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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 12. Der Enkel darf es nicht wissen

Am Morgen ist der Park nass, obwohl es nicht geregnet hat.

Die Bretter am Kassenhäuschen sind dunkel geworden, die Plakate hängen schwer da wie Wäsche nach einem schlechten Waschgang, und auf den Wegen glänzen dünne Pfützen, an die Ilja sich vom Vorabend nicht erinnern kann. Warja geht schweigend voraus. Maja hält die Tüte mit Gleb Sawins Telefon in den Händen und sieht das Gruselkabinett nicht an, als fürchte sie, es könnte zuerst hinsehen.

Gleb haben sie noch in der Nacht weggebracht.

Er hat nicht geschrien, nicht sein Telefon zurückverlangt, nicht auf die Erwachsenen geschimpft. Das ist noch schlimmer. Er hat auf dem Rücksitz des Dienstwagens gesessen, Majas Jacke auf den Knien gehalten und ist jedes Mal zusammengezuckt, wenn irgendwo in der Stadt eine Münze, ein Schlüsselbund oder ein Löffel an einem Glas geklirrt hat. Vor der Abfahrt hat er nur eines gefragt:

„Wenn ich die Übertragung ausgeschaltet habe, zählt das?“

Ilja hat keine Antwort gefunden.

Das Buch schon.

Gleb Sawin. Lebender Träger. Freigelassen.

Doch darunter steht noch immer die Zeile, wegen der Warja in der Nacht einen Schritt vor Ilja zurückgewichen ist.

Ilja Lasarew. Der Enkel darf es nicht wissen.

„Was darf er nicht wissen?“, fragt Maja.

Niemand antwortet. Denn alle drei sehen bereits auf die alte Kassenschublade.

Nina Pachomowas Schlüssel liegt auf dem Tisch zwischen der Tageskasse und dem Nachtbuch. Klein, dunkel, mit einem Anhänger, auf dem Semjon Iljitschs Schrift im Lauf der Zeit fast verblasst ist. Gestern hat dieser Schlüssel eine fremde Fehlkasse geöffnet. Heute liegt er still da, doch Ilja hört darin denselben Klang wie in einer schlechten Aufnahme: die Schnittstelle.

„Mein Großvater hatte eine Schublade“, sagt er.

Warja dreht sich zu ihm um.

„Das hast du nicht gesagt.“

„Ich wusste nicht, dass es sie gibt.“

Das ist fast die Wahrheit. Ilja erinnert sich an den unteren Schrank unter der Kasse. Er erinnert sich, wie sein Großvater dort die Thermoskanne, eine alte Lötlampe, einen Packen Eintrittskarten und einen Lappen für die Scheibe verstaut hat. Doch hinter der Rückwand des Schranks dürfte nichts sein. Nur Sperrholz, Spinnweben und die Wand des Pavillons.

Warja geht in die Hocke, fährt mit den Fingern über den Spalt und findet sofort etwas, das Ilja nie bemerkt hätte: eine schmale Messinglasche, um die herum die Farbe bis aufs Messing abgerieben ist.

„Kein Versteck“, sagt sie. „Zu ordentlich. Das muss jemand regelmäßig geöffnet haben.“

Der Schlüssel gleitet mühelos hinein.

Vom Schloss ist nichts zu hören. Kein Klicken, kein Knarren. Die Rückwand des Schranks weicht einfach nach innen zurück, und aus der Dunkelheit schlägt ihnen kein Schimmelgeruch entgegen, sondern der Geruch von trockenem Papier, Herztabletten und altem Tabak.

Maja hebt das Telefon, um die Taschenlampe einzuschalten.

„Nicht filmen“, sagt Warja.

Maja senkt die Hand.

Darin liegt kein Geld.

Das trifft Ilja zuerst. Er weiß selbst nicht, was er erwartet hat. Bündel von Geldscheinen, goldene Uhren, fremde Pässe, irgendetwas Eindeutiges und Schmutziges, das es ihm leicht machen würde, seinen Großvater zu hassen. Doch in der Schublade liegen mit Faden verschnürte Umschläge. Auf jedem steht kein Name, sondern eine kurze Notiz:

Fahrt.

Medikamente.

Beerdigung.

Bis zum Frühjahr.

Nachnamen ändern.

Warja nimmt den ersten Umschlag heraus.

Darin liegen Zugfahrkarten nach Kirow, zwei Kinderfotos und ein Zettel: „Nicht zurückkommen, bevor Kusin tot ist. Tamara holt euch am Bahnhof ab. Das Geld nicht für die Schulden des Mannes ausgeben.“

Im zweiten sind Rezepte, Bescheinigungen und die Quittung für die Operation eines Jungen, zu dem im Nachtbuch der Eintrag gehört: „Sohn der Kassiererin. Nicht eingetragen.“

Nina Pachomowa steht die ganze Zeit an der Tür. Ilja hat nicht bemerkt, wann sie gekommen ist. Die alte Frau tritt nicht ein, sondern hält sich nur mit einer Hand am Türrahmen fest.

„Er hat es mir nicht gesagt“, sagt sie.

„Wovon?“, fragt Maja.

„Dass es kein Verwandter war, der meinen Sohn fortgebracht hat. Ich dachte, die Schwester meines Mannes hätte das Geld aufgetrieben. Aber er war es.“

Ilja möchte Erleichterung empfinden.

Es gelingt ihm nicht.

Zu ordentlich sind die Umschläge gestapelt. Zu viele fremde Rettungen stecken darin, gekauft ohne Erklärung, ohne den Namen des Retters, ohne das Recht, später zu sagen: Ich habe es doch versucht.

Und etwas anderes wird zu deutlich.

Wenn sein Großvater die einen gerettet hat, wusste er, wen er nicht mehr retten konnte.

Warja sagt kein Wort. Sie öffnet einen Umschlag nach dem anderen, bis sie zu einer grauen Mappe ohne Aufschrift kommt. Darin liegen Kopien von Schuldscheinen. Alle auf den Namen Semjon Iljitsch Lasarew. Die Summen unterscheiden sich, die Daten auch. Doch rechts in der Ecke wiederholt sich ein Zeichen: eine kleine Zählmarke, vier Striche und ein fünfter quer darüber.

Maja atmet aus:

„Dasselbe Zeichen war auf dem Siegel der Kommission.“

Ilja nimmt einen der Schuldscheine. Das Papier ist dünn wie ein Krankenhausformular. In der Handschrift seines Großvaters steht darauf:

Erhalten. Für die Fahrt der Familie Sinizyn. Keine Möglichkeit zur Rückzahlung.

Darunter hat eine fremde Hand ergänzt:

Mit Schweigen verrechnen.

Warja hebt den Blick.

„Schweigen worüber?“

Ilja sieht bereits die nächste Mappe.

Sie liegt ganz unten. Dick, mit angesengtem Rand. Darauf steht nur ein Wort:

Gordejew.

Warja greift nicht danach.

Im Gegenteil, sie weicht zurück.

„Mach sie auf“, sagt sie.

Ilja öffnet sie.

In der Mappe sind weder eine Leiche noch ein Geständnis oder eine schöne Antwort. Nur die Kopie eines Arbeitsauftrags zur Reparatur des Schaltraums, Andrej Gordejews alter Anhänger, genau wie der, den Warja vom Grund des Teichs geholt hat, und ein Schuldschein.

Semjon Iljitsch Lasarew hat in der Nacht, in der Andrej Gordejew verschwunden ist, Geld erhalten.

Die Summe ist hoch. So hoch, dass Ilja zuerst glaubt, die Nullen falsch zu sehen.

Warja weint nicht.

Das erschreckt ihn noch mehr.

„Was hat er damit gemacht?“, fragt sie.

Ilja beginnt zu suchen. Er dreht die Mappe um, zieht ein eingelegtes Blatt heraus, breitet die Quittungen aus. Da sind Zugfahrkarten für eine andere Familie, eine Bescheinigung über die Beerdigung eines namenlosen Ertrunkenen, drei Rezepte auf einen fremden Nachnamen, die Zahlung für ein Zimmer im Wohnheim.

Alles geht genau auf.

Und gerade deshalb ist es keine Rechtfertigung.

„Er hat in derselben Nacht jemanden gerettet“, sagt Ilja.

Warja sieht ihn an, als hätte er gerade eine schlechte Anweisung von jemand anderem wiederholt.

„Und meinen Vater?“

Darauf gibt es keine Antwort.

Ganz hinten in der Schublade liegt ein letzter Zettel. Er ist zweimal gefaltet und mit Faden umwickelt, als hätte sein Großvater gewollt, dass man ihn zuletzt findet, wenn sich die Unwissenheit nicht mehr zurückholen lässt.

Ilja faltet das Papier auseinander.

Semjon Iljitschs Schrift ist gleichmäßig, die eines alten Mannes, aber ohne Zittern.

An meinen Enkel, falls du bis zu dieser Schublade gekommen bist.

Glaub mir nicht mehr als dem Papier.

Ich habe Geld von denen genommen, für die Menschen Verbrauchsmaterial waren. Nicht für mich. Aber die Hand, die es genommen hat, bleibt trotzdem schmutzig. Nicht jeder Schmutz lässt sich dadurch abwaschen, dass man später einem Kind eine Fahrkarte gekauft hat.

Wenn du alles erfährst, stellt das Gruselkabinett dir eine Eintrittskarte aus.

Geh nicht allein hinein.

Ilja liest zu Ende und begreift, dass sein Großvater ihm zum ersten Mal in seinem Leben die Wahrheit gesagt hat, ohne irgendeinen Trick.

Langsam schiebt sich eine weiße Eintrittskarte aus der Kasse.

Sie trägt kein Datum.

Nur eine Zeile:

Der Enkel ist gewarnt.

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