Hinter der Tür des Gruselkabinetts gibt es keine Attraktion.
Keine Sperrholzgräber, keine Gummispinnen, kein abgewetztes Skelett im Mantel, keine Schilder mit billigen Witzen und keine Glühbirnen, die kurz vor der nächsten Kurve zucken. Nur ein schmaler Gang, weiß gestrichen mit derselben alten Farbe wie das Kassenhäuschen, und an seinem Ende ein Fenster.
Unter dem Fenster liegt der Vertrag.
Ilja erkennt ihn nicht an den Worten. Sondern an der leeren Stelle für die Unterschrift.
Verkauf des Objekts.
Übertragung der Rechte.
Archivierung der Begleitunterlagen.
Verzicht auf weitere Ansprüche.
Das Gruselkabinett bietet ihm kein Blut an. Es bietet ihm das an, weswegen er am ersten Tag nach Saretschensk gekommen ist.
Es zu Ende bringen.
An der Fensterscheibe hängt ein Schild:
Verkauf beglichener Schulden.
Der Lautsprecher an der Kasse klickt, und Semjon Iljitschs Stimme spricht nicht aus der Vergangenheit, sondern direkt aus dem Glas:
„Die Angst muss einen wieder hinauslassen.“
Ilja schließt die Augen.
Als Kind hat er diesen Satz für eine Regel der Attraktion gehalten. Man geht hinein, erschrickt, schreit, tritt wieder ins Licht und lacht, weil das Schreckliche hinter der Tür geblieben ist. Jetzt hört er die zweite Hälfte, die sein Großvater nie ausgesprochen, aber sein Leben lang mit den Eintrittskarten anderer zu bezahlen versucht hat.
Wenn die Angst einen drinnen festhält, ist es keine Attraktion.
Es ist eine Grube.
Der Vertrag bewegt sich von selbst. Daneben erscheint ein Kugelschreiber. Der alte seines Großvaters, mit abgeblättertem blauem Gehäuse.
Im Kassenfenster spiegelt sich nicht Ilja, sondern der Park draußen: die geschlossenen Pavillons, die Siegel, Roman Sujews Scheinwerfer, Nina Pachomowas leerer Hocker, Maja Krajewa an der Tür mit Warjas Eintrittskarte in der Hand. Dahinter steht das Gruselkabinett, das zur Sensation werden könnte, zum Geschäft, zum Kanal, zur Legende, zu einem Ort, an den die Menschen von selbst ihr Geld bringen, um den Tod anderer in sicherer Verpackung zu sehen.
Er könnte den Park retten.
Ganz einfach.
Die Nachtschulden als Legende bestehen lassen. Die Räume eine Rekonstruktion der Erinnerung nennen. Regeln an die Wand hängen, Eintrittskarten nur an Erwachsene verkaufen, Verzichtserklärungen unterschreiben lassen, tagsüber Blogger hereinlassen und nach Mitternacht niemanden mehr.
Ilja sieht das alles vor sich.
Die Schlange an der Kasse. Neue Scheinwerfer. Warja, falls sie ihm je verzeiht, wieder im Schaltraum. Maja mit abgeschlossenem Fall. Nina auf ihrem Hocker als lebendige Zeitzeugin. Und Ilja selbst, der Besitzer der schrecklichsten Attraktion im ganzen Gebiet.
Auf dem Vertrag erscheint eine neue Zeile:
Die Schulden bleiben drinnen. Die Einnahmen kommen nach draußen.
Damit stellt das Gruselkabinett ihn auf die Probe.
Nicht mit dem Tod.
Mit Gewinn.
Ilja schaltet Majas Aufnahmegerät ein.
„Ilja Lasarew. Ich bin drinnen. Man bietet mir an, den Park zu verkaufen und die Schulden hier drinnen zu lassen. Ich lehne ab.“
Die Fensterscheibe wird dunkel.
Er nimmt den Kugelschreiber.
Für eine Sekunde will seine Hand doch noch unterschreiben. Nicht mehr wegen des Geldes. Wegen der Stille. Damit er nicht nach Andrei Gordejew suchen, Warja nicht in die Augen sehen, Michail Kudins Tochter nicht ans Licht holen, Nina nicht zwingen muss, wieder an der Kasse zu stehen, und Maja nicht fragen muss, wie viel ihre Familie für ihr Schweigen bekommen hat.
Er legt den Kugelschreiber quer über den Vertrag.
