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Kapitel 21. Das Helan-Waisenhaus

Lin Qin weiß nicht, wo sich die verschwundene Tochter der Familie Shen befindet, kann jedoch bestätigen: Das Mädchen ist über eine Organisation für Waisenkinder ins Ausland gebracht worden. In den Archiven sind das Land und der Name des Waisenhauses verzeichnet. Geleitet wird es von der Familie Helan, die bereits in den Unterlagen zu Projekt Galaxy aufgetaucht ist.

Zum ersten Mal führen beide Ermittlungen Xinghe an dieselbe Tür.

Damit Xinghe im Namen der Familie nach ihr suchen kann, erklärt der Familienälteste Shen sie zu seiner angenommenen Enkelin; die First Lady erklärt sie zu ihrer angenommenen Tochter. Gemeinsam mit Sam, Ali, Wolf und Cairn reist Xinghe nach Land R. Mubai bleibt zurück, um den Konzern zu leiten. Er hat längst verlernt, Xinghe zurückzuhalten. Dafür trifft er im Voraus Absprachen mit den richtigen Leuten und verfolgt die Ermittlungen von zu Hause aus.

Am Flughafen empfängt Helan Qi die Delegation persönlich. Er bereitet seinen Gästen einen feierlichen Empfang, bringt sie in einem teuren Hotel unter und bietet ihnen sofort seine Hilfe an. Der junge Erbe ist bis zur Aufdringlichkeit zuvorkommend und versucht unverkennbar, Xinghe zu gefallen. Als sie ihn jedoch bittet, unverzüglich mit der Suche zu beginnen, stimmt er ohne Zögern zu. Diese Bereitwilligkeit macht sie misstrauischer als eine offene Weigerung: Die Familie Helan scheint sich im Voraus darauf vorbereitet zu haben, den Gästen nur zu zeigen, was sie für ungefährlich hält.

Helan Qi lässt die Suche im Fernsehen bekannt geben. Wegen der Belohnung melden sich ältere Frauen, sehr junge Mädchen und sogar mehrere Männer, die sich von der Beschreibung der Gesuchten nicht abschrecken lassen. Fast jeder lügt über Alter, Familie oder Kindheit. Sam, Ali, Wolf und Cairn sind selbst ohne Eltern aufgewachsen und erkennen schnell den Unterschied zwischen einer echten Erinnerung und einer einstudierten Leidensgeschichte.

Dann meldet sich Yi Chen bei Xinghe. Auch er untersucht Projekt Galaxy und hat herausgefunden, dass viele Beteiligte als Kinder das Helan-Waisenhaus durchlaufen haben. Als er erfährt, dass Xinghes Mutter aus demselben Heim stammt und ihr Alter passt, hält Yi Chen es zunächst für möglich, dass die gesuchte Shen-Tochter und Xia Wa ein und dieselbe Person sind. Die Übereinstimmung erscheint unglaublich, lässt sich aber überprüfen: Xinghe besitzt noch eine DNA-Probe des Familienältesten Shen.

Yi Chen zeigt ihnen einen Lieferwagen, der nachts vom Waisenhaus zum Krematorium fährt. Xinghe greift auf die Satellitenüberwachung zu und sieht, wie die Wachleute eine verschlossene Kiste in den Wagen laden. Darin befindet sich ein lebendes Mädchen. Ohne ihren Namen preiszugeben, schickt Xinghe die Aufnahme an die Polizei und die Presse. Der Lieferwagen wird unterwegs abgefangen, das Kind gerettet, und das ganze Land erfährt, dass ein gemeinnütziges Waisenhaus eine noch lebende Bewohnerin heimlich verbrennen lassen wollte.

Unterdessen bestätigt das Labor, dass Xinghe mit dem Familienältesten Shen blutsverwandt ist. Xia Wa ist also tatsächlich seine verschwundene Tochter. Xinghe kehrt nach Hua Xia zurück, um der Familie die Wahrheit persönlich mitzuteilen. Doch Tong Yan und Shen Ru haben bereits eine neue Verbündete gefunden: Cui Ying, die Nichte des Präsidenten von Land R. Auf Helan Qis Bitte will sie die Familie Shen in Verruf bringen und sich zugleich an Xinghe rächen. Dafür richtet sie ein großes Bankett zu Tong Yans Geburtstag aus.

