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DER SCHMIED VOM TODESMOOR

Kapitel 1. Das Urteil im Morgengrauen

Die Sippe versammelt sich im Morgengrauen, um über den Sohn des Schmieds zu richten. Bis Mittag könnte sie es sich schließlich anders überlegen.

Der Morgen ist klar und bösartig kalt, auf den Flechtzäunen liegt Reif. Das ganze Dorf kommt an der alten Eiche zusammen: Männer mit Äxten am Gürtel, Frauen mit Kindern auf dem Arm, Greise, die sich noch an die Jahre erinnern, als es hier nichts gegeben hat außer dem Wald. Mitten im Kreis steht Kres, der Sohn des Schmieds. Lahm. Zwanzig Winter alt. Allein.

Er ist kein Dieb und hat gegen niemanden die Hand erhoben. Man richtet über ihn, weil er die Esse seines Vaters wieder angefacht hat.

Vor drei Wintern hat ein Fieber den fremden Schmied dahingerafft, und die Sippe hat erleichtert aufgeatmet. Der Fremde mit dem Hammer ist ihr nie geheuer gewesen: Er ist aus dem Nichts gekommen, hat wenig geredet und ins Feuer geschaut, als würde es ihm antworten. Nach seinem Tod haben sie die Schmiede Balken für Balken abgetragen und seinen Namen getilgt, wie man eine Kerbe auf einem Zählholz mit Kohle verwischt. Nur eine schlechte Erinnerung ist geblieben: Angeblich hat schon das Feuer des Vaters damals die Seuche über die Bienenstöcke gebracht.

In diesem Frühjahr sind die Bienen wieder gestorben. Ganze Klotzbeuten, ganze Waldbienenstöcke. Der Honig hat der Sippe guten Wohlstand eingebracht. Innerhalb eines Monats ist davon nichts mehr übrig.

Einen Schuldigen haben sie schnell gefunden. Den ganzen Winter über hat Kres den Leuten in einer Erdhütte am Dorfrand Sicheln und Messer repariert. Heimlich, für ein Dankeschön. Sein Feuer stammt vom Vater: Kres hat es gehütet und immer eine Glut mitgenommen, wie man Feuer aus einem alten Haus in ein neues trägt, damit das Haus lebt. Alle haben davon gewusst. Sie haben geschwiegen, solange es sich gelohnt hat. Jetzt lohnt sich das Reden.

Chort tritt vor, Wolchwe und Ältester der Sippe, ein großer alter Mann mit langem weißem Bart. Er schreit nicht. Er schreit nie, und genau deshalb hören ihm alle zu.

„Fremdes Blut hat fremdes Feuer gebracht“, sagt Chort in den Kreis. „Fremdes Feuer hat die Götter erzürnt. Zweimal haben wir mit einer Seuche bezahlt. Ein drittes Mal überlebt die Sippe nicht.“

Zustimmendes Gemurmel geht durch den Kreis. Zustimmen fällt leicht, wenn ein anderer schuld ist.

Nur Milawa, die Kräuterfrau, löst sich aus der Reihe der Frauen und stellt sich neben Kres. Dafür machen sie ihr noch bis zur Ernte Vorwürfe.

„Er hat eure Sicheln geschärft“, sagt sie. „Wenn das eine Sünde ist, habt ihr sie mit eurem eigenen Brot genährt.“

„Eine Frau hat vor Gericht nicht das Wort“, bekommt sie zur Antwort, und man zwingt sie zurück in die Reihe.

Chort hebt seinen Stab. Das Urteil hat schon vor Sonnenaufgang festgestanden. Das wissen alle.

„Die Sippe vergießt kein Blut der eigenen Sippe“, sagt der Wolchwe. „Doch fremdes Blut gehört nicht länger zu uns. Geh ins Rostmoor, Sohn des Schmieds. Leb dort, solange der Wald es zulässt.“

Das Rostmoor. Eine der Frauen schnappt nach Luft. Einen Tagesmarsch flussabwärts liegt dieser verfluchte Ort: ein Moor, dessen Wasser rot ist wie Wundsekret, in dem Vieh versinkt und Pilzsammler ohne einen Schrei verschwinden. Nicht einmal für Preiselbeeren geht man dorthin. Verbannung ins Moor nennt niemand ein Todesurteil. Nur weil der Tod dort von selbst kommt.

