Die Bedingungen des Vertrags schreiben sie zu dritt auf Birkenrinde nieder: Kres, der Schreiber des Jarls und Milawa. Die Sippe will, dass jemand aus den eigenen Reihen in ihrem Namen spricht, und wählt die Kräuterfrau, die während der ganzen Belagerung die Menschen beider Seiten behandelt hat.
Der Vertrag fällt kurz aus. Der Tribut am Fluss wird abgeschafft. Von nun an bestimmen die Bewohner des Moors den Preis für ihr Eisen selbst und der Jarl den für seine Waren, während beide Seiten an der Waage vor dem Tor des befestigten Lagers darüber wachen, dass richtig gewogen wird. Die Geiseln dürfen nach Hause: Twerdjata und sein Begleiter kehren einen Tag später zurück, wohlgenährt und wütend vor Langeweile. Der Fluss darf frei aufwärts wie abwärts befahren werden. Im Herbst, vor dem Zufrieren, soll der Jarl nicht mit seinem Gefolge kommen, sondern mit Waren.
„Komm mit Waren, nicht mit Feuer“, sagt Kres.
Gunnwald denkt kurz nach und befiehlt dem Schreiber, diese Worte wörtlich in den Vertrag aufzunehmen. Dem Kaufmann gefallen sie.
Als alle Rechnungen beglichen sind, bleibt der Jarl an der Planke zum Schiff noch einmal stehen und schaut über den Fluss auf die Befestigung und die Reihen gleichmäßig aufsteigender Ofenrauchfahnen. In einem Jahr haben sie hier mehr aufgebaut, als er erwartet hat.
„Mein Vater hat mich gelehrt, bei Widerspenstigen nicht am Feuer zu sparen“, sagt er, ohne sich an jemanden zu wenden. „Und ich bringe ihm Eisen. Jetzt soll er handeln lernen.“
Kres begreift, dass der Jarl nicht scherzt. Zwanzig Jahre lang hat Gunnwald seinem Vater mit fremden Bränden bewiesen, dass er recht hat, und jetzt bringt er zum ersten Mal eine andere Antwort nach Hause.
Zum Abschied holt Gunnwald Aris bronzenes Brandzeichen aus seinem Gewand und legt es neben die Birkenrinde. Es ist genau jenes Brandzeichen mit dem Vogelflügel, mit dem die Rümpfe der besten Langboote des Nordens gekennzeichnet werden.
„Ein toter Meister nützt niemandem“, sagt der Jarl. „In diesem Winter, an diesem Fluss, habe ich das endlich begriffen. Das Brandzeichen gehört dir, Tochter Aris. Deine Brüder entbinde ich von ihrem Eid: Im Frühjahr wählen sie selbst, auf wessen Seite sie dienen. Bau für wen du willst. Doch der erste Auftrag ist meiner: zwei Langboote zu dem Preis, den du selbst festsetzt.“
Jorunn nimmt das Brandzeichen behutsam in beide Hände und sagt nichts. Sie schließt nur die Finger darum und atmet mehrmals tief ein. Alle, selbst der Jarl, begreifen, was es sie kostet, die Fassung zu bewahren.
Das erste Wiegen auf der neuen Waage wird fast zu einem Fest. Eine Luppe nach der anderen kommt auf die Waagschale, Wjun ruft das Gewicht in der Sprache des Moors aus, Orm wiederholt es auf Nordmannsart, und der Schreiber des Jarls schneidet die Kerben ein. Die Jungen geben sich solche Mühe, vor dem anderen keinen Fehler zu machen, dass sie sich kein einziges Mal verzählen. Gunnwald beobachtet die Gewichte lange.