Auf dem Bankett bitten Tong Yan und Shen Ru darum, wieder in die Familie aufgenommen zu werden. Als man sie abweist, beschuldigen sie Xinghe, den Familienältesten verhext und dazu gebracht zu haben, seine leiblichen Verwandten zu verstoßen. Xinghe wartet, bis die Unterstellung vor allen ausgesprochen ist, und legt dann den Laborbericht vor.

„In einem Punkt haben Sie recht“, sagt sie. „Ich bin nicht seine angenommene Enkelin.“

Tong Yan lächelt schon.

„Ich bin seine leibliche Enkelin.“

Der DNA-Test bestätigt: Xinghe ist die Tochter genau jenes Mädchens, das die Familie vor vielen Jahren verloren hat.

Nach dem Bankett nennt der Familienälteste Shen Xinghe zum ersten Mal seine leibliche Enkelin. Zu Hause rekonstruiert sie das Aussehen ihrer Mutter aus dem Gedächtnis am Computer. Als die Familie das dreidimensionale Modell sieht, erkennt sie in Xia Was Gesicht sofort die Züge der älteren Frauen der Familie Shen wieder. Es bleiben kaum noch Zweifel. Ausdrucken lässt Xinghe das Bild vorerst jedoch nicht. Wenn die Helans erfahren, dass die Familie Xia Wa identifiziert hat, könnte die Frau in Gefahr geraten. Daraufhin erzählt Xinghe ihren Angehörigen alles, was sie über Projekt Galaxy weiß.

Die Niederlage auf dem Bankett ist für Cui Ying kein zufälliger Fehler gewesen. Sie hat auf Helan Qis Bitte gehandelt und ihm nach dem Skandal sofort telefonisch Bericht erstattet. Damit erhält Xinghe eine weitere Bestätigung für die Verbindung zwischen der Präsidentenfamilie und der Familie Helan. Gemeinsam mit Mubai beschließt sie, Cui Yings Rückkehr als Anlass für eine zweite Reise nach Land R zu nutzen. Diesmal kann Mubai sie begleiten: Es geht nicht mehr um eine Suche in Archiven, sondern um die Konfrontation mit einer Familie, die den Präsidenten des Landes in Angst hält.

Vor dem Abflug fängt das Team einen Mann ab, der Xinghe auf Befehl der Helans beschattet hat. Er heißt He Bin. Als unehelicher Sohn von Helan Chang tötet er auf Anweisung der Familie, obwohl er offiziell kaum existiert. Xinghe zeigt ihm Informationen aus einem Geheimdienstarchiv: Der Tod seiner Mutter vor vielen Jahren wird mit Helan Chang in Verbindung gebracht. He Bin weigert sich, das sofort zu glauben. Gemeinsam mit der Delegation wird er nach Land R abgeschoben und erhält so Zeit, dem Verdacht selbst nachzugehen.

In Land R empfängt Präsident Cui Qian die Gäste. Er entschuldigt sich für das Verhalten seiner Nichte und erkundigt sich vorsichtig bei Xinghe nach dem Zweck ihrer Reise. Sie antwortet offen: Ihre Mutter ist im Helan-Waisenhaus aufgewachsen. Die bisherige Suche ist gescheitert, doch die Ermittlungen gehen weiter. Cui Qian verspricht Unterstützung. Hinter seiner Höflichkeit verbirgt sich Wachsamkeit, und Xinghe begreift, dass der Präsident die Helans ebenso sehr fürchtet, wie er sich von ihnen befreien will.

Bei der Durchsicht der Geheimdienstarchive von Land R entdeckt Xinghe ausführliche Unterlagen über die Leute der Helans. Solche Informationen werden nicht ohne Grund gesammelt. Cui Qian bereitet sich offensichtlich darauf vor, gegen die Familie vorzugehen, wagt aber nicht den ersten Schritt. Xinghe ruft ihn an und bietet ihm eine Zusammenarbeit an. Es ist ein Risiko: Der Präsident könnte sie unverzüglich an die Helans ausliefern. Doch das Team hat noch Fluchtwege, und ohne die Unterstützung des Staatsoberhaupts ist es fast unmöglich, auf legalem Weg Zugang zum Waisenhaus und zum Satellitenzentrum zu erhalten.