Das Ritual ist kurz und so alt wie die Sippe. Der Wolchwe zieht mit seinem Stab eine Linie in die Erde, zwischen Kres und dem Kreis. Die Klagefrau singt, ohne zu weinen, zwei Zeilen eines Totenliedes über den Lebenden. Nur die Hälfte, wie bei Menschen, die man ohne Leichnam begräbt. Dann dreht sich das ganze Dorf auf Chorts Wort gleichzeitig um. Die Sippe schaut einem Verbannten nicht nach. Kres sieht nur die Rücken der Nachbarn, mit denen er Brot geteilt hat, und der Alten, deren Messer er den ganzen Winter geschärft hat. Milawa dreht sich als Einzige nicht um. Chort merkt es sich.

Kres hört sich alles schweigend an. Schweigen kann er. Das lernt man, wenn man mit zehn Wintern hinkt und das ganze Dorf über den eigenen Gang lacht.

Seit seinem zehnten Winter ist er lahm. Damals ist in der Schmiede des Vaters brennende Kohle aus der umgestürzten Esse über ihn geschwappt. Er hat überlebt, aber drei Tage lang im Fieber zwischen Leben und Tod gebrannt. Als er wieder zu sich gekommen ist, hat er alles angesehen, als wäre es neu. Er hat weniger gesprochen, dafür seltsame Fragen gestellt: Warum lagert das Korn in einer Grube statt in drei? Warum trinken sie das Flusswasser ungekocht? Warum zählen sie das Brennholz erst vor dem Winter und nicht schon im Sommer? Im Dorf hat man getuschelt: Der Junge ist vertauscht worden, Geister haben ihm im Fieber die Seele herausgenommen und eine fremde hineingelegt. Sein Vater hat sich das Gerede angehört, dann seinen Sohn, und schließlich ein Machtwort gesprochen: „Nicht vertauscht. Fertiggebaut.“

Von seinen Träumen erzählt Kres niemandem. Er träumt von steinernen Dörfern, die bis in den Himmel reichen, von Eisenbrücken über Flüsse, breit wie Seen, und von Tausenden gleichmäßiger kalter Lichter, die kein Feuer brauchen. Er weiß nicht, ob es seine eigenen Träume sind oder die Erinnerung eines Menschen, der so weit entfernt gelebt hat, dass kein Fluss dorthin führt. Nur eines weiß er: Die Träume selbst machen ihm keine Angst. Das Aufwachen schon.

Dann tut er etwas, worüber das Dorf noch bis zum Herbst reden wird.

Er geht zum Sippenfeuer, das unter der Eiche seit den Zeiten der Urgroßväter brennt, hockt sich hin und rollt mit der bloßen Hand eine Glut heraus. Er hält sie auf der Handfläche, ohne das Gesicht zu verziehen. Dann legt er sie in die Schachtel aus Birkenrinde, in der er seinen Feuerstahl trägt.

Der Kreis erstarrt. Ohne Erlaubnis Feuer der Sippe zu nehmen gilt als schlimmer als Diebstahl. Als würde man einen Teil der gemeinsamen Seele forttragen. Chort könnte ihn mit einem einzigen Wort aufhalten.

Chort hält ihn nicht auf. Er kneift nur die Augen zusammen und schaut zu, wie die Birkenrinde qualmt.

„Du hast Feuer genommen, und das Feuer wird dich fressen“, sagt der Wolchwe leise. „Der Wald duldet keinen Hochmut.“

„Ich merke es mir“, antwortet Kres. Es ist sein erstes Wort während des ganzen Gerichts.

Er geht durch das Dorf, und die Leute schauen weg. Am Dorfrand holt ihn Wjun ein, ein zehnjähriger Waisenjunge und Hütejunge, immer hungrig und ohne jemanden, zu dem er gehört. Er drückt Kres etwas Schweres in die Hand, in Sackleinen gewickelt, und rennt davon, ohne ein Danke oder eine Tracht Prügel abzuwarten.

Im Sackleinen liegt der Hammer seines Vaters. Genau der Hammer, den die Sippe vor drei Wintern nicht gefunden hat, als sie die Schmiede auseinandergerissen hat.

Kres steht auf dem Pfad, hält den Hammer und sieht hinter sich, über einer fernen Flussbiegung, einen schmalen Streifen Segel aufsteigen. Niemand im Dorf bemerkt ihn. Alle schauen dem Verbannten nach.

Während der Verbannte zu Fuß ins Moor zieht, fährt das gestreifte Segel flussaufwärts zum Dorf. Und das Unheil an Bord gilt längst nicht nur einem lahmen Schmied, sondern der ganzen Sippe.

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