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DER HIRTE DER LEBENDEN ASCHE

Kapitel 11. Die falsche Silhouette

Gegen Abend erreicht der rote Riss das äußere Viadukt.

Darüber hängt bereits ein Erinnerungsgewitter. In der grauen Wolke zeichnen sich fremde Hände, aufgerissene Türen und Gesichter ab, die verschwinden, bevor man sie erkennen kann. Jedes Bild strebt zur Hitze der Gemeinschaftsöfen. Wenn das Gewitter alle drei Ummantelungen zugleich berührt, dringt der Schlag durch die unteren Stützen in den Ring der Stille ein und zerreißt die Barriere von innen.

Marek will direkte Funken auf dem Viadukt aufstellen. Saya hält ihn auf.

„Es nährt sich von dem, was wir ihm zeigen. Zeigst du ihm zwölf Verteidiger, hast du danach zwölf neue Stimmen in der Wolke.“

Gewöhnliches Salz kann das Gewitter auf offenem Feld zerstreuen, doch zwischen Ruß und dem Feld stehen die Öfen der Wohnhäuser. Es gibt keinen Ort, an den sie die Wolke ableiten können. Da legt sich Irsa als dünne, glänzende Schicht über zwei Funken. Ihre Hitze spiegelt sich in ihr und verwandelt sich in die Abbilder einer ganzen Einheit.

Marek erkennt die neue Form, bevor sie sich festigen kann.

Der Spiegel kann kein Gewicht tragen, keine Risse schließen und nicht zuschlagen. Er zeigt dem Gewitter Bewegung und Wärme, wo niemand ist.

Doch neun aktive Funken reichen nicht aus, um den falschen Chor über das ganze Viadukt zu führen. Vierundzwanzig Körper liegen ohne Schlüssel in einer trockenen Nische. Für neue Formen braucht es einen laufenden Ofen, und alle drei gehören Ruß.

Dara öffnet selbst die mittlere Ummantelung. Sie wiegt neunzig Gramm gereinigte Asche ab und setzt zwei Heizer an die Ventile. Marek kann die Hitze nur mit einem einzigen äußeren Hebel regeln.

„Ein Durchlauf“, sagt sie. „Wenn du ohne mein Wort einen zweiten versuchst, flute ich den Ofen mit Salz.“

Marek stimmt zu. Sieben Minuten lang lassen die Menschen die Anzeige nicht aus den Augen. Der Ofen könnte sechs Funken schaffen, doch das Material reicht genau für drei. Als sich die Klappe öffnet, kommen drei flache Formen mit glatter, dunkler Oberfläche heraus.

In Ruß gibt es wieder sechsunddreißig unversehrte Körper: zwölf aktive und vierundzwanzig reglose. Ein neues Netz ist noch nicht entstanden. Zum ersten Mal hat das Viertel eine Erlaubnis erteilt, die es auch wieder entziehen kann.

Marek stellt die drei Spiegel auf das leere Gütergleis und führt die übrigen neun Funken in kurzen Etappen hinter ihnen her. In den Spiegelbildern wirkt jeder von ihnen wie vier. Aus der Ferne zieht ein großer, heißer Chor über die Schienen.

Das Gewitter dreht ab.

Irsa verändert die Abbilder und versucht, sie glaubhafter zu machen. Eines wird größer, ein anderes hinkt, ein drittes trägt ein langes Werkzeug auf der Schulter. Dann erscheint im vorderen Spiegel ein Mädchen mit kurzen Haaren. Es hebt die Hand und schlägt fünfmal gegen einen unsichtbaren Teekessel.

Marek kappt die Verbindung zum Spiegel.

Der Spiegel fällt als schwarze Platte auf die Schiene. Das Gewitter schwankt zurück zu den Öfen.

„Nicht sie“, sagt Marek.

Irsa versucht aufzusteigen, nimmt aber keine der vertrauten Formen an. Sie bleibt als farbloses Wölkchen über dem erloschenen Spiegel hängen.

„Ich brauche ein Bild, dem das Gewitter folgt“, fährt Marek fort. „Ella ist schon in deiner Erinnerung. Du kannst nur die Bewegung wiederholen.“

Irsa gehorcht nicht.

