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DER SCHMIED VOM TODESMOOR

Kapitel 2. Das Blut der Erde

Der Vater hat immer gesagt: Ein Haus beginnt nicht mit den Wänden. Ein Haus beginnt mit dem Ofen.

In der ersten Nacht im Moor schläft Kres nicht. Er hält auf einem trockenen Rücken zwischen zwei schwarzen Erlen ein Feuer in Gang und lauscht dem Atem des Moors. Es atmet tatsächlich: Es seufzt in Blasen, schmatzt und antwortet sich mit Vogelstimmen, die er nicht kennt. Zweimal gleiten in der Nacht zwei grüne Lichter zwischen den Bülten hindurch: gleichmäßig, nicht wie die Augen eines Tieres. Er legt dürres Holz nach und sagt in die Dunkelheit: „Ich bin nicht hochmütig. Ich bin stur.“ Die Lichter bleiben eine Weile stehen und ziehen dann ab. Vielleicht ein Wolf. Vielleicht hat der Herr dieser Gegend beschlossen, sich anzusehen, wen man ihm geschickt hat.

Am nächsten Morgen beginnt er mit dem Ofen, wie der Vater es ihn gelehrt hat. Er gräbt eine Höhlung in den Erdrücken, streicht sie mit Lehm aus und führt den Rauchabzug durch den Rasen. Die Glut aus dem Sippenfeuer, die den ganzen Weg über in der Zunderschachtel geglimmt hat, kommt in den neuen Ofen, und das Feuer fängt beim ersten Atemzug, als hätte es nur darauf gewartet. Ohne Feuer ist ein Haus leer, und in ein leeres Haus zieht allerhand ein: So haben es die Alten gesagt. Jetzt hat er ein Haus. Eine Erdhütte im Moor, aber ein Haus.

Zu essen gibt es fast nichts. Er stellt Schlingen für Waldvögel, schält Rohrkolben und gräbt nach süßen Wurzeln. Er magert so sehr ab, dass er den Gürtel zweimal enger binden muss. Dafür lernt er das Moor kennen, wie man die Eigenheiten eines Fremden kennenlernt: wo ein Erdrücken trägt, wo das Moos lügt, wo unter den Wasserlinsen ein zweiter Grund lauert. Sein lahmes Bein erweist sich im Moor nicht als Schwäche. Er ist ohnehin daran gewöhnt, nicht jedem Schritt zu trauen.

Er überlebt nicht aufs Geratewohl. In seinem Kopf fügt sich von selbst ein Merkspruch zusammen, als hätte ihn dort vor langer Zeit jemand eingehämmert: Wasser, Wärme, Nahrung, Vorrat. Genau in dieser Reihenfolge und in keiner anderen. Das Wasser kocht er immer ab, selbst wenn es sauber aussieht: viel Aufwand, doch dafür hat es ihm kein einziges Mal den Bauch verdreht, und im Moor bedeutet das Leben. Die Abortgrube hebt er weit entfernt und bachabwärts aus, abseits von Nahrung und Wasser. Warum das so sein muss, kann er nicht erklären, doch die fremde Erinnerung besteht hartnäckig darauf.

Gegen Ende des ersten Monats baut er neben der Erdhütte eine kleine Schwitzhütte: eine Grube mit Feuerstelle, mit Rasen gedeckt, ein Rauchbad ohne Abzug. Er heizt die Steine bis zur Rotglut, gießt Moorwasser darüber und schlägt sich mit einem Birkenreisig so lange, bis ihm die Ohren klingen. Er schwitzt die Kälte aus dem Körper und die Kränkung aus dem Kopf. Nach dem Bad sitzt er dampfend auf dem Erdrücken, schaut durch die Erlenzweige zu den Sternen und denkt zum ersten Mal nicht daran, was er verloren hat, sondern daran, was er bauen wird.

Nachts raschelt jemand hinter dem Ofen. Keine Maus und kein Iltis, oder vielleicht doch: Es raschelt bedächtig und so selbstsicher, als gehöre ihm das Haus. Kres beginnt, auf dem Ofensims einen Kanten Brot liegen zu lassen. So hat es der Vater gemacht, so machen es alle, deren Haus lebt. Am Morgen ist der Kanten fort. Er nickt und sagt in die dunkle Ecke: „Bleib nur. Zu zweit ist es schöner.“ Seit dieser Nacht ist die Erdhütte kein Loch im Moor mehr. Jetzt wohnt dort jemand, der dazugehört.

Und dann stößt er auf das rote Wasser.

Der Bach sickert unter einem Moosrücken hervor. Sein Wasser ist rostrot und dick, obenauf schillert eine regenbogenfarbene Haut. Vieh scheut davor zurück. Menschen spucken über die Schulter und gehen fort. Kres aber hockt sich hin und lacht zum ersten Mal seit einem Monat.

Er erinnert sich an seinen Vater. So deutlich, dass es unter den Rippen schmerzt: Der Vater, schwarz vor Ruß, setzt ihn mit seinen sieben Jahren aufs Knie und lässt einen schweren braunen Klumpen, der wie eine gebackene Rübe aussieht, über seine Handfläche rollen. „Sieh her, mein Junge. Wo das Wasser rostig ist, versteckt die Erde ihr Blut. Das Blut der Erde ist stärker als Bronze. Der Süden zieht uns für Bronze dreifach das Fell über die Ohren, dabei liegt der Reichtum hier unter unseren Füßen. Nur weiß niemand, wie man ihn sich holt.“

Das Blut der Erde. Raseneisenerz.

Kres sticht bis zum Abend Rasen aus. Unter dem Moos liegen die Klumpen in einer ganzen Schicht: braun, schwer und porös. Eine ganze Ader, unerschlossen und unberührt. Man muss nur nehmen, so viel man tragen kann. Die Sippe hat ihn zum Sterben an den reichsten Ort des Großen Waldes geschickt und nicht einmal etwas davon geahnt.

Er sitzt am Bach, bis es dunkel wird, und weiß bereits, was er als Nächstes tun wird. Und genau da, als er aufsteht, sieht er die Kerbe.

Alt und verwachsen, in einer schwarzen Erle direkt am Erdrücken: zwei schräge Striche und ein Halbkreis. Das Zeichen seines Vaters. So hat der Vater die Balken für die Schmiede markiert.

Der Vater ist hier gewesen.

Kres untersucht die Erle von allen Seiten und tastet jeden Riss in der Rinde ab. Unter den Wurzeln liegt in einer mit Birkenrinde ausgekleideten Grube eine Schachtel. Darin findet er drei faustgroße Luppen aus dunklem Eisen und eine Rolle Birkenrinde, beschrieben von der Hand des Vaters: wie viel Kohle man nehmen muss, wie lange die Luftzufuhr aufrechtzuerhalten ist, wann der Ofen aufzubrechen ist. Ein weiterer Gegenstand ist einzeln in einen Lappen gewickelt.

Ein gedrehter Niet, einen Finger lang. Keine Arbeit seines Vaters: fremd, fein und dem Anschein nach viel fester als alles, was es hier gibt. Auf den Kopf ist ein Zeichen geschlagen, das wie ein Vogelflügel aussieht. Solches Eisen schmiedet man weder im Dorf noch irgendwo im ganzen Wald. Solches Eisen kommt nur aus einer Himmelsrichtung.

Aus dem Norden.

Kres sitzt in der Dunkelheit, hält den kalten Niet und hört das Moor nicht mehr atmen. Sein Vater hat diesen Ort gekannt und darüber geschwiegen. Sein Vater hat ein Werkstück aus dem Norden in einem Versteck aufbewahrt. Sein Vater, den das Dorf für einen Fremden aus dem Nichts gehalten hat.

Woher bist du gekommen, Vater? Und vor wem hast du dich versteckt?

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