ОттискOriginalromane
DER MANN, DEN SIE NICHT BESUNGEN

Kapitel 22. Das Ufer, das