Sie sagt nicht Nein und widerspricht ihm auch nicht. Nur nimmt keiner der Funken Ellas Gesicht an. Zum ersten Mal verweigert der Anker des Netzes keine gefährliche Handlung, sondern eine Lüge, die Marek gelegen käme.

Der rote Riss erreicht die nächste Stütze. Unter dem Viadukt beginnen die Menschen von Ruß, die Feuer in ihren Häusern zu löschen, damit die Wolke sie nicht durch die Ritzen bemerkt.

Saya nimmt den Silberfaden von ihrem Handgelenk und spannt ihn zwischen zwei Spiegeln.

„Zuglampen“, sagt sie. „Sie bewegen sich alle gleich, aber keine gibt vor, ein Mensch zu sein.“

Juna gibt den Rhythmus vor: zwei Lichter vorn, eines hinten, eine kurze Dunkelheit in der Kurve. So kennzeichnet man einen Dienstzug, der im Tunnel nicht angehalten werden darf. Beran stellt die Handweiche zum verlassenen Salzfeld um.

Die Spiegel setzen sich wieder in Bewegung. Jetzt zeigen sie keine Gesichter, sondern eine Kette warmer Rechtecke. Das Gewitter folgt der Bewegung. Es versucht, in dem falschen Zug Fahrgäste zu formen, doch die Spiegelbilder verlöschen, bevor die Gestalten Züge bekommen.

Am Rand des Feldes löst Marek die direkten Verbindungen. Die Spiegel legen sich in flache Gräben. Owens Wächter, die noch keinen neuen Hauptmann bekommen haben, öffnen die Salztürme. Weißer Staub schießt von unten herauf und zerreißt die Wolke in Fetzen, die keine fremden Gesichter mehr halten können.

Kein Funke dringt in das Gewitter ein. Kein fremder Nachhall wird zur Waffe. Die Bewohner von Ruß sehen von den Dächern aus zu, wie die lebende Asche sie rettet, ohne die Gesichter der Toten anzunehmen.

Da beginnen über dem Bezirk die Stadtrohre zu sprechen.

Rador leugnet nicht, was alle gesehen haben. Er nennt die Zahl der Geretteten, die Dauer des Manövers und die Salzmenge, die die Wache verbraucht hat. Dann berichtet er von etwas, das bisher in keinem öffentlichen Verzeichnis gestanden hat.

Beim Zusammenbruch des Alten Chors haben sich seine Frau und sein achtjähriger Sohn in der Nachbarstadt aufgehalten. Auch der Chor hat mit dem Versprechen begonnen, alle zu hören. Als der einheitliche Befehl verlangt hat, die Barriere um jeden Preis zu halten, haben Tausende Nachklänge aufgehört, zwischen Eigenen und Fremden zu unterscheiden. Rador hat die letzten Nachrichten seiner Familie gleichzeitig mit dem Befehl erhalten, die Klappe zu schließen. Er hat den Befehl ausgeführt und nicht geantwortet.

„Ich kenne den Preis einer Stimme, die sich selbst für gut hält“, sagt der Erste Hüter. „Heute hat Marek Sol die Gefahr abgelenkt, die er selbst zu euren Öfen geführt hat. Morgen wird sein Chor entscheiden, er wisse besser als ihr, wen er retten soll.“

Die Rohre verstummen.

Statt sich zu bedanken, verlangen mehrere Menschen, die Gemeinschaftsöfen zu schließen. Jemand fragt, warum das Gewitter überhaupt die alte Stütze gefunden hat. Andere betrachten die drei neuen Spiegel und die vierundzwanzig reglosen Formen, die noch immer auf die Erinnerung eines Freiwilligen warten.

Dara steigt auf die mittlere Ummantelung.

„Die Öfen werden geöffnet“, sagt sie. „Aber keiner wird zu seiner Hand. An jedem steht ein Mensch aus Ruß, jeder bekommt einen Salztrenner und das Recht, Marek den Gehorsam zu verweigern.“

Marek sieht Irsa an. Endlich hat sie sich wieder gesammelt, doch sie bleibt bei den Spiegeln und kehrt nicht an seine Schulter zurück.

Damit das Netz wachsen kann, muss er den Menschen nicht nur Arbeit überlassen, sondern auch das Recht, nicht zu gehorchen.

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