Nach seiner Rückkehr zu den Helans versucht He Bin, die Wahrheit über den Tod seiner Mutter herauszufinden. Schon seine Fragen genügen, damit sein Vater Verrat wittert. He Bin wird gefasst, in die Schulter geschossen und Helan Qi übergeben.

Niemand hat vor, irgendetwas zu untersuchen. In dieser Familie beseitigt man Zweifel zusammen mit dem Menschen, der sie ausgelöst hat. Für He Bin ist das Antwort genug.

Xinghe hat sich zuvor in das Überwachungssystem der Villa gehackt und sieht, wie der blutüberströmte He Bin in den Keller getragen wird. Das Team dringt auf das Gelände vor, holt den Gefangenen unbemerkt von den Wachleuten heraus und übergibt ihn den Ärzten, die Mubai in Bereitschaft hält. He Bins Beine sind gebrochen, doch er überlebt. Als er zu sich kommt, erfährt er, dass ausgerechnet die Menschen ihn gerettet haben, die er töten sollte. Die Familie Helan, der er viele Jahre gedient hat, hat ihn zum Sterben zurückgelassen.

He Bin erklärt sich bereit auszusagen. Viele der Morde hat er selbst begangen, und er weiß, dass sein Geständnis ihn gemeinsam mit der Familie zu Fall bringen kann.

„Freiheit verspreche ich Ihnen nicht“, sagt Xinghe. „Wenn Sie nicht lügen, bekommen Sie Schutz.“

Dass sie auf schöne Versprechen verzichtet, überzeugt ihn mehr als jedes Versprechen. He Bin berichtet von geheimen Treffen zwischen Helan Chang und Cui Qian und davon, wie abhängig der Präsident von der Familie ist.

Anschließend veröffentlicht Xinghe die Aufnahme aus der Villa: Darauf schleppen Helan Qi und die Wachleute den zusammengeschlagenen He Bin zwischen den Gebäuden hindurch. Nach dem jüngsten Vorfall mit dem lebenden Kind im Lieferwagen glaubt das Land den Erklärungen der Familie nicht mehr. Die Menschen gehen davon aus, dass He Bin ermordet und seine Leiche versteckt worden ist. Unter dem Druck der Öffentlichkeit sieht sich die Polizei gezwungen, Helan Qi festzunehmen. Während der Erbe in einer Zelle sitzt, verlieren die Unternehmen der Helans Geld, und fast täglich fahren Ermittler an der Villa vor.

Helan Chang befiehlt Cui Qian, He Bin zu finden und Xinghes Leute zu beseitigen. Sollte der Präsident versagen, droht der alte Mann, ihn persönlich zu bestrafen. Er spricht mit dem Staatsoberhaupt wie mit einem Untergebenen, den er einst in sein Amt gebracht hat und nun nach Belieben ersetzen kann. Cui Qian träumt schon lange davon, sich der Kontrolle der Familie zu entziehen, fürchtet jedoch, dass mit den Helans auch seine eigenen Verbrechen ans Licht kommen. Jetzt wird Untätigkeit ebenso gefährlich wie der Verrat an seinen Herren.

Nach einer weiteren Drohung ruft Cui Qian Xinghe selbst an und nimmt ihr Angebot an. Sie verlangt nicht, dass er sofort öffentlich Stellung bezieht. Der Präsident soll weiterhin Gehorsam vortäuschen, die Suche nach dem Team behindern und ihm auf Xinghes Bitte Zugang zum inhaftierten Helan Qi verschaffen. He Bins Aussage bleibt ihre Absicherung: Falls Cui Qian erneut auf die Seite der Helans wechselt, geht sie an die Ermittler und die Presse.

Auf Xinghes Bitte fliegt Lu Qi heimlich nach Land R. Cui Qian arrangiert ein Treffen mit dem Gefangenen und hilft dabei, ihn zu betäuben. Im Gefängnis führt das Team ein Verfahren durch, das auf der Technologie der Teilnehmer von Projekt Galaxy beruht: Helan Qis Gedächtnis wird durch He Bins Erinnerungen ersetzt. He Bin selbst ist im Voraus auf seine neue Rolle vorbereitet worden. Äußerlich hat sich der Erbe der Familie nicht verändert, doch nach dem Erwachen soll in seinem Körper der Mann zu sich kommen, den Helan Chang foltern und töten lassen wollte.

