Die alte Glocke läutet nicht. Sie druckt.
Der metallene Klöppel in der Mitte der runden Druckerei zuckt, schlägt nicht gegen Bronze, sondern gegen die Luft, und eines der dunklen Blätter läuft von selbst unter die Walze. Die Maschine quietscht nicht, macht keinen Lärm. Sie arbeitet so leise, als hätte sie Angst, jene zu wecken, die sie einst ausgelöscht hat.
Auf dem Blatt erscheint die erste Zeile:
„Erste Revision. Nacht der Schließung des Risses. Zeuge erforderlich.“
Rona tritt noch vor Miren vor.
„Ich lege Zeugnis ab.“
Die Glocke antwortet mit einem trockenen Schlag. Auf dem Blatt erscheint:
„Recht auf amtliches Zeugnis verunreinigt.“
Sie zuckt nicht zusammen, doch Miren sieht, wie sich ihre Finger um den Splitter des Lampenrings schließen. Jetzt trägt sie ihn, in einen Verband gewickelt, in der Tasche, damit sie nicht vergisst: Einmal hat sie sich bereits für Menschen entschieden und gegen die vorgeschriebene Ordnung.
„Privates Zeugnis“, sagt Rona.
Eine neue Zeile:
„Preis erforderlich.“
In Lambern verlangt jedes Wunder ein Dokument, einen Zeugen und eine Bezahlung. Später kommt die Schuld der Version und holt sich das, was der Mensch nicht opfern wollte.
Rona zieht ein kleines Lederbüchlein aus der Innentasche – nicht das graue Heft mit dem neuen Protokoll, sondern ein anderes, alt und abgewetzt, mit dem Zeichen der Polizei auf dem Einband.
Miren versteht erst, was es ist, als sie die erste Seite aufschlägt.
Darin liegt die postume Belobigungskarte ihrer Mutter – mit Lampensiegel, der Unterschrift des Senats und der schönen Formulierung: „Für Treue zum Licht während der Ersten Revision.“
„Rona“, sagt Miren.
Sie sieht ihn nicht an.
„Schweigen Sie.“
„Das ist kein amtliches Dokument.“
„Eben.“
Sie legt die Karte auf den Aufnahmetisch der Glocke. Das Metall unter dem Papier wird dunkel.
„Preis angenommen“, druckt das Blatt.
Die Karte verbrennt nicht. Sie wird leer. Zeile für Zeile zieht die Tinte aus ihr ins Metall, bis von der Geschichte über den heldenhaften Tod von Ronas Mutter nur noch ein Rechteck aus sauberem Papier übrig ist.
Rona betrachtet die leere Karte. Mit der Aufschrift ist auch die offizielle Erinnerung an ihre Mutter verschwunden, selbst wenn sie auf einer Lüge beruht hat.
Die Glocke schlägt ein zweites Mal.
Wände und Maschinen bleiben an ihrem Platz, doch darüber tritt ein anderes Lambern hervor: dunkel, nass, mit Straßen, durch die gesichtslose Menschen rennen, während über ihnen Polizeilampen kreisen. Ihr Licht ist nicht blau wie heute, sondern grell und weiß. Es erhellt die Straßen nicht, sondern brennt Namen aus.
Vor Miren erwacht die Erste Nacht zum Leben.
Damals hat sich unter der Stadt ein Riss geöffnet. Kein Loch und kein Abgrund. In mehreren Vierteln haben die Ereignisse aufgehört, miteinander übereinzustimmen. Ein Mensch hat sein Haus verlassen und ist zurückgekehrt, bevor er hinausgehen konnte. Eine Mutter hat ein Kind im Arm gehalten, das sie noch nicht geboren hatte. Ein alter Mann ist dreimal gestorben, jedes Mal mit anderen letzten Worten. Die Randlosen sind nicht auf den Straßen erschienen. Sie haben den Lauf der Ereignisse selbst verändert, und menschliche Leben sind in widersprüchliche Versionen zerfallen.
Die Revisionskommission hat eine Lösung gefunden: Nur eine Version des Viertels soll bestehen bleiben.
Alle anderen sollen für überholt erklärt werden.
Miren sieht Menschen, die sich geweigert haben zu schweigen: Schreiber, Wäscherinnen, Straßenhändler, Polizisten, drei Ärzte und einen Jungen mit einem Vogel im Käfig. Sie stehen im Saal der alten Druckerei und schreien, man dürfe die Stadt nicht retten, indem man eine einzige genehme Version der Lebenden auswählt.
Dann kommen die Lampen herein.
Unter den Menschen mit den Lampen ist eine Frau, die Rona ähnelt, nur älter und sanfter.
„Mama“, sagt Rona.
Die Frau hebt die Lampe.
Einen Augenblick lang sieht es aus, als würde sie das Licht auf die Zeugen richten und ihre Namen verbrennen, wie es auf der offiziellen Karte steht. Doch sie dreht die Lampe zur Glocke. Das Licht trifft das Metall, und mehrere Zeilen des Protokolls flammen auf. Das verschafft Mirens Vater Zeit, die nicht zugelassenen Zeugen in das leere Feld einzutragen.
Ronas Mutter hat nicht dabei geholfen, die Zeugen auszulöschen. Sie hat ihre Vernichtung aufgehalten.
Und dann hat jemand ihre Geschichte umgeschrieben und sie zu einem Symbol des Gehorsams gemacht.
Rona weint nicht, aber Miren sieht, wie schwer es ihr fällt, sich zu beherrschen.
„Dann haben sie sogar sie gestohlen“, sagt sie.
Die Glocke druckt eine neue Zeile:
„Die Mitternachtszählung beginnt in vier Tagen.“
Darunter erscheint noch eine:
„Strittige Zeugen sind vorab zu vereinfachen.“
Tilja, die bisher schweigend an der Tür gestanden hat, fragt:
„Sind das wir?“
Miren blickt auf das dunkle Blatt. Darauf erscheinen bereits die Namen von Lida Voss, Mal, Perr und allen siebenundvierzig wiederhergestellten Arbeitern. Darunter kommt Rona Weir hinzu.
„Nein“, sagt Rowik vom hinteren Durchgang aus.
Er steht so ruhig am Eingang der Glockendruckerei, als wäre er nicht in den verschlossenen Saal der Ersten Revision gekommen, sondern zu einer Sprechstunde am Morgen.
„Das sind nicht Sie“, sagt Rowik. „Das sind Ihre Versionen, die die Stadt daran hindern, die Nacht zu überleben.“
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