Die Lösung wirkt zu einfach, doch gerade deshalb lässt Miren sich beinahe darauf ein.
Unter den Buchstaben M, I, R, E öffnet sich vor Mirens innerem Auge eine neue Zeile:
„Adal Rowik. Veraltete Version. Begründung: persönlicher Konflikt, illegale Karte, Wiederholung der Ersten Revision. Empfehlung: vor der Mitternachtszählung aus der Geschichte löschen.“
Rowik löschen.
Nicht töten und nicht hinrichten. Einfach dafür sorgen, dass die Stadt nie einen Minister bekommt, der Menschen zur Gefahr für alle um sie herum erklären kann. Der junge Adal bleibt ein Junge mit der Karte seiner Schwester, seine spätere Version verschwindet. Die Mitternachtszählung findet nicht in der Form statt, die der Minister vorgesehen hat.
Eine Unterschrift.
Miren sieht nur allzu deutlich, wie es geht. Er hat alles, was er braucht: Sennas Lied, die Karte der Schwester, Ronas Zeugnis und die Glocke des Ersten Audits. Der Preis wäre hoch, aber er ist bereit, ihn zu zahlen, wenn die Stadt dafür am Leben bleibt.
So denkt die Auditorversion. Rowik würde an seiner Stelle genauso denken.
Miren hebt die Feder.
Rona richtet keine Waffe auf ihn, schreit nicht und sagt auch nicht: „Das dürfen Sie nicht.“ Stattdessen öffnet sie das graue Heft auf der Seite, auf der am Morgen der Satz über ihn erschienen ist.
„Trau Miren nach Mitternacht nicht“, liest sie vor.
„Jetzt ist es nicht Mitternacht.“
„Und Sie suchen schon nach einer Hintertür, durch die Sie doch zustimmen können.“
Der Vorwurf ist ungerecht, hält ihn aber auf.
Miren lacht kurz und beinahe zornig.
„Sie haben ein Talent für widerliche Formulierungen.“
„Ich lerne von der Stadt.“
Perr auf dem Tisch spricht wieder mit der Stimme seines Vaters:
„Sohn, unterschreib. Ein Mensch für alle.“
„Es geht nicht um einen Menschen“, sagt Rona. „Mit dieser Unterschrift maßen Sie sich das Recht an zu entscheiden, wer in der Geschichte bleibt.“
Miren sieht sie an, die leere Karte ihrer Mutter in ihrer Hand, Senna, die sich bereits nicht mehr an das Lachen ihrer Schwester erinnert, Tilja, die das gestohlene Siegel umklammert, und Perr, durch den der Randlose mit fremden Stimmen spricht. Dann richtet er den Blick auf die Buchstaben unter seiner eigenen Haut.
Statt des Löschblatts legt er die Karte von Rowiks Schwester vor sich hin.
Dieselbe, die im Raum unter dem Senat für einen Augenblick unter dem grauen Heft verschwunden ist, während Rowik ihnen die Karte des Risses gezeigt hat. Vor dem Trauerhaus hat Rona sie Miren in die Hand gedrückt und nur gesagt: „Fragen Sie nicht, ob ich stolz auf mich bin.“
Jetzt liegt die Karte auf dem Deckel der Orgel.
„Was tun Sie da?“, fragt Senna.
„Ich lösche nicht.“
Miren nimmt die Feder. Die Auditorversion in ihm zuckt und versucht, ihn zu seiner bisherigen Entscheidung zurückzubringen.
Er schreibt:
„Schwester von Adal Rowik. Nicht wiederhergestellt. Doch als jemand bezeugt, den ein Mensch verloren hat, der sich widerrechtlich an sie erinnert hat.“
Dieser Eintrag bringt das Mädchen nicht zurück, macht die Erste Revision nicht ungeschehen und spricht Rowik nicht frei. Doch die Erinnerung an seine Schwester ist jetzt von anderen Menschen bezeugt. Der Minister kann sich nicht länger auf sie als ein Geheimnis berufen, das nur er kennt und ihm das Recht gibt, für die ganze Stadt zu entscheiden.
Rona setzt daneben den inoffiziellen Vermerk aus dem grauen Heft.
Senna sagt fast ohne Stimme:
„Ich bezeuge den Verlust.“
Tilja drückt das gestohlene Siegel in eine Ecke der Karte.
Die Glocke unter der Stadt antwortet.
Die Karte zittert und verschwindet in einem Rohr der Totenpost, als würde man sie ihrem Besitzer zurückgeben. Doch der Eintrag steht bereits. Rowik kann die Karte wieder in den Händen halten, aber die Geschichte seiner Schwester gehört nicht mehr ihm allein.
Irgendwo unter dem Senat, in dem Raum mit der gläsernen Karte, hört Adal Rowik auf, der einzige Hüter der Erinnerung an seine Schwester zu sein. Er bleibt Minister, doch seine persönliche Lüge ist jetzt Teil einer gemeinsamen Angelegenheit.
Perr hört auf zu lächeln. Der Randlose in seiner Kehle zischt mit einer Stimme wie raschelndes Zeitungspapier:
„Fehlerhafte Änderung. Fehlerhafte Änderung. Zeugen verunreinigt.“
Miren beugt sich zu ihm hinunter.
„Dafür leben sie.“
Für einen Augenblick kehrt Perrs Gesicht vollständig zurück: ein verängstigter Junge, hungrig, erschöpft, lebendig. Er flüstert:
„Ich will nach Hause.“
„Wir halten es fest“, sagt Rona.
Noch wissen sie nicht, wie sie alle retten und den Riss schließen können. Doch sie können der Reihe nach den Namen und das Zeugnis jedes lebenden Menschen festhalten, damit Rowik und die Stadt ihn nicht unbemerkt streichen können.
Am Eingang des Trauerhauses gehen die Polizeilampen wieder an. Doch das Licht ist nicht blau.
Es ist grau.
Auf jeder Lampe erscheint dieselbe Formel:
„Mitternachtszählung bestätigt. Frist: vier Tage.“
Rona schließt das Heft.
„Er weiß, was wir getan haben.“
Miren betrachtet die Karte von Rowiks Schwester. Darauf steht bereits ein neuer Eintrag.
„Ja“, sagt er. „Und jetzt weiß er, dass wir es wieder tun können.“
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