„Eine gute Waage hast du vor deinem Tor, Schmied“, sagt er schließlich. „Sie hat mich teuer zu stehen gekommen. Dafür weiß ich jetzt genau, wie viel Eisen ich kaufe.“
Zehn schwer beladene Langboote fahren mit dem Hochwasser flussabwärts. Gunnwald nimmt vierzig Pud Mooreisen mit, Luppen und Schmiedestücke, gekauft zu dem Preis, den die Handwerker festgesetzt haben. Seine Männer singen wieder beim Rudern. Ketil steht am Bug des letzten Langbootes und hält bis zur Flussbiegung die Hand erhoben. So verabschiedet man sich im Norden von Menschen, die man wiederzusehen hofft.
Orm bleibt. Er kommt mit der Trommel unter dem Arm zu Kres und fragt mit finsterer Miene, ob man im Moor Trommler braucht.
„Bei uns ist jeder sein eigener Trommler“, antwortet Kres. „Aber einen, der zählen kann, können wir gebrauchen. Willst du bei Wjun lesen und schreiben lernen?“
Orm ist einverstanden. Im Herbst streiten er und Wjun schon wie alte Schreiber über den Zählhölzern. Jeder spricht in seiner eigenen Sprache, doch sie verstehen einander immer besser.
Im Moor wird weitergebaut. Den ganzen Frühling und Sommer schlagen die Äxte: Die Sippe kehrt auf die Brandstätte zurück und baut das Dorf neu auf. Jetzt ziehen sich die Häuser zum befestigten Lager hin, und allmählich wird aus dem Dorf eine Vorstadt. Zwischen beiden liegen der Knüppeldamm und die Brücke über das ehemalige Todesmoor. Die Menschen gehen in beide Richtungen darüber und fragen nicht mehr, wer woher gekommen ist. Nach dem Eisgang haben sie alle Brückenklammern nachgezogen, wie Koren es befohlen hat, und Wjun hat selbst die Brückenpfeiler geteert. Bei der Arbeit schimpft er genauso wie der Alte und merkt es nicht einmal.
Am Tor, neben der Waage, stellen sie das erste geschriebene Gesetz der Siedlung auf: ein paar Zeilen auf einem Eichenbrett. Wer beim Wiegen lügt, fährt drei Tage lang Wasser für die ganze Vorstadt. Wer auf der Versammlung lügt, hat dort ein Jahr lang keine Stimme. Wer die Hand gegen einen Unbewaffneten erhebt, wird für immer aus dem Moor verbannt. Das Brett wird jedem neuen Siedler laut vorgelesen. Das Gesetz ist kurz, verständlich und gilt für Starke wie Schwache gleichermaßen.
Auf dem hohen Geländerücken errichten sie das erste zweistöckige Blockhaus mit Vorratskammer und Wohnturm. Wenn Kres daran vorbeigeht, wird sein Schritt jedes Mal langsamer: Das Haus ähnelt dem, das er im Traum gesehen hat. Im Traum war es aus Stein und ist bis in den Himmel gestiegen, während dieses aus Eichenstämmen gebaut ist und nur zwei Stockwerke hat. Kres hat keine Angst mehr vor dem Aufwachen. Was er im Traum gesehen hat, wird jetzt in der Wirklichkeit gebaut – langsamer und vorerst noch aus Holz.
Am Tag der Sommersonnenwende lassen sie das Langboot zu Wasser, genau ein Jahr nach jener Kupala-Nacht. Den tausendsten Niet schlägt Wjun vor aller Augen ein. Er hat ihn vom Anfang bis zum Ende selbst geschmiedet, und Kres rührt den Hammer nicht einmal an. Jorunn schlägt eigenhändig ihr Brandzeichen in den Steven: einen Vogelflügel, der jetzt ihr allein gehört. Darunter brennt sie den Namen ein, den sie den ganzen Winter geheim gehalten hat.