Innerhalb weniger Wochen ist die Suche nach ihrer Mutter für Xinghe nicht länger eine Vermutung über die ferne Vergangenheit. Jetzt weiß sie, dass Xia Wa die Tochter der Shens war, im Helan-Waisenhaus aufgewachsen und Teilnehmerin von Projekt Galaxy geworden ist. Jede Antwort bringt eine neue Angst mit sich: Wenn das Waisenhaus Kinder verbrennt und Zeugen beseitigt, könnte das Verschwinden ihrer Mutter keine Flucht gewesen sein, sondern die Folge einer Jagd. Genau deshalb gibt Xinghe sich mit einem Teilerfolg nicht zufrieden. Sie braucht die Archive der Familie und den vollständigen Plan hinter dem Projekt.

Der Vorfall mit dem Lieferwagen hat die Helans schwer getroffen, das Wichtigste jedoch nicht ans Licht gebracht. Die Familie erklärt das Geschehen zum eigenmächtigen Handeln einzelner Angestellter. Das Waisenhaus bleibt geöffnet, und seine abgeriegelten Räume sind für die Ermittler weiterhin unzugänglich. Yi Chen ist überzeugt, dass dort Unterlagen über die Auswahl begabter Waisenkinder aufbewahrt werden. Xinghe vermutet außerdem eine Verbindung zwischen dem Waisenhaus und dem Satellitenzentrum, das die Helans einst mit aufgebaut haben. Ohne jemanden im Inneren lässt sich keine der beiden Vermutungen beweisen.

Ein offener Sturm auf die Villa oder das Waisenhaus könnte mit dem Tod der Kinder und der Vernichtung der Archive enden. Außerdem hält Xinghe sich als Vertreterin der Familie Shen in einem fremden Land auf: Jede illegale Handlung könnte einen internationalen Skandal auslösen. Deshalb muss Cui Qian formale Gründe für Kontrollen schaffen, während das Team Beweise beschafft, die auch die Polizei nicht mehr verschwinden lassen kann. Der Gedächtnistausch verschafft ihnen etwas, das sie bisher nicht hatten: einen Erben der Helans, der bereit ist, die eigenen Türen zu öffnen.

Mubai ist für die Sicherheit und für die Leute verantwortlich, die unbemerkt in die Villa eindringen können. Sam, Ali, Wolf und Cairn beobachten das Waisenhaus und geben Yi Chen Rückendeckung. Lu Qi überwacht nach dem Eingriff den Zustand beider Männer. Cui Qian hält die Polizei von verfrühten Schritten ab. Die gefährlichste Rolle fällt He Bin zu: Nach dem Erwachen muss er unter Helan Qis Namen und mit dessen Gesicht leben, ohne sich vor einem Mann, der seinen Sohn seit dessen Geburt kennt, auch nur durch eine Geste zu verraten.

Nach dem Eingriff verliert Helan Qi das Bewusstsein und bekommt Fieber. Xinghe weist Cui Qian an, den Gefangenen unverzüglich seiner Familie zu übergeben.

„Wenn er im Gefängnis stirbt, wird Helan Chang mich vernichten.“

„Er wird nicht sterben.“

„Woher nehmen Sie diese Gewissheit?“

„Wenn er aufwacht, wird er nicht mehr derselbe sein.“

Helan Chang erhält die Nachricht, dass er seinen kranken Sohn abholen kann, und glaubt, seinen Erben endlich nach Hause zu holen. Noch weiß er nicht, dass in dem vertrauten Körper He Bin zu ihm kommt – der Mann, dessen Mutter er ins Verderben gestürzt und den er erst vor Kurzem zu töten befohlen hat. Um an die Geheimnisse der Familie zu gelangen, hat Xinghe He Bin das Aussehen und die Stellung seines Feindes gegeben. Jetzt bleibt nur die Frage, ob er die Rolle des fremden Sohnes bis zum Ende spielen kann oder schon bei der ersten Begegnung mit seinem Vater die Beherrschung verliert.

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