Am trockenen Löwenbrunnen verheiratet man Suleicha al-Mairi mit einem verwundeten Feind. Damit erfährt der ganze Hof: Ihr Haus hat Granada für Wasser verraten.
Der Gefangene steht in einem fremden Mantel vor ihr, mit einem dunklen Verband unter den Rippen und einem Eisenring um das rechte Handgelenk. Er heißt Íñigo de Mena. Die Wachen sehen in ihm einen Kastilier. Für Yusuf ibn Sahr ist er ein Mittel, um das Haus Khalid gefügig zu machen. Und Suleicha soll mit ihrem eigenen Eid für das Leben eines fremden Feindes haften.
Der Löwenbrunnen schweigt.
Zwölf steinerne Löwen umringen das Marmorbecken. Früher ist das Wasser so gleichmäßig aus ihren Mäulern geflossen, dass die alten Meister am Klang die Zeit vor dem Morgengebet erkannt haben. Heute fällt kein einziger Tropfen.
Unter Suleichas Sohlen knirscht noch kaltes Salz. Der Brunnen ist also erst vor Kurzem versiegt, in der vergangenen Nacht oder sogar heute Morgen.
Doch der Hof sieht keine Spur von Wasser. Er sieht die Tochter von Khalid al-Mairi, dem Wassermeister, den man seit einem Jahr einen Verräter nennt.
Frauen in dunklen Schleiern ziehen durch die Galerie. Unter den Bögen stehen die älteren Meister, die Gartenwache, Schreiber, Diener, zwei Ärzte und die Männer von Yusuf ibn Sahr. Hinter dem durchbrochenen Stein rauscht die belagerte Stadt. In Granada wird das Wasser knapp, und jeder Krug zählt.
Yusuf tritt ohne Eile an den Brunnen. Er trägt schlichte dunkle Kleidung. An seinem Gürtel klirren die Schlüssel zu den Zisternen, den Sperren der Gärten und den verschlossenen Gängen, die nicht einmal die Wache ohne seine Erlaubnis betreten darf.
Er wird nicht laut.
„Wasser lügt nicht“, sagt Yusuf. „Solange ein Haus treu bleibt, fließt es klar. Öffnet ein Haus dem Feind einen geheimen Weg, trocknet der Stein aus.“
Eine der Frauen zieht leise die Luft ein. Fatima al-Harrasa, Suleichas Cousine, senkt den Blick. Sie ist als Verwandte gekommen, steht aber näher bei denen, die gegen das Haus Khalid aussagen sollen.
Suleicha schaut sie nicht an. Ihr Blick liegt auf dem Rand des Beckens.
Dort, wo am Morgen ein schmaler Wasserring hätte glänzen müssen, ist ein grauer Kalkstreifen geblieben. Jemand hat sorgfältig mit dem Finger darübergewischt. Kein Kind und kein unachtsamer Diener. Es war ein Mensch, der verbergen wollte, wann der Brunnen genau versiegt ist.
Yusuf wendet sich ihr zu. Die Wachen führen Íñigo näher an das trockene Becken.
„Suleicha al-Mairi, dein Vater ist in der Nacht verschwunden, in der die nördliche Acequia dem Feind geöffnet worden ist. Heute hat der Hof wieder kein Wasser. Der Emir gibt deinem Haus eine letzte Gelegenheit, sich zu rechtfertigen.“
„Das ist Íñigo de Mena, ein Wassermesser aus dem Lager der Könige“, fährt Yusuf fort. „Man hat ihn am nördlichen Graben gefangen. Er weiß, wo der Feind Kanäle zu unseren Wasserwegen zieht. Solange der Gefangene nur für sich selbst haftet, kann er lügen. Nimmt euer Haus ihn unter seinen Schutz, haftet ihr für jedes seiner Worte.“
Suleicha versteht, worauf Yusuf hinauswill, noch bevor er von einer Ehe spricht.
