Elian erwacht vor Tagesanbruch.
Als Erstes kommt nicht die Angst. Als Erstes kommt die Wut.
Er liegt in seinem Zimmer unter dem grauen Betthimmel mit den verblichenen Zweigen des königlichen Wappens. In seiner Kehle ist kein Blut. Sein Hals ist unversehrt, die Finger bewegen sich. Sein Herz schlägt so schnell, als wollte es die verpassten Schläge nachholen.
Auf dem Tisch steht dieselbe Tasse mit dem Rest Wasser. Am Fenster liegt derselbe Handschuh, den er gestern – oder in der vergangenen Welt – nach dem Streit mit den Wachen hingeworfen hat. Hinter der Tür ertönt die vertraute Stimme des jungen Kammerdieners: „Der Rat beginnt mit dem ersten Glockenschlag.“
Elian setzt sich auf.
Zu glauben, er sei in die Vergangenheit zurückgekehrt, wäre ein Fehler. Das Zimmer riecht anders: nicht nach Staub und Wachs, sondern nach nassem Stein nach einem Gewitter. An der Wand, an der früher das Porträt des verstorbenen Königs hing, befindet sich jetzt ein leerer Rahmen. Dem unberührten Staub ringsum nach zu urteilen, hat nie ein Bild darin gehangen.
Er steht auf, geht zur Tür und öffnet sie, bevor der Kammerdiener anklopfen kann.
Der Junge weicht zurück.
„Eure …“
Er bricht ab und greift sich an die Kehle. Seine Lippen bewegen sich, doch kein Laut kommt heraus. Der Kammerdiener wird augenblicklich blass.
Elian erstarrt.
In der vergangenen Welt haben die Diener seinen Namen gemieden. In dieser ist er gefährlich geworden. Zu schweigen ist beängstigend, doch sich bei der Anrede zu irren offenbar noch mehr.
Er geht ohne Begleitung zum Thronsaal. Die Korridore haben sich kaum verändert, und deshalb erschreckt ihn jede Kleinigkeit mehr als ein offenkundiges Wunder. Die Jagdgobelins sind verschwunden. An ihrer Stelle hängen schmale Spiegel in schwarzen Holzrahmen an den Wänden. In jedem Spiegelbild wirkt Elians Gesicht einen Augenblick älter, als es tatsächlich ist.
Vor der Tür zum Saal steht Shani Venn, Lissas Dienerin. Klein, das Haar streng zurückgebunden, der Blick aufmerksam. Sie ist daran gewöhnt, Gefahren früher zu bemerken als ihre Herrschaften. In der vergangenen Version hat Shani sich stets ein wenig hinter Lissa gehalten und so leise gesprochen, dass der Adel sie kaum bemerkt hat.
Jetzt sieht sie Elian und wendet den Blick nicht ab.
„Eure Hoheit“, flüstert Shani.
Elian spürt einen heftigen Ruck. Der unsichtbare Druck, der seit seiner Hinrichtung auf seinen Schultern lastet, verschwindet und legt sich sofort um Shani. Ihr Name erklingt klar in seinem Kopf.
Shani Venn.
Das System antwortet mit derselben gleichmäßigen Stimme:
„Zeugin der Anerkennung erfasst. Name gespeichert.“
Elian schaut die Dienerin an und sie ihn, ohne zu begreifen, was sie gerade getan hat. Ihre Hände zittern. Um ihr Handgelenk zieht sich ein roter Streifen von dem schweren Tablett, das sie getragen hat, als die Wachen sie aufhielten. Diese alltägliche Spur überzeugt Elian endgültig davon, dass ein lebender Mensch vor ihm steht und nicht die nächste Erscheinung nach seinem Tod.
In seinem vergangenen Leben hat seine Verwandtschaft ihm gemeinsam an einem Tisch den Namen genommen. In dieser Version erkennt ihn als Erste eine Dienerin an, deren Namen der Adel so gut wie nie ausgesprochen hat.
Die Türen des Thronsaals schwingen auf.
Der Blutrat versammelt sich bereits. Alles erinnert an den Tag der Hinrichtung und unterscheidet sich doch in den Einzelheiten. Savern steht nicht am Tisch, sondern unmittelbar am Thron. Vestra Lo spricht mit zwei Fürsten. Orm prüft das Schwert, und sein Gesicht zuckt einen Augenblick, als er Elian lebend sieht.
In die Lehne des Leeren Throns ist ein Name gemeißelt.
Elian Vern.
Nicht klein und nicht am Rand wie eine nachträgliche Ergänzung. Der Name zieht sich über die Mitte des Steins, dort, wo in der vergangenen Version eine glatte, leere Stelle geblieben ist. Die Buchstaben sehen frisch aus, als hätte der Steinmetz seine Arbeit erst vor wenigen Minuten beendet, doch ringsum liegt kein Steinstaub.
Die Menschen folgen seinem Blick.
Da bricht der Lärm los.
„Frevel.“
„Eine Fälschung.“
„Wer hat den Thron in der Nacht berührt?“
Savern hebt die Hand, und der Lärm verstummt. Der Regent betrachtet den Namen aufmerksam und ohne Furcht – so schaut man nicht auf ein Wunder, sondern auf eine Aufgabe.
Elian tritt vor.
„Ich, Elian Vern, verlange …“
Seine Stimme ist fort. Sie bricht nicht und wird auch nicht heiser, sondern verschwindet einfach mitten im Satz. Elian versucht weiterzusprechen, doch aus seiner zugeschnürten Kehle kommt kein Laut. Mehrere Menschen im Saal weichen zurück.
Savern sagt leise:
„In diesem Entwurf gilt ein Titel erst, nachdem ein Zeuge ihn anerkannt hat. Ein Hochstapler kann sich nicht selbst einen Namen verleihen.“
Atmen und sich bewegen kann er. Sich selbst beim Namen nennen nicht, solange kein anderer Mensch ihm dieses Recht bestätigt.
Lissa sitzt wie zuvor auf der unteren Bank. Jetzt blickt sie voller Entsetzen nicht auf ihren Bruder, sondern auf den eingemeißelten Namen, als fürchte sie, der Stein werde sie zwingen, noch einmal eine Entscheidung zu treffen.
Elian dreht sich zu Shani um.
Die Dienerin steht allein zwischen den Wachen an der Tür. In einer gewöhnlichen Welt würden ihre Worte nichts bedeuten. In diesem Entwurf können nur sie Elian seine Stimme zurückgeben.
Shani schluckt.
„Ich habe seinen Namen gehört“, sagt sie. „Ich habe ihn als Seine Hoheit anerkannt.“ Ihre Stimme klingt leise, aber deutlich.
Im Saal wird es still.
Der Name auf dem Thron wird dunkler.
Und Elian kann wieder sprechen.
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