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DAS GRUSELKABINETT HAT BIS MITTERNACHT GEÖFFNET

Kapitel 19. Der Kreis der Räume

Warjas Plan ist nicht schön.

Deshalb glaubt Ilja sofort, dass er echt ist.

Sie breitet Semjon Iljitschs Heft auf dem Kassentisch aus, beschwert die Ecken mit Schraubenschlüsseln und zeigt ihnen einen alten Schaltplan der Stromversorgung des Parks. Nicht den, der bei der Verwaltung eingereicht worden ist. Einen anderen. Den, nach dem wirklich gearbeitet wurde. Mit Bleistiftnotizen, durchgestrichenen Leitungen, Pfeilen zum Schaltraum und knappen Worten seines Großvaters am Rand:

nicht sofort abschalten

Ausgang offen lassen

wenn ein Kind ruft, nicht der ersten Stimme glauben

nicht allein hineingehen

Die letzte Zeile ist doppelt eingekreist.

Warja fährt mit dem Finger den Kreis entlang.

„Werkhalle, Kasse, Appell, Teich, Autodrom, Spiegelpavillon. Sie hängen an verschiedenen Stromkreisen, aber Opa hat die Rückleitungen in einer einzigen Ader zusammengeführt. Nicht fürs Licht. Für den Ton.“

Maja runzelt die Stirn.

„Dass ihr einen Toningenieur gebraucht habt, war also kein Zufall.“

Ilja nickt.

„Wenn wir die Räume verbinden, gehen die Stimmen nicht nach innen, sondern nach draußen.“

„Über die alte Lautsprecheranlage des Parks“, sagt Warja. „Aber jemand muss am Schaltraum bleiben. Jemand an der Kasse. Jemand muss verhindern, dass Sujew den Strom abschalten lässt. Und Rudnoi muss freiwillig hineingehen.“

Sujew, der zwei Schritte entfernt steht, fragt kühl:

„Warum besprechen Sie das in meiner Gegenwart?“

Maja holt eine Kopie des Abrissantrags hervor.

„Weil Sie als Risikoverantwortlicher unterzeichnet haben.“

Sie legt das Papier so auf den Tisch, dass Sujew seine Unterschrift sehen kann.

„Rudnois Stiftung ist aus dem Schneider. Die Verwaltung ist durch die Anordnung abgesichert. Der Wachdienst führt nur seinen Auftrag aus. Wenn beim Abriss menschliche Überreste, alte Unterlagen oder Minderjährige aus dem Appellregister gefunden werden, sind Sie derjenige, der dafür geradesteht.“

Sujew nimmt das Papier nicht.

Er sieht es sich nur an.

Zum ersten Mal zeigt sein Gesicht weder höfliche Besorgnis noch Kalkül oder Gereiztheit. Es zeigt das Begreifen eines Menschen, der sein Leben lang Sicherheit wie eine Mauer errichtet hat und eines Morgens feststellt, dass man die Mauer um ihn herum gebaut hat.

„Das ist Erpressung“, sagt er.

„Das ist Ihre Sprache“, erwidert Maja. „Objektrisiko. Verantwortliche Person. Betrieb vor Abschluss der Untersuchung. Ich lese es nur vor.“

Sujew hebt den Blick zu Ilja.

„Sie wollen, dass ich Ihnen helfe?“

„Nein“, sagt Ilja. „Ich will, dass Sie ihm wenigstens ein einziges Mal nicht helfen.“

Sujew schweigt.

Warja arbeitet derweil weiter. Sie öffnet den Schaltraum, und der Geruch nach Staub, erhitzter Isolierung und altem Metall dringt so plötzlich ins Freie, als hätte der Raum nach langem Luftanhalten ausgeatmet. Ilja geht hinter ihr hinein, doch sie hebt die Hand.

„Nein. Hier bleibe ich.“

Es klingt nicht gekränkt.

Es ist eine Grenze.

Sie steckt den Schlüssel ins Schloss.

„Ich glaube nicht dir“, sagt Warja, ohne sich umzudrehen. „Ich glaube daran, dass du den Namen nicht versteckt hast.“

Und legt den Hauptschalter um.

Der Park antwortet sofort.

Nicht mit Licht. Mit Geräuschen.

In der Werkhalle schlägt die Schichtglocke an. An der Kasse dreht sich Ninas Schlüssel mit einem Klicken. Beim Appell schrillt eine Trillerpfeife. Im Teich bäumt sich das Wasser auf, obwohl er einen halben Park entfernt ist. Im Autodrom klicken die Lenksäulen. Irgendwo hinter dem Spiegelpavillon erwacht ein alter Lautsprecher, krächzt und verstummt.

Nina Pachomowa kommt nicht allein.

Bei ihr sind Klawa Sinizyna, in ein dunkles Tuch gehüllt, Tolik Scharows Tochter mit demselben grauen Umschlag und eine Frau um die fünfzig mit geradem Rücken und einem alten Foto in einer Klarsichthülle. Auf dem Foto hält der junge Michail Kudin ein Mädchen mit zwei Zöpfen an der Hand.

Die Frau stellt sich nicht vor.

Sie legt das Foto einfach auf die Kasse und sagt:

„Wenn es um Papa geht, bleibe ich.“

Ilja nickt.

„Es geht um ihn.“

Nina setzt sich auf ihren Hocker.

„Die alte Kassiererin ist auf ihrem Posten.“

Klawa sieht lange zum geschlossenen Gruselkabinett, dann fragt sie:

„Was, wenn die Trillerpfeife die Kinder ruft?“

Warja antwortet aus dem Schaltraum:

„Antworten Sie nicht für die, die nicht da sind.“

Klawa nickt.

Die Worte sind schrecklich.

Und richtig.

Ilja legt die Handfläche auf das Nachtbuch.

„Das Gruselkabinett hat die Regel angenommen: Ein Zeuge ist kein Schuldner. Sie stammt von mir. Und solange ich das Buch festhalte, sind Sie durch diese Regel geschützt.“

Niemand bedankt sich.

Und das ist richtig so.

Dankbarkeit würde hier schwächer klingen als eine Grenze.

Jetzt müssen sie nur noch Rudnoi herbringen.

Ilja ruft ihn nicht an. Er bittet ihn nicht, droht ihm nicht und bestellt ihn nicht her.

Er macht es einfacher.

Er schlägt das Nachtbuch auf dem Kassentisch auf und legt eine leere Tageseintrittskarte daneben.

Darauf schreibt er:

Wiktor Rudnoi. Käufer des Archivs. Einlass vor Mitternacht.

Maja sieht ihn an.

„Vielleicht kommt er nicht.“

„Er kommt.“

„Warum?“

Ilja sieht auf das Buch.

„Weil er darum gebeten hat, es sehen zu dürfen, und ein Nein gehört hat.“

Um neun Uhr abends liegt der Park bereits in einem doppelten Ring: draußen Sujews Maschinen, die Wachleute und die Menschen am Zaun; drinnen Nina, Klawa, Michail Kudins Tochter, Maja, Warja und Ilja. Über ihnen hängt die alte Lautsprecheranlage des Parks, die seit zwanzig Jahren niemand eingeschaltet hat. Die Kabel führen vom Schaltraum zum Spiegelpavillon, vom Pavillon zur Kasse, von der Kasse zu den Lautsprechern und von den Lautsprechern zu den Räumen, in denen die Schulden nicht auf Licht warten, sondern auf einen Namen.

Fünf Minuten vor Mitternacht hält ein schwarzer Wagen am Tor.

Wiktor Rudnoi steigt allein aus.

Ohne Wachleute.

Ohne Mappe.

Mit Geld in der Hand.

Er geht zur Kasse, betrachtet die Eintrittskarte mit seinem Namen und lächelt kaum merklich.

„Archive verkaufen keine Eintrittskarten“, sagt er.

Ilja antwortet:

„Dafür glauben Käufer immer, dass die Karte nicht für sie bestimmt ist.“

Rudnoi legt das Geld ins Kassenfenster.

Die Kasse gibt kein Wechselgeld heraus.

Sujew sagt am Tor scharf zu den Arbeitern:

„Die Maschinen bleiben aus.“

Einer der Wachleute dreht sich zu ihm um.

„Wir haben einen Befehl.“

Sujew sieht zum geschlossenen Gruselkabinett, dann auf die Unterschrift unter dem Abrissbescheid.

„Ich habe gesagt: Die Maschinen bleiben aus.“

Es ist keine Heldentat.

Aber es ist seine Entscheidung.

Zwei Minuten vor Mitternacht betritt Rudnoi das Gruselkabinett.

Aus freien Stücken.

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