Beim Fest schenkt man den Söhnen des Jarls Ruhm ein. Steinar bekommt einen leeren Becher.
Er ist aus dunklem Holz geschnitzt, außen glatt und am Rand von fremden Lippen und altem Rauch geschwärzt. Kein Met, kein Silber, kein Ring und kein Salz liegen darin. Nur der trockene Geruch von Eiche und ein feiner Riss an der Seite, als hätte jemand den Becher einmal ins Feuer geworfen und später wieder herausgeholt.
In Hroalds Halle lachen die Leute schon, bevor der Jarl die Hand hebt.
Das Fest ist schwer und lang. An den Türen riecht es nach nasser Wolle, Dampf steigt aus den Schüsseln, die Gesichter werden rot vom Feuer. Unter den Bänken liegen Hunde und erwischen die Knochen noch vor den jüngsten Dienern. Über der Feuerstelle sind die Balken schwarz. Im Rauch hängen die Schilde der ältesten Sippen. In dieser Halle erinnert man sich nicht an jeden, aber die Namen der Auserwählten werden ständig wiederholt.
Ragned sitzt dem Vater am nächsten.
Hroalds ältester Sohn sitzt gerade und selbstsicher. Er trägt einen neuen blauen Umhang mit silberner Schließe. Zu seinen Füßen steht ein Langschwert, ein Geschenk der Verwandten seiner Mutter. Als Hroald ihn zum Erben des Westschiffs erklärt, schlagen die Leute mit den Handflächen auf die Tische. Einer ruft, Ragned sei dazu geboren, als Erster zu gehen. Ein anderer meint, das Meer selbst werde zurückweichen, sobald es sein Bugzeichen sieht.
Brand, der Liedschneider, stimmt nicht sofort in das Lachen ein. Ein guter Skalde läuft der Menge nicht hinterher. Er wartet, bis der Lärm abebbt, und schlägt erst dann die Finger über die Saiten.
Das Lied setzt gleichmäßig ein, kräftig und ohne übertriebene Süße. Es preist Hroald als Gründer der Sippe und Ragned als würdigen Erben. Das Schiff wirkt wie eine Verlängerung des Arms seines ältesten Sohnes, und der Tod im Kampf verspricht ihm ewige Erinnerung.
Steinar hört zu und weiß, dass das Lied auch für ihn einen Platz freihält.
Keine Zeile.
Die Leere zwischen zwei Zeilen.
Er steht am unteren Ende des Tisches, wo diejenigen sitzen, die schon essen, aber noch nicht sprechen dürfen. Der dritte Sohn des Jarls. Der Sohn, dem man bei einem Überfall nicht einmal die Hintertür anvertraut, weil er sich einmal für eine Tür statt für den Schildwall entschieden hat. Der Sohn, den die Jungen am Stall den Leeren Becher nennen, solange sie nicht merken, dass er sie hört.
Er hört fast alles.
Er hört, wie Nera die Rauchige an der Seitenwand mit einem Diener über Salzsäcke streitet. Er hört, wie die alte Modra am Eingang trocken und mühsam in ihre Hand hustet. Und er hört, wie Saiva unterhalb von Brand bei der dritten Wiederholung kaum merklich aus dem Takt kommt, als das Lied die Stelle erreicht, an der der jüngste Sohn auftauchen müsste.
Dort macht Brand eine Pause.
Keine lange. Keine grobe. Eine Pause, die man für den Atem eines Meisters halten könnte.
Genau deshalb versteht die Halle.
Steinar ist nicht vergessen worden. Man verschweigt ihn mit Absicht.
Hroald wartet, bis alle zu Ende gelacht haben, und hebt den leeren Becher. Sein Bart ist am Mund weiß und an den Wangen dunkel. Der Jarl schaut seinen Sohn an, als würde er prüfen, wie nützlich er der Sippe noch sein kann.
„Ragned bekommt das Schiff“, sagt der Jarl. „Der mittlere Sohn bekommt Männer für die Fahrt im Frühjahr. Und du, Steinar, bekommst das, womit du dein Leben selbst gefüllt hast.“
Man stellt den Becher vor ihn hin.
Leer.
Das Holz trifft leise auf den Tisch. Trotzdem hört man in der ganzen Halle, wie am Feuer ein nasser Ast platzt.
Steinar könnte den Becher heben und so böse und scharf antworten, dass man sich an seine Worte erinnert. Die fremde Erinnerung, die ihm nach dem Fieber geblieben ist, kennt mehrere Wege, eine Demütigung zum eigenen Vorteil zu wenden: Einen leeren Becher trägt man leichter, man kann ihn füllen, und die freie Hand kann aufheben, was andere fallen lassen.
In dieser fremden Erinnerung hat man Menschen nicht besungen, sondern in Büchern, Listen und Abrechnungen eingetragen. Fast jeder hat sich dort finden lassen. Diese Welt war nicht freundlicher. Aber einen Menschen zu vergessen war schwieriger als in Hroalds Halle, wo Brands Schweigen genügt, um einem Lebenden den Namen zu nehmen.
Steinar sagt nichts.
Sein Schweigen ist Berechnung. Antwortet er zu klug, wird man ihn beobachten. Schweigt er dort, wo alle einen Wutausbruch erwarten, hält man ihn wieder für schwach und lässt ihn weiter zusehen.
Steinar nimmt den Becher mit beiden Händen und senkt den Blick. Die Halle glaubt, er habe die Schande geschluckt. In Wahrheit sieht er, dass die Innenseite des Randes voller kleiner Kerben ist.
Nicht außen, wo jeder sie bemerken könnte.
Innen.
Dort, wo die Lippen das Holz berühren.
Die Kerben sind ungleichmäßig: kurz, lang, tief, kaum sichtbar. Für zufällige Kratzer sind es zu viele. Jemand hat auf dem Becher eine Rechnung geführt, die man nur sehen kann, wenn man trinkt.
Oder wenn man Leere serviert bekommt.
Brand berührt wieder die Saiten.
Das Lied kehrt zu Ragned zurück. Zum Schiff. Zum Schwert. Zum Wasser, das vor ihm liegt. Es geht so leicht an Steinar vorbei, als würde er gar nicht zwischen den Bänken stehen.
Da lacht die Halle noch einmal.
Steinar hebt den Becher wie ein Geschenk. Das Holz berührt seine Lippen. Die Kerben auf der Innenseite kratzen über die Haut. Er schmeckt alten Rauch, sauren Met und fremde Hände.
Zum ersten Mal tötet man ihn nicht mit einem Schwert.
Man tötet ihn mit einer leeren Stelle im Lied.
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