Sie kommen in der neunten Nacht nach der Versammlung: zwei Boote ohne Lichter, dreißig Krieger in Eisen und Hauptmann Ketil an der Spitze. Sein Befehl ist einfach: den Schmied lebend fassen, die Werft niederbrennen, alles Weitere je nach Lage.
Doch die Späher entdecken sie, bevor die Nordmänner das Moor sehen.
Die Fischer auf Wache sitzen in den Wasserarmen, in Einbäumen aus Espenholz, die nicht von Treibholz zu unterscheiden sind. Mit vereinbarten Feuersignalen melden sie dem kleinen Fort: zwei Feuer, dann eines – der Feind kommt durch den Hauptarm. Alarm schlagen sie nicht. Im Moor löschen sie alle überflüssigen Feuer und warten, jeder an seinem Platz, wie Kres es ihnen beigebracht hat: Spiel nicht den Helden, tu deine Aufgabe.
Das Warten ist das Schlimmste. In der Dunkelheit lauschen sechzig Menschen in die Nacht. Die Jungen auf Wache zittern vor Kälte und Angst. Die Frauen sitzen mit den Kindern in den Erdhütten, während Milawa von einer Familie zur nächsten geht, Wasser bringt und die Leute beruhigt. Kres steht am Tor und prüft den Plan ein letztes Mal: Knüppeldamm, Zählung, Seile, Feuer. Wenn er sich auch nur an einer Stelle geirrt hat, werden alle dafür bezahlen.
Die Nordmänner gehen am Anfang des Knüppeldamms an Land, stellen sich in Formation auf und marschieren auf die fernen Feuer zu – dorthin, wo ihrer Meinung nach das Dorf des Zauberers schläft. In Wahrheit sind es Töpfe mit Glut, die man am Abend auf leere Moorhügel gestellt hat. Die Formation zieht sich auf dem Knüppeldamm auseinander, und die ersten Krieger brechen ein.
Aus dem Bohlenbelag haben sie nach einem festen Muster jede zweite Planke entfernt. Die Eigenen folgen den Kerben, die Fremden gehen im Dunkeln. Der erste Krieger stürzt bis zur Brust in eine Lücke zwischen den Pfählen, der zweite will ihm helfen und bricht bis zur Hüfte ein. Die schwere Rüstung zieht beide nach unten. Unter Wasser sind Seile mit kleinen Knochengewichten gespannt. Wenn die Nordmänner mit den Beinen dagegenstoßen, beginnen ringsum im Nebel Knochen zu klappern. Dann schreit eine Rohrdommel. In Wahrheit bläst Wjun in eine Hirtenlockpfeife, aber der Ton klingt so kläglich, dass selbst erfahrenen Kriegern unheimlich wird.
„Das sind keine Geister!“, brüllt Ketil irgendwo im Nebel. „Das sind Menschen! Formation halten!“ Er hat recht, doch die Krieger können seinen Befehl nicht ausführen: Nirgends finden ihre Füße festen Halt.
Das Moor kämpft selbst. Die Menschen helfen nur nach.
Sie fangen die Nordmänner mit Bootshaken und Schlingen wie Welse: mühsam, nass und ohne Ruhm. Ketil begreift schneller als die anderen, was vor sich geht, schart einige Krieger um sich und schlägt sich auf einen festen Landrücken durch. Im Kampf verletzt er zwei Moorbewohner schwer, die danach bis zur Ernte Schienen aus Rinde tragen müssen. Erst als sie ein Fischernetz über den Hauptmann werfen und sich zu viert auf ihn stürzen, können sie ihn überwältigen. Die übrigen Nordmänner, sofern sie nicht im Morast feststecken, ziehen sich zu den Booten zurück und fahren flussabwärts davon. Ihre Gefährten lassen sie im Sumpf zurück.
Bei Tagesanbruch zählen sie die Verluste.
Elf Nordmänner sind in Gefangenschaft geraten, darunter der Hauptmann. Durch ihre Waffen ist im Moor niemand umgekommen, doch ganz ohne Verluste geht es nicht. Der Brandflüchtling Nekras, derselbe Mann, der über der Pflugschar geweint hat, will einen ertrinkenden Nordmann herausziehen. Beide versinken unter dem lebenden Grund: Das Moor unterscheidet nicht zwischen Freund und Feind. Im Durcheinander stößt jemand einen Topf mit Glut neben dem Rennofen um. Am Morgen steht nur noch die Hälfte des Ofens, und der Kohlevorrat für einen ganzen Monat glimmt in einer schwarzen Grube aus.
Bis Mittag suchen sie mit Bootshaken nach Nekras und finden ihn neben dem Nordmann, den er retten wollte. Sie bestatten den Brandflüchtling nach altem Brauch, mit Totenklage. Seine Witwe heult nicht laut: Auf der Brandstätte von Bobritschi hat sie sich schon ausgeweint. Die erste Pflugschar von Nekras, über die er einst geweint hat, schlägt Kres mit eigenen Händen in einen Pfahl des ersten Brückenfelds. Die Brücke soll nicht vergessen, wer den Preis für sie bezahlt hat.
Ein weiterer Mensch entgeht nur knapp dem Tod. Ein dürrer, zwölfjähriger Trommler ist mit den Kriegern gekommen, um den Rudertakt zu schlagen, und als Erster in eine Lücke im Bohlenbelag gestürzt. Er schreit schon nicht mehr, sondern schlägt nur noch mit den Händen auf die Wasserlinsen. Kres kriecht selbst über die schwankende Stelle zu ihm, legt sich auf das Flechtwerk und macht sich lang, wie man es für das Überqueren des lebenden Moorbodens lernt. Als der Junge schon unter Wasser gezogen wird, reißt er ihn am Kragen heraus.
„Atme“, befiehlt Kres ihm am Ufer. Der Junge atmet und starrt den lahmen Zauberer an, der ihn aus irgendeinem Grund nicht hat ertrinken lassen.
Jorunn geht an den Gefangenen entlang, die man auf einen Baumstamm gesetzt hat. Vor Ketil bleibt sie stehen, als sie die bronzene Schnalle auf seiner Brust bemerkt. Darauf ist ein Vogelflügel geprägt – das Zeichen ihres Vaters Ari.
Sie geht in die Hocke, sieht genauer hin und wird bleich. Am Rand des Flügels verlaufen Jahresmarken: So hat ihr Vater alles gekennzeichnet, was aus seinen Händen gekommen ist. Die Marke ist neu. Die Schnalle ist zwei Winter nach jener Nacht geschmiedet worden, in der der Jarl Ari zusammen mit seiner Werft auf den Grund geschickt hat.
Entweder hat man dem toten Meister noch seinen letzten Prägestempel geraubt. Oder der tote Meister lebt.
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