Im Hof wird es so still, dass hinter dem Bogen ein trockenes Blatt im Garten zu Boden fällt.
„Nach altem Wasserrecht darf das Haus eines Beschuldigten einen Gefangenen unter den Schutz einer Ehe stellen. Wenn er stirbt, flieht oder vor dem Becken lügt, haftet dieses Haus. Sagt er die Wahrheit, soll das Wasser zwischen uns urteilen.“
Die Wassermeister betrachten einen solchen Bund nicht als echte Ehe: keine Nikah, kein kirchlicher Eid, kein eheliches Band. Sie nennen das Ritual einen Wasservertrag. Ein fremder Meister tritt unter den Schutz eines hiesigen Hauses und darf nicht ohne Verhandlung am Brunnen hingerichtet werden. Das Gesetz ist geschaffen worden, um Meister zu schützen. Yusuf richtet es gegen Suleicha.
Fatima hebt den Kopf. Jetzt liegt keine Scham in ihrem Blick, sondern Angst.
Suleicha spürt, wie das Blut aus ihren Fingern weicht.
Diese Ehe soll ihrem Haus nicht die Ehre zurückgeben. Sie soll Suleicha an den Gefangenen ketten.
Stirbt Íñigo an seiner Wunde, beschuldigt man Khalids Tochter, einen Zeugen ermordet zu haben. Flieht er, heißt es, sie habe ihm den Weg geöffnet. Lügt er, wird ihr Haus erneut zum Verräter an der Stadt erklärt.
Sie soll den Kopf senken.
Sie tut es nicht.
„Und wenn jemand das Wasser schon umgeleitet hat, bevor er gefangen worden ist?“, fragt Suleicha.
Ein Rascheln geht durch den Hof.
Yusuf lächelt ohne Freude.
„Dann beweise es, Tochter Khalids.“
Von einem Schreiber nimmt er eine dünne Schnur mit einer kleinen Kupferschale. Früher haben die Meister solche Schalen mit Wasser gefüllt, wenn sie einen Wasservertrag geschlossen haben. Jetzt ist die Schale trocken.
Íñigo de Mena hebt zum ersten Mal den Blick zu Suleicha.
Seine grauen Augen glänzen fiebrig. Das Haar ist nach kastilischer Art kurz geschnitten, doch er hält sich wie ein Wassermeister, wie Suleicha ihn kennt: Er schaut nicht auf die Mächtigen, sondern auf den beschädigten Brunnen.
„Nenne deinen Namen“, sagt Yusuf.
Der Gefangene schweigt.
Eine Wache schlägt ihm unter die Rippen. Íñigo krümmt sich, fällt aber nicht.
„Dein Name“, wiederholt Yusuf.
Íñigo atmet aus. Er spricht Arabisch mit starkem Akzent, kennt die Sprache aber offenbar schon lange.
„Das Wasser im Norden steht sieben Handbreit tiefer, als ihr glaubt.“
Für die anderen klingt das wie Trotz. Suleicha erkennt sofort, dass Íñigo ein genaues Maß genannt hat.
So spricht kein gewöhnlicher Soldat. So spricht ein Mann, der den Lauf des Wassers nicht nach einer Karte oder nach Gerüchten misst, sondern am Stein. Sieben Handbreit bedeuten keine Dürre. Sieben Handbreit bedeuten eine Umleitung. Jemand hat das Wasser weiter oben abgefangen, bevor es das Becken im Palast erreicht.
Für einen Augenblick lächelt Yusuf nicht mehr.
In diesem Augenblick kommt ein Geräusch unter dem trockenen Löwenbrunnen hervor.
Wasser ist nicht zu sehen. Trotzdem gluckert etwas kurz unter dem Marmor und verstummt sofort wieder.
Suleicha schaut Íñigo an.
Er schaut zurück.
Jetzt verbindet sie nicht nur ein aufgezwungener Vertrag, sondern auch ein gemeinsames Geheimnis, für das beide sterben können.
Im Reader öffnen