sie müde an.
„Auf alten Unterlagen meines Onkels. Er hat in der Kommission gearbeitet, die den Unfall untersucht hat. In unserer Familienversion ist nichts Schlimmes passiert. Nur eine Überprüfung des Ferienlagers. Danach hat er eine Wohnung bekommen.“
„Und wie lautet die Version außerhalb der Familie?“, fragt Ilja.
Maja antwortet nicht.
Zum ersten Mal verschwindet ihre Skepsis nicht, sondern wird persönlich.
Am Tag macht Roman Sujew sich die Geschichte mit den Kindern zunutze, noch bevor sie selbst sie ganz begriffen haben.
Bis zum Mittag steht im Stadtchat ein Beitrag: „Im baufälligen Park ist eine ältere Frau nur knapp zu Schaden gekommen. Der Besitzer setzt vor dem Hintergrund alter städtischer Tragödien seine nächtlichen Experimente fort.“ Keine direkte Verleumdung. Keine unnötigen Gefühle. Nur Fakten, so angeordnet, dass die Wahrheit wie ein Verbrechen aussieht.
Unter dem Beitrag streiten die Leute. Einige schreiben, der Park müsse geschlossen werden. Andere erzählen, auch ihre Angehörigen seien in Listen verschwunden. Wieder andere verlangen, man solle Journalisten hineinlassen. Und dann gibt es noch die, die fragen, wie viel eine Eintrittskarte kostet.
Maja liest die Kommentare und wird immer finsterer.
„Er lügt nicht“, sagt sie.
Ilja weiß, wen sie meint.
„Sujew?“
„Er packt die Wahrheit an einer Ecke und dreht sie so, dass sie uns schneidet.“
Warja lächelt freudlos.
„Willkommen bei der städtischen Sicherheit.“
Am Abend präsentiert das Gruselkabinett das Ergebnis des Tages.
An der Tür zu „Werkhalle ohne Schicht“ hängt ein neues Schild. Nicht grell, nicht werbewirksam. Nur ein Holzbrett mit eingebrannten Buchstaben:
Appell ohne Gruppe.
Ilja öffnet die Tür nicht für Besucher. Selbst wenn er könnte, würde er es nicht tun. Die Schuld ist nicht beglichen.
Die Kasse nimmt es schweigend hin.
Dafür öffnet sich das Anwesenheitsbuch von selbst. Zwischen den Seiten liegt eine Pfeife. Alt, aus Aluminium, an einer gedrehten Kordel. Als Ilja sie in die Hand nimmt, antwortet jemand leise aus dem Nebenraum:
„Hier.“
Maja springt auf.
„Wer ist da?“
Niemand.
Auf der Innenseite des Buchdeckels tritt der Stempel der nicht existierenden Kommission hervor. Daneben erscheint noch einer. Frisch, gleichmäßig, von der Art, wie sie auf Katasterkopien gesetzt werden.
Derselbe Stempel befindet sich auf dem Grundstücksplan für das Stille Viertel.
Warja sieht Ilja an.
„Jetzt geht es nicht mehr um die Kinder.“
„Nein“, sagt Maja.
Zum ersten Mal wirkt sie nicht vom Gruselkabinett verängstigt, sondern vom Archiv.
„Es geht um das Grundstück.“
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