„Krylo“, liest Wjun Silbe für Silbe. „Was heißt das?“
„Das Wort klingt in der Sprache ihres Vaters genauso wie in unserer“, sagt Kres. „Flügel. Sie hat lange danach gesucht.“
Noch am selben Abend nimmt Kres den Hammer seines Vaters von der Wand und reicht ihn Wjun. Vor ihnen dröhnt die Esse der neuen Schmiede. Vor einem Jahr hat dieses Feuer nur noch als schwache Glut in der Birkenrindenschachtel eines Verbannten geglimmt.
„Nimm, Abschreiber. Ein Lehrling braucht seinen eigenen Hammer. Das hat mein Vater gesagt. Er hieß Schdan. Merk dir den Namen: Schdan.“
„Ich erinnere mich“, sagt Wjun und nimmt den Hammer mit beiden Händen, spürt sein Gewicht.
Im Herbst, als das Korn in den Gruben verstaut ist, setzt sich Milawa daran, ein langes Hochzeitstuch mit Sonnenkreisen an den Rändern zu nähen. Solche Muster sind im Moor noch nie gestickt worden. Für wen das Tuch bestimmt ist, sagt sie nicht, doch sie versteckt die Arbeit auch nicht. Die Leute am gemeinsamen Feuer schmunzeln gutmütig und stellen keine überflüssigen Fragen: Die Antwort ist ohnehin allen klar. Eines Tages bleibt Jorunn neben ihr stehen, betrachtet lange die Sonnenkreise und fragt: „Wofür näht man so etwas bei euch?“
„Wenn das Korn eingebracht ist“, antwortet Milawa, ohne den Kopf zu heben. „Wenn es fertig ist, erfährst du es.“
Im selben Herbst kommt ein Gast aus dem Süden ins Moor, ein müder wandernder Guslispieler, der auf einem Boot mitgefahren ist, das in seine Richtung fuhr. Am gemeinsamen Kessel isst er Brei und betrachtet die Palisade, die Brücke, den Anlegeplatz mit dem Langboot und den Rauch über der Vorstadt. Schließlich stellt er die Frage, die jetzt alle Durchreisenden stellen:
„Und wie heißt eure Stadt nun, ihr Herren?“
Alle am Kessel schauen Kres an. Er rührt im Brei, denkt nach und antwortet genauso, wie er schon seit einem ganzen Jahr antwortet:
„Bis jetzt gar nicht. Sie soll es sich erst verdienen.“
Der Guslispieler nickt, isst seinen Brei auf und arbeitet bis zum Abend auf seiner Gusli schon an einem Lied über den lahmen Schmied, das Moor und die Kette quer über den Fluss. Das Lied gerät nicht besonders wohlklingend und lügt bei jedem zweiten Wort. Dafür lässt es sich leicht merken, und bald verbreitet es sich entlang des ganzen Flusses.
Kres steht über dem abendlichen Moor und erinnert sich an die Worte, die er erst vor einem Jahr beim Gericht im Morgengrauen gehört hat: Der Wald duldet keinen Hochmut.
„Duldet er nicht“, stimmt er dem verstorbenen Wolchwen zu und schaut zu, wie über dem Todesmoor, über der Stadt ohne Namen, gleichmäßige warme Rauchfahnen zu den ersten Sternen aufsteigen. „Hochmütige duldet er nicht. Die Hartnäckigen aber lässt er wachsen.“
Weit flussabwärts geben die Kaufleute bereits Gerüchte über eine steinerne Stadt im Süden weiter, an einem warmen Meer. Man kann sie über ebendiesen Fluss erreichen, wenn man ein Langboot baut, das stark genug ist. Und weit im Norden, jenseits des kalten Meeres, hört ein alter Konung seinem Sohn zu, der ohne Tribut heimgekehrt ist, und trommelt mit dem Finger auf den Tisch. Noch hat er nicht entschieden, ob sein Sohn ihm nur Verluste gebracht oder eine neue Einnahmequelle erschlossen hat.
Der Fluss weiß es. Doch der Fluss verrät niemandem etwas vor der Zeit.
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