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DIE LEERE ZEILE VON LAMBERN

Kapitel 17. Der Mensch, den man vergessen hat

Die grauen Lampen brennen ohne Licht.

Sie beleuchten die Straßen nicht. Sie machen Gesichter leichter erfassbar. Unter ihrem Glas wirkt die Haut flach, Stimmen klingen gedämpfter, und die Dokumente in den Taschen werden schwerer, als prüfe die Stadt, ob ein Mensch genug Papiere besitzt, um weiterzugehen.

Miren versteht, dass die vorläufige Prüfung begonnen hat, als der erste Passant ihn ansieht und nicht wahrnimmt.

Er wendet sich nicht ab. Er erschrickt nicht. Sein Blick gleitet einfach an Miren vorbei wie an einem leeren Schaufenster.

Nach ihm tut es ein Zweiter, dann ein Lampenpolizist, auf dessen Festnahmeliste noch vor einer Stunde der Name Miren Ost gestanden hat. Der Polizist runzelt die Stirn, liest das Blatt, sieht die leere Stelle zwischen Tilja Brax und Rona Weir, zuckt mit den Schultern und geht weiter.

„Schlecht“, sagt Tilja.

„Wie schlecht?“

Sie streckt die Hand aus und schnippt einem Passanten direkt vor dem Gesicht mit den Fingern.

Der Mann blinzelt.

„Sehr. Man sieht Sie als Störung.“

Rona steht drei Schritte von Miren entfernt und sieht ihn genauso an wie in der ersten Nacht im Leichenhaus: aufmerksam und kühl, eine kurze eigene Pistole in der Hand. Ihre Dienstwaffe hat man ihr zusammen mit dem Recht genommen, als Zeugin aufzutreten, doch bei den Weirs gibt man auf Befehl nicht gleich sämtliche Waffen ab.

„Nennen Sie Ihren Namen“, sagt sie.

Miren bringt mühsam hervor:

„Miren Ost.“

Ihr Gesicht verändert sich nicht.

„Beweisen Sie es.“

Er will vom Leichenhaus erzählen, von dem Körper ohne Gesicht, ihrem Lampenring, dem grauen Heft und der Karte ihrer Mutter, die sie der Glocke überlassen hat. Doch sobald er zu sprechen beginnt, verliert jede Erinnerung ihre Einzelheiten und verwandelt sich in eine trockene Aufzählung, die als Beweis untauglich ist.

Das graue Licht löscht keine Tatsachen. Es nimmt einem Menschen die Möglichkeit zu beweisen, dass sie wirklich mit ihm verbunden sind.

Rona öffnet ihr Heft. Auf die erste Seite hat sie geschrieben: „Falls ich Miren Ost nicht erkenne, den Tatsachen glauben, nicht dem Gesicht.“

Darunter stehen die Zeilen: der tote Angestellte, siebenundvierzig Lebende, Lida und Mal, der zerbrochene Ring, das Trauerhaus, die Karte der Mutter, Adal Rowiks Schwester, die Weigerung, einen Feind auszulöschen.

Rona liest lange.

„Ich vertraue Ihnen nicht“, sagt sie schließlich.

„Vernünftig.“

„Aber ich vertraue meinen eigenen Aufzeichnungen.“

Tilja atmet erleichtert aus.

Sie tritt zu Miren und drückt ihm das gestohlene Siegel in die Hand. Dann zieht sie es sofort wieder zurück.

„Nein“, sagt sie zu sich selbst. „Sie könnten derjenige sein, der es mir wegnimmt.“

„Ich habe dir noch nie ein Siegel weggenommen.“

„Im Heft steht, dass Sie dreimal damit gedroht haben.“

„Der Form halber.“

Tilja runzelt die Stirn. Für einen Augenblick zeigt sich auf ihrem Gesicht der alte, beinahe vertraute Ärger und erlischt gleich wieder. Sie erinnert sich nicht an Miren selbst, sondern nur daran, wie sie sich sonst immer gestritten haben. Das graue Licht versucht, ihr sogar das zu nehmen.

Miren streckt ihr die leere Hand hin, die Handfläche nach oben.

„Als du mir zum ersten Mal einen Auftrag gebracht hast, hattest du das Siegel im linken Ärmel. Das Geld hast du rechts versteckt, weil du dachtest, ich würde die Hand mit dem gestohlenen Siegel beobachten.“

Tilja weicht einen halben Schritt zurück.

„Steht das im Heft?“

Rona blättert die Seiten durch.

„Nein.“

Tilja sieht ihn lange an. Dann drückt sie ihm das Siegel in die Handfläche und lässt es nicht sofort los.

„Dann nehmen Sie es. Aber wenn Sie sich als jemand anderes entpuppen, stehle ich es zurück. Zusammen mit Ihrer Hand.“

„Nur fair.“

Auf der Straße ruft jemand Mirens Namen, und er dreht sich zu schnell um. Es ist Lida. Sie steht mit Mal auf dem Arm am Eingang zu den Unteren Bögen und sieht ihn direkt an, erkennt ihn aber nicht. Hartnäckig glaubt sie den Aufzeichnungen über Mirens Taten, obwohl sie sich an ihn selbst nicht mehr erinnert.

„Sind Sie der Mann, der meinen Sohn eingetragen hat?“, fragt sie.

Miren kommt nicht dazu, zu antworten. Die Stimme des Archivs antwortet für ihn:

„Funktion bestätigt.“

Mal fängt an zu weinen. Nicht laut, doch Lida drückt ihn sofort an sich, als hätte die fremde Stimme das Kind erschreckt.

„Ich habe nicht nach der Funktion gefragt“, sagt sie.

Bei diesen Worten flackern die grauen Lampen. Mehrere Passanten bleiben stehen. Jemand sieht Miren an und runzelt die Stirn, als zeichne sich an einer leeren Stelle plötzlich der Umriss eines Menschen ab.

Rona schreibt rasch in ihr Heft: „Lida Voss unterscheidet zwischen Mensch und Funktion. Die graue Prüfung versagt, wenn sich jemand an eine konkrete Tat erinnert.“

Die Tinte im Heft versucht, „Mensch“ in „Objekt“ zu ändern. Rona drückt den Finger auf das Wort, und das Papier knirscht leise.

„Ich kenne Ihr Gesicht nicht“, sagt sie zu Miren, ohne aufzusehen. „Aber ich sehe, wie sehr sich die Stadt darum bemüht, dass niemand Sie als Menschen bezeichnet. Das ist schon ein Indiz.“

Von oben löst sich ein Papierstreifen von einer grauen Lampe. Er schwebt sanft vor Mirens Füße. Darauf steht ein Befehl:

„Vorläufige Prüfung. Objekt Miren Ost: Sämtliche Dokumente, Verbindungen und persönlichen Erinnerungen sind vorläufig als nicht beweisbar anzuerkennen. Die Stimme des Objekts ist bis zum Abschluss der Mitternachtszählung dem Archiv zu übertragen.“

Miren will lachen. Es gelingt ihm nicht.

Aus seiner Kehle dringt eine andere Stimme – mit derselben Klangfarbe, aber trocken, gleichmäßig, ohne Zittern und stockenden Atem.

„Hiermit bestätige ich: Das Objekt Miren Ost ist als Person nicht erforderlich, sofern seine Funktion erhalten werden kann.“

Tilja weicht zurück.

Rona schließt das Heft.

„Was war das?“

Miren legt sich die Hand an die Kehle.

„Die Stadt lernt, mit meiner Stimme zu sprechen.“

Die grauen Lampen leuchten heller auf.

Auf jeder erscheint dasselbe Wort:

„Genehmigt“.

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