Gegen Ende des Sommers schlagen im Moor den ganzen Tag die Äxte. Man hört sie sogar jenseits des Wasserarms.
Die kleine Feste wächst hufeisenförmig auf dem erhöhten Landrücken, mit dem Rücken zum Sumpf. Eine Palisade aus Eichenstämmen, anderthalb Mann hoch, ein Tor mit geschmiedeten Angeln: die ersten eisernen Torangeln des Großen Waldes. Großvater Koren öffnet und schließt den Flügel den ganzen Tag wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. „Es knarrt“, freut er sich. „Hör doch, Schmied, wie es knarrt. Das Holz spricht mit dem Eisen.“
Der Knüppeldamm wird bis zum festen Ufer verlängert. Über einer besonders tiefen und tückischen Stelle errichten sie das erste Stück einer richtigen Brücke: Eichenpfähle in eisernen Schuhen, durch Klammern verbunden. Koren sagt nicht mehr: „Das kann nicht sein.“ Jetzt sagt er: „Solange es hält“, und aus seinem Mund ist das das höchste Lob der Welt.
Die Palisade errichten sie gemeinsam, nach Großvater Korens Lehre. Die dicken Enden der Eichenstämme werden über Feuern schwarz verkohlt: Verkohltes Holz fault nicht. Die Löcher für die Pfosten graben sie entlang einer gespannten Schnur. Kres verlangt, dass alles im Voraus gezählt und abgesteckt wird, und nach und nach übernehmen die anderen diese Ordnung. Die Frauen fahren Lehm heran, die Kinder schleppen Holzspäne zum Anfeuern, und die Äxte schweigen den ganzen Tag nicht.
Und unter dem Schutzdach am Wasser wächst ein Schiff.
Jorunn hat den Kiel aus Mooreiche gelegt, den sie zusammen mit Kres und Koren zwei Tage lang aus einem schwarzen Altarm gehoben hat. Die Planken werden mit Dampf gebogen: eine Grube, heiße Steine, Wasser, eine zischende Wolke. In dieser Wolke spürt Jorunn mit den Händen, wo das Holz nachgibt und wo es jeden Augenblick reißen kann. Sie legt Kres' Handfläche auf eine Planke, ihre eigene darüber, und führt beide an der Maserung entlang.
„Spürst du es? Hier will es sich biegen. Und hier nicht. Wer Holz gegen seinen Willen zwingt, füttert später die Fische.“
Kres versucht, die Biegung der Planke zu spüren, denkt aber mehr an Jorunns Hand auf seiner. Im heißen Dampf sind ihre Gesichter einander ganz nah, und keiner beeilt sich, die Hand fortzunehmen.
„Das Wasser ist verkocht!“, brüllt Wjun von der anderen Seite des Schutzdachs. Beide fahren zusammen und stürzen zu ihm.
Die Nieten schmiedet Kres abends, zu Hunderten. Die Arbeit ist eintönig, kleinteilig und endlos. Wjun führt auf einem Kerbholz Buch und verkündet jeden Abend feierlich: „Die dreihunderteinundvierzigste.“ Alle im Moor kennen die Abmachung über die tausend Nieten und sagen immer wieder: Wenn wir die tausendste erleben, haben wir unser eigenes Schiff, und das Schiff hat seinen eigenen Weg.
Immer mehr Menschen kommen. Gegen Ende des Sommers leben sechs Dutzend Seelen hinter der Palisade, und Kres kennt längst nicht mehr alle beim Namen. Das wird ihm zum Verhängnis.
Der Geselle mit dem Beinamen Soroka kommt vom Oberlauf, mit leerem Ranzen und geschickten Händen. Er arbeitet sauber, begreift schnell und fragt noch schneller: wie viele Luppen eine Schmelze liefert, wie viele Schmelzen sie in einem Mond schaffen, woher sie das Erz holen, wie viele Männer und wie viele Boote es im Moor gibt. Es sind gewöhnliche Fragen: Neulinge fragen immer.
Im Moor gewinnt Soroka rasch alle für sich. Er versteht es, sich unentbehrlich zu machen: Er übernimmt die Arbeit anderer, bevor sie ihn darum bitten, bringt die Erschöpften zum Lachen und merkt sich, wer Namenstag hat und wessen Kind krank ist. Auch Kres hält viel von dem flinken Gesellen. Später begreift er Torops Berechnung: Einen unangenehmen Fremden hätte man nicht weiter als bis auf den Hof gelassen, doch einem beliebten Arbeiter erzählen die Menschen von selbst alles, was sie wissen.
Nur Wjun, der von klein auf daran gewöhnt ist, Falschheit in anderen zu erkennen, beobachtet Soroka. Eines Nachts sieht er, wie der Geselle am hinteren Wasserarm Kerben in ein Stöckchen schneidet und es danach in der Höhlung einer alten Weide versteckt. Wjun verbringt drei Nächte in nassen Seggen und ist sehr stolz darauf, den Spion entlarvt zu haben.
Am nächsten Morgen holt Kres das Stöckchen heraus. Die Kerben sind eine Zählung: Luppen, Menschen, Boote, Wachtürme. Alles stimmt. Soroka zählt das Moor für Torop.
Die Männer schlagen eine einfache Lösung vor: den Spion ins Wasser, das Moor wird schon mit ihm fertig. Kres verbietet es.
„Soll er zählen“, sagt er. „Aber er wird nur sehen, was ich ihm zeige.“
Von diesem Tag an wird die Hälfte der Luppen heimlich in ein Versteck im Wald gebracht, während sie an der Esse Attrappen aus Schlacke stapeln. Wenn Soroka zusieht, stellen sie die Wachen an einer Stelle auf, in Wahrheit aber halten sie an drei Stellen Wacht. Die Boote verlegen sie so, dass er fünf zählt und nicht elf. Seit einem Monat beobachtet Soroka das Moor für Torop. Jetzt sieht er nur noch, was Kres ihm zeigt, und schickt eine sorgfältig vorbereitete Lüge flussabwärts.
Die Helling kann Kres nicht verstecken. Unter dem Schutzdach steht bereits das Eichengerippe des Schiffs mit seinen Spanten. Dort hängt auch Aris schwarze, angekohlte Kette – das Einzige, was der Fluss Jorunn nach dem Tod ihres Vaters zurückgegeben hat.
Von der Kette berichtet Soroka gleich in der ersten Woche.
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