„Die Angst lässt die Menschen wieder hinaus“, sagt er. „Alle. Nicht nur die, die einem in den Kram passen.“
Im Kassenfenster klickt die Kasse.
Der Vertrag rollt sich wie ein Kassenbon zu einem schmalen Streifen zusammen und verschwindet im Schlitz. An seiner Stelle erscheinen Tageseintrittskarten. Nicht eine. Hunderte. Genau die, die die Leute für die neuen Räume gekauft haben, als Ilja noch nicht verstanden hat, was er da verkauft.
Auf jeder Eintrittskarte erscheint der Name eines Raums.
Werkhalle ohne Schicht.
Kasse ohne Wechselgeld.
Appell ohne Gruppe.
Teich ohne Ertrunkenen.
Autodrom der Gegenfahrbahn.
Daneben steht ein Betrag.
Ilja versteht, dass das Gruselkabinett nicht auf einen schönen Satz wartet.
Sondern auf Zahlung.
Gegen Morgen kommt er heraus.
Maja sitzt an der Kasse und hält Warjas Eintrittskarte noch immer fest. Als sich die Tür öffnet, springt sie so heftig auf, dass sie mit dem Ellbogen gegen das Funkgerät stößt.
„Lebst du?“
Ilja reicht ihr den Stapel Tageseintrittskarten.
„Allen das Geld zurückgeben, die für Räume mit offenen Schulden bezahlt haben.“
Maja sieht die Eintrittskarten an, dann ihn.
„Dir ist klar, dass das fast die gesamten Einnahmen sind?“
„Ja.“
„Und dass Sujew das ein Eingeständnis von Betrug nennen wird?“
„Soll er.“
„Und Rudnoi?“
Ilja sieht zur geschlossenen Kasse.
„Er kommt wegen des Buchs.“
In diesem Moment ist am Tor ein Krachen zu hören. Kein nächtliches. Ein gewöhnliches, grobes Geräusch bei Tag. Metall auf Metall, ein Motor, Männerstimmen, das Knarren einer Kette. Sujews Maschinen fahren am Park vor.
Roman Sujew steigt mit einer Mappe in der Hand aus dem Wagen. Er sieht aus wie jemand, der nicht geschlafen, aber trotzdem sein Hemd gebügelt hat. Hinter ihm stehen Arbeiter, Wachleute und derselbe Inspektor, der am Vortag schweigend das Siegel mit der Aufschrift „Bezahlt“ neu aufgeklebt hat.
„Ilja Sergejewitsch“, sagt Sujew. „Wir haben eine Anordnung zum Abriss von zwei Pavillons.“
Maja hebt die Hand.
„Bis die Untersuchung abgeschlossen ist, reißt hier niemand irgendetwas ab.“
Sujew sieht sie fast bedauernd an.
„Maja Walerjewna, Sie können immer noch verhindern, dass das hier zu beruflichem Selbstmord wird.“
Ilja wirft den Stapel Eintrittskarten auf den Kassentisch.
„Zuerst die Rückerstattung.“
„Was?“
„Für alle, die für Räume mit offenen Schulden bezahlt haben. Sie bekommen ihr Geld zurück. Die Namen werden veröffentlicht. Nicht als Werbung. Als Liste der Menschen, die diese Stadt für nicht existent erklärt hat.“
Sujew erstarrt.
Er begreift es schneller als die Arbeiter. Schneller als die Wachleute. Schneller als die Menschen am Zaun, die sich bereits versammeln, weil in einer Kleinstadt Maschinen vor einem alten Park lauter sind als jede Nachricht.
Wenn Ilja das Geld zurückgibt, ist der Park keine profitable Schauergeschichte mehr.
Wenn er die Namen veröffentlicht, ist der Abriss keine Verschönerungsmaßnahme mehr.
Hinter dem entfernten Pavillon kommt Warja hervor.
In den Händen hält sie den Schlüsselbund zum Schaltraum und ein altes Heft von Semjon Iljitsch.
Sie lächelt nicht. Sie rennt nicht. Sie bittet nicht um Verzeihung und erwartet auch keine.
Sie geht zur Kasse, legt das Heft neben die Eintrittskarten und sagt:
„Man kann alle Räume zu einem einzigen Kreis zusammenschließen.“
Ilja antwortet nicht sofort.
Warja sieht ihn ruhig an.
„Ich bin nicht gekommen, um mich zu versöhnen.“
„Ich weiß.“
„Ich bin gekommen, weil du die Namen nicht versteckt hast.“
In der Kasse klimpert leise das Kleingeld unter ihren Händen.
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