Man richtet ihn nicht wegen Verrats hin.
Man richtet ihn wegen seines Namens hin.
In der Bluthalle wird niemand laut. In Astern fallen die schlimmsten Entscheidungen genau so: ohne Geschrei und blanke Klingen, durch die stille Zustimmung von Menschen, die später nicht von den Gesichtern der Hingerichteten verfolgt werden. Am langen schwarzen Tisch sitzen Fürsten aus den Nebenlinien, Witwen alter Prinzen, zwei Tempelzeugen und Savern Ort, der Regent des Königreichs. Seine schmalen Finger würden besser zu einem Schreiber passen, doch sein Blick auf Elian ist kalt und aufmerksam.
Elian Vern steht ohne Ketten vor ihnen.
Das ist schlimmer als Ketten. Ketten würden wenigstens bedeuten, dass sie ihn für gefährlich halten. Der Blutrat tut so, als gäbe es hier niemanden, den man festhalten müsste.
In die Lehne des Leeren Throns, hinter dem unbesetzten Platz des verstorbenen Königs, sind die Namen der Erben gemeißelt. Der Name des ältesten Prinzen steht dort. Auch Lissas Name, obwohl sie jünger ist als Elian. Selbst die Namen von Säuglingen, die vor vielen Jahren gestorben sind, hat man bewahrt. In Astern gilt ein Kind mit bestätigter Abstammung auch nach seinem Tod als Erbe. Ein lebender Sohn ohne Anerkennung hat keinerlei Rechte.
Elians Name fehlt.
Savern hebt eine Hand, und der Saal erstarrt. Er lächelt nicht. Ein Lächeln hat er nicht nötig. Seine Macht sieht immer aus wie eine Notwendigkeit.
„Der Rat muss bestätigen“, sagt er, „dass der Mann, der sich Elian Vern nennt, keinen Platz in der Ahnenrolle hat.“
Nicht „Prinz“. Nicht „Neffe“. Nicht „Sohn des Königs“.
Der Mann, der sich so nennt.
Elian kennt diese Formel schon. In den vergangenen drei Tagen ist sie so oft gefallen, dass die Worte beinahe jeden Sinn verloren haben. Trotzdem tut es jedes Mal so weh wie beim ersten Mal, wenn Savern ihn einen Fremden nennt.
Als Erste spricht Fürstin Vestra Lo. Ihre Stimme ist ruhig und sicher.
„In der Linie Lo gibt es keinen Eintrag über einen solchen Erben.“
Dann sprechen die anderen. Manche schauen auf den Tisch, andere direkt zu Elian, als wollten sie sich merken, wie man einem Menschen noch zu Lebzeiten seinen Namen nimmt. Mit jeder Bestätigung werden die Buchstaben auf der Lehne des Throns dunkler.
Elian schweigt.
Nicht, weil er nichts zu sagen hätte. Er kennt die Gänge des Palastes besser als die Hälfte der Wachen. Er weiß, wer die Küchenjungen besticht. Er weiß, welche Tür in der Südgalerie nicht mit einem Schlüssel aufgeht, sondern mit einem leichten Stoß der Schulter. Und er weiß, dass Savern im Voraus nicht nur Stimmen, sondern auch Aussagen gekauft hat. Den Verwandten hat er Titel und Besitz nach dem Machtwechsel versprochen.
Doch ohne Zeugen beweisen Elians Worte in Astern gar nichts.
Da wendet sich Savern Lissa zu.
Sie sitzt nicht am Tisch, sondern weiter unten auf der Bank für die Kinder der Dynastie. Man hat sie auf die sanfte Art gedemütigt: nicht verstoßen, nur daran erinnert, dass ihr Platz von fremder Gnade abhängt. Lissa ist blass. Sie presst die Hände auf ihrem Schoß so fest zusammen, dass die Fingernägel Spuren im Stoff hinterlassen, und schaut ihren Bruder nicht an.
Elian wartet darauf, dass sie den Kopf hebt.
Er bittet sie längst nicht mehr, ihn zu retten. Ein einziger Blick würde ihm genügen. Ein Zeichen, dass sie sich an ihn erinnert.
Savern spricht leiser:
„Lissa Vern. Bestätigt, dass dieser Mann nicht Euer Bruder ist.“
Elians Kehle wird trocken. Der ganze Saal wendet sich dem Mädchen zu, das viel zu früh gelernt hat zu überleben.
Lissa hebt den Blick.
In ihren Augen liegt kein Hass, und gerade das macht es schlimmer. Elian sieht Angst, Scham und die stumme Bitte, ihr zu verzeihen, was sie gleich sagen wird.
„Er ist nicht mein Bruder“, sagt Lissa.
Der Bluteid flammt wie ein dünner roter Faden an ihrer Kehle auf. Savern hat sie also nicht mit einer einfachen Drohung zum Verrat gezwungen, sondern mit dem Gesetz des Blutes. Würde Lissa versuchen, die Formel anzufechten, erwürgt der Eid sie vor den Augen des Rates.
Elian begreift es zu spät.
Ein Zittern läuft durch den schwarzen Stein des Leeren Throns. Die Stelle, an der Elians Name einmal hätte stehen können, wird vollkommen glatt. Nicht ausradiert, sondern so, als wäre dort nie etwas eingemeißelt gewesen.
Savern nickt langsam.
„Der Rat hat den Fehler in der Ahnenrolle bestätigt.“
Das ist das Urteil. Die Wachen stürzen sich nicht auf Elian. Niemand packt, schlägt oder zerrt ihn. Man erwartet, dass er selbst zur Hinrichtungsstätte geht. Der Rat will einem Mann ohne Namen nicht einmal das Recht auf Widerstand zugestehen.
Am Fuß des Throns wartet Orm Hal, der Henker des Blutrates. Er ist weder riesig noch sieht er besonders furchterregend aus. Nur ein Mann, der seit zu langer Zeit Urteile vollstreckt und sich daran gewöhnt hat, keine Fragen zu stellen.
Orm legt das Schwert auf seine Handflächen.
„Das Urteil ist anerkannt“, sagt er.
Zum ersten Mal schaut Elian weder Savern noch den Rat an, sondern Lissa. Sie weint bereits lautlos. In diesem Augenblick wird der Schmerz über den verlorenen Vater, den Namen und den Rang von einem einfachen Gedanken überdeckt.
Sie hat sich für das Leben entschieden. Endlich versteht er: Eine andere Wahl hat man ihr nicht gelassen.
Orm hebt das Schwert.
Im letzten Augenblick sieht Elian eine dünne Lichtzeile auf der glatten Lehne des Throns erscheinen. Kein Name. Eine Regel.
Das System meldet mit trockener, teilnahmsloser Stimme:
„Name nicht bestätigt. Ein zweiter Entwurf wird geöffnet.“
Das Schwert fällt.
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