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DIE LEERE ZEILE VON LAMBERN

Kapitel 22. Das Amt für lebendige Zeugnisse

Am Morgen bezeichnet der Senat die Ereignisse als technische Störung.

Die Erklärung ist so wenig überzeugend, dass nicht einmal die Zeitungen sie sofort nachzudrucken wagen.

Die Oberen Brücken erwachen mit Kopfschmerzen und grauen Lampen, die nicht länger allein dem Ministerium gehorchen. In den Mittleren Straßen lesen die Menschen die Zeugenlisten an den Wänden. Die Unteren Bögen feiern nicht. Zuerst zählen die Leute ihre Kinder und Nachbarn durch, prüfen Schlüssel, Namen und warme Hände.

Lida Voss findet ihren Namen auf der neuen Liste.

Daneben steht Mals Name.

Nicht als Anhang seiner Mutter und nicht als künftiger Schuldner. Für sich allein.

Sie zeigt mit dem Finger darauf.

„Hier stehst du für dich selbst“, sagt sie noch einmal.

Diesmal lacht Mal, obwohl er noch immer nicht versteht, warum.

Rowik wird nicht hingerichtet.

Viele wünschen es sich, besonders Tilja. Sie stellt sogar eine Liste mit Möglichkeiten zusammen, deren eine Hälfte gegen geltendes Recht verstößt, während die andere zu viel Fantasie erfordert. Doch eine Hinrichtung würde es erlauben, Rowik die gesamte Schuld zuzuschieben und die von ihm geschaffene Ordnung unverändert zu lassen.

Stattdessen verliert Adal Rowik sein Monopol auf die Erfassung.

Unter der Aufsicht jener, die er vereinfachen wollte, führt er weiterhin das Register der Nichtverzeichneten. Jeder seiner Erlasse braucht nun lebendige Zeugen aus den Unteren Bögen, den Mittleren Straßen und den Oberen Brücken. Rowik muss sich jetzt Menschen anhören, die er früher als unvereinbar bezeichnet hat, und ihre Zustimmung gewinnen.

Otto Krei tritt noch vor dem Mittag zurück. Brunn sagt, es sei kein Tod, rieche aber ähnlich.

Kaspar Lom macht aus der Druckerei der Schuldenhäuser eine Werkstatt für Zeugnisse. An die Wand neben dem Eingang hängt er Lidas Satz: „Zuerst ihn. Mich danach.“ Lida zwingt ihn, darunter hinzuzufügen: „Jetzt alle gemeinsam.“

Senna singt keine letzten Worte mehr. Sie lauscht den ersten Worten der Kinder aus den Unteren Bögen und prüft, wie ihre Namen klingen, bevor sie aufs Papier gelangen.

Perr kehrt zu den Zeitungen zurück. Am Morgen bringt man ihm eine Zeile des Senats: „Störung der Zählung behoben.“ Zum ersten Mal weigert er sich, die Schlagzeile eines anderen auszurufen, zerreißt das Blatt und geht mit leeren Händen auf die Brücke. Sein erster eigener Ausruf ist schlicht:

„Toter Angestellter eröffnet Amt für Lebende!“

Miren will dem Wort „Toter“ widersprechen, erkennt aber, dass der Rechtsstreit lange dauern würde.

Die neue Meldestelle wird in einem ehemaligen Kontor unter der Dreiröhrenbrücke eröffnet. An der Tür hängt ein Schild:

„Amt für lebendige Zeugnisse. Hier werden Lebende nicht abgeschrieben.“

Drinnen ist es anfangs lächerlich eng. Jemand bringt einen Teekessel mit abgeplatztem blauem Griff, jemand drei zusammengewürfelte Tassen, jemand Brot, das mit demselben Messer geschnitten wird, mit dem man gestern noch Schuldenumschläge geöffnet hat. Brunn schickt saubere Laken aus dem Leichenhaus für die Bänke und einen Zettel: „Fragt nicht, warum das Leichenhaus welche übrig hat. Freut euch.“

Lida setzt Mal auf die Fensterbank, und jedes Mal, wenn ein neuer Mensch den Raum betritt, klatscht er mit der Hand gegen die Scheibe. Der alte Schriftsetzer rückt das Schild an der Tür zurecht, weil das Wort „Lebende“ seiner Meinung nach zu weit unten steht. Die Frau mit der kranken Lunge schenkt so streng Tee aus, als führe sie eine Erfassung durch.

Miren steht mit einem Stapel leerer Blätter mitten im Raum und weiß zum ersten Mal überhaupt nicht, wohin mit seinen Händen. Die Menschen reden, rücken Bänke und lassen Tassen klirren. Bei all diesem Lärm kann das Archiv nicht wieder mit seiner Stimme sprechen.

Tilja kommt als Erste, obwohl sie behauptet, nur prüfen zu wollen, ob das Fenster schlecht schließt. Auf dem Tisch liegt ein leeres Blatt. Keins vom Ministerium. Keins von einem Schuldenhaus. Keins von der Polizei.

Lange blickt sie es an.

„Muss man den Namen vollständig hinschreiben?“

„Wie du willst“, sagt Miren.

Tilja nimmt die Feder.

Sie schreibt: „Tilja Brax“.

Dann denkt sie nach und fügt hinzu: „Lebendig“.

Das Siegel setzt sie selbst darunter. Natürlich ein gestohlenes. Niemand streitet über seine Herkunft.

Mal klatscht als Erster. Dann Lida. Dann alle anderen – unbeholfen, aus dem Takt und viel zu laut für den kleinen Raum. Tilja läuft zornig rot an, als hätte man sie einer guten Tat bezichtigt.

„Hört auf“, sagt sie.

Niemand hört sofort auf.

Rona kommt gegen Abend.

Sie erinnert sich noch immer nicht an sein Gesicht. Die Mitternachtszählung hat die Fakten zurückgebracht, aber nicht alle Verbindungen. Ihr Notizbuch kennt Miren besser als ihre Augen. Es tut ihm weh, das hinzunehmen, doch er will ihre Erinnerung nicht gewaltsam zurückholen.

„Ich habe die ersten drei Seiten gelesen“, sagt sie.

„Und?“

„Sie sind mir von Anfang an auf die Nerven gegangen.“

„Das macht Hoffnung.“

„Ich habe auch geschrieben, dass Sie sich mehrmals zu Ihrem eigenen Nachteil entschieden haben, um Lebenden zu helfen.“

Miren schweigt.

Rona legt ein neues, leeres graues Notizbuch ohne Siegel auf den Tisch.

„Ich will nicht, dass die Stadt mir meine Erinnerung per Erlass zurückgibt.“

Sie setzt sich ihm gegenüber.

„Fangen wir von vorn an. Aber nicht bei null. Ich lese, Sie antworten. Wenn Sie lügen, werde ich es meinen eigenen Notizen zufolge merken.“

Sie werden in langen Gesprächen neues Vertrauen aufbauen müssen, und diese Hoffnung erscheint verlässlicher als ein Wunder von einem Augenblick auf den anderen.

„Das ist fair.“

Sie schlägt das Notizbuch nicht auf der ersten Seite auf, sondern dort, wo ihre Handschrift am stärksten zittert.

„Hier steht, dass ich den Ring zerschlagen habe.“

„Ja.“

„Warum?“

„Damit Sie aufhören, im Namen der Polizei zu sprechen, und in Ihrem eigenen Namen Zeugnis ablegen können.“

Rona hebt eine Braue.

„Die Formulierung ist trotzdem scheußlich.“

„Das Ereignis auch.“

Sie streicht mit dem Finger über die leere Stelle an ihrer Hand, an der früher der Lampenring gesessen hat. Die Wunde vom Glas ist bereits verheilt, doch die Gewohnheit, nach ihr zu sehen, ist geblieben.

„Ich fühle mich nicht wie eine Heldin“, sagt sie.

„Gut.“

„Warum ist das gut?“

„Weil Sie es nicht für einen Titel getan haben. Sie haben sich für die Menschen entschieden, obwohl Sie mich nicht vollständig überprüfen konnten.“

Rona schweigt lange.

„Meinen Aufzeichnungen zufolge können Sie beinahe zärtlich sprechen und trotzdem noch wie ein Protokoll klingen.“

„Berufsschaden.“

Diesmal lächelt sie vorsichtig und misstrauisch.

„Dann fangen wir mit etwas Einfachem an, Miren Ost. Was soll ich nicht über Sie wissen?“

Er könnte antworten, dass er nichts zu verbergen habe, und ihr völlige Offenheit versprechen. Doch die leere Zeile an seinem Handgelenk wird kalt und warnt ihn.

„Manchmal wollte ich Rowik zustimmen“, sagt Miren.

Rona wendet den Blick nicht ab.

„Aufgeschrieben.“

Sie fangen mit einer unangenehmen Wahrheit von vorn an, die beide nicht verbergen wollen, und nicht mit einer durch ein Wunder zurückgekehrten Erinnerung oder vorschneller Vergebung.

Vor dem Fenster ist Lambern weder sauberer noch freundlicher geworden. Doch die Beamten gehen jetzt vorsichtiger mit leeren Zeilen um.

An Mirens Handgelenk ist der Name fast verschwunden. Nur ein dünnes M ist geblieben. Er könnte sich seinen früheren Namen vollständig zurückholen: Die Glocke bietet es ihm an, das Register wartet. Doch dann würde sich die leere Zeile schließen, und dem nächsten Nichtverzeichneten würde man an einer gewöhnlichen Tür wieder sagen: Sie existieren nicht.

Miren lässt das Feld offen.

Unten, unter der Brücke, streitet Tilja mit Perr darüber, ob man in einer Zeitung „lebender Toter“ schreiben darf, wenn der Betroffene nur gegen den Stil Einwände hat. Im Nebenzimmer bringt Lida Kaspar bei, ein Zeugnis von einer Schuldenfalle zu unterscheiden. Im hintersten Korridor lauscht Senna, wie ein kleines Mädchen zum ersten Mal ohne Angst seinen Namen ausspricht.

Und tief unter der Stadt schlägt die Glockendruckerei eine unsichtbare Seite um.

Auf dem neuen Blatt steht kein Befehl.

Nur eine Frage:

„Wer ist noch nicht verzeichnet?“

Und weit jenseits von Lambern, in einer anderen Hauptstadt, wo die Straßen breiter und die Lampen heller sind und die Beamten fest davon ausgehen, dass es leere Zeilen nur in schlechten Formularen gibt, schlägt eine alte Glocke von selbst.

Ein einziges Mal.

Wie eine Einladung.

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