Das Telefon gehört Gleb Sawin.
Ilja erkennt ihn nicht sofort. Es ist derselbe Jugendliche aus der Schlange am Tag, der als Erster in die Kamera gesagt hat, das neue Kabinett sei „echt wie lebendig“. Jetzt steht er allein im Gruselkabinett, die Übertragung läuft, sein Pony ist nass, und er hat das Gesicht eines Menschen, der noch nicht begriffen hat, dass die Zuschauer auf der anderen Seite des Bildschirms die Tür nicht öffnen können.
„Komm raus“, sagt Ilja.
Gleb Sawin lächelt in die Kamera.
„Leute, der Besitzer ist da. Jetzt kommt der offizielle Teil.“
„Gleb“, sagt Maja. „Handy weg. Raus da.“
Er zuckt zusammen, als er den barschen Polizeiton hört, schaltet die Aufnahme aber nicht aus.
„Ich habe nichts kaputt gemacht. Die Tür war offen.“
Warja, nass und blass, die Marke ihres Vaters in der Faust, sagt:
„Für dich war sie nicht offen.“
Das Kabinett antwortet.
Alle Türen schließen sich gleichzeitig.
Nicht mit einem Knall. Mit einem leisen, gleichzeitigen Klicken der Schlösser. So schließt keine Falle, sondern eine Behörde nach Ende der Sprechzeit.
An der Wand leuchtet ein Schild auf:
Lebender Träger.
Gleb Sawin hört endlich auf zu lächeln.
„Was soll das heißen?“
Maja sieht Ilja an.
Ilja lauscht schon. Aus Glebs Telefon kommt der Ton der Übertragung. Die Kommentare fliegen lautlos als Zeilen vorbei, doch der Lautsprecher rauscht leise. In diesem Rauschen liegt ein vertrauter Rhythmus: das Klimpern von Kleingeld, das Schichtsignal, das Horn, Wasser an den Stufen. Das Kabinett setzt die früheren Geräusche zu einem einzigen Klang zusammen.
Vor Gleb erscheint ein Blatt Papier auf dem Boden.
Kein altes Blatt. Die Kopie eines Protokolls.
Maja hebt sie auf und wird blass.
„Das ist der Nachname seines Großvaters.“
„Was?“ Gleb macht einen Schritt auf sie zu. „Was für ein Großvater?“
„Derjenige, der das Protokoll über den Teich unterschrieben hat.“
„Er ist vor meiner Geburt gestorben.“
Das Kabinett widerspricht nicht. Es widerspricht überhaupt nicht gern. Es setzt einfach die Regel in Kraft.
An den Wänden erscheinen Fenster. In jedem Fenster sitzen Menschen an einem Tisch. Von ihren Gesichtern ist fast nichts zu sehen. Nur Hände und Unterschriften. Eine Hand schreibt: „Der Teich ist nicht im Bestand verzeichnet.“ Eine zweite: „Die Identität des Außenstehenden konnte nicht festgestellt werden.“ Eine dritte: „Die Kinder wurden an ihre Wohnanschriften gebracht.“ Eine vierte: „Der Fehlbestand wurde anerkannt.“
Gleb sieht diese Hände an und begreift langsam, dass sein Blut hier kein Schutz ist, sondern ein Leiter.
„Ich bin nicht schuld“, sagt er.
Das Wasser in der Ecke steigt um einen Fingerbreit.
Ilja sagt scharf:
„Nicht dieses Wort.“
„Welches?“
„Das Wasser hört nicht die Schuld. Es hört, wenn etwas ausgelöscht wird. Rede nicht so, als hätte es die Unterschrift nicht gegeben, den Teich nicht gegeben, die Menschen nicht gegeben. Sag, was du jetzt tun wirst.“
Gleb schüttelt heftig den Kopf.
„Ich kann gar nichts tun.“
„Du kannst die Übertragung ausschalten.“
„Wozu?“
„Weil das kein Content ist.“
Das Wort klingt selbst für Ilja fremd. Aber Gleb versteht. Vielleicht zum ersten Mal in dieser Nacht. Sein Gesicht wird klein und wütend wie das eines Kindes, das man zu dem Eingeständnis zwingt, dass es nicht für die Zuschauer Angst hat.
Er schaltet das Telefon aus.
Das Kabinett wird dunkler.
Maja geht langsam auf ihn zu.
„Hör mir zu. Du musst jetzt nicht für deinen Großvater geradestehen. Du musst für dich selbst geradestehen. Siehst du das Protokoll? Lies nur vor, was da steht. Rechtfertige nichts. Widersprich nicht. Einfach laut.“
Gleb nimmt das Blatt.
Seine Hände zittern. Er liest schlecht, verhaspelt sich bei den Wörtern, versteht die Hälfte des Amtsdeutschs nicht, aber er spricht. Mit jeder Zeile erlöschen die Fenster an den Wänden. Als er zur Unterschrift seines Großvaters kommt, bricht ihm die Stimme.
„Sawin Pjotr …“
Weiter kommt er nicht.
Aus der Dunkelheit antwortet eine Pionierpfeife.
Ilja begreift, dass das Kabinett ihn jetzt zwingen wird, für den Abwesenden zu antworten.
„Nein“, sagt er.
Alle sehen ihn an.
„Er wird nicht für einen Toten antworten. Er hat die Unterschrift vorgelesen. Für einen Zeugen reicht das.“
An der Wand zeichnet sich eine neue Regel ab, dünn und unsicher, als würde das Kabinett selbst zum ersten Mal prüfen, ob sie standhält:
Ein Zeuge ist nicht der Schuldner.
Gleb Sawin fängt an zu weinen.
Nicht laut. Ohne große Szene. Er setzt sich einfach auf den Boden, bedeckt das Gesicht mit den Händen und sagt:
„Ich dachte, das wäre alles nur fürs Video.“
Warja antwortet:
„Das denken alle, solange die Tür wieder aufgeht.“
Diesmal öffnet sich die Tür.
Gleb geht von selbst hinaus. An seiner Schläfe ist eine dünne Strähne grau geworden. Maja legt ihm ihre Jacke um, obwohl er versucht, sie wegzustoßen, und murmelt, mit ihm sei alles in Ordnung. Als in der Kasse zufällig ein paar Münzen klimpern, krümmt er sich zusammen und hält sich die Ohren zu.
Ilja sieht ihn an und begreift: Popularität ist jetzt nicht mehr nur gefährlich. Sie füttert das Kabinett mit lebenden Menschen.
Das Buch öffnet sich auf der rechten Seite.
Sergej Lomin. Ertrunkener. Zeuge gefunden.
Darunter:
Gleb Sawin. Lebender Träger. Freigelassen.
Und darunter eine Zeile, bei der Iljas Hände kalt werden:
Ilja Lasarew. Der Enkel darf es nicht erfahren.
Warja sieht sie ebenfalls.
Sie fragt nicht, was genau er nicht erfahren darf.
Sie sieht auf die Marke von Andrej Gordejew, dann auf das Kassenbuch, dann auf Ilja.
Und zum ersten Mal in all der Zeit weicht sie einen Schritt von ihm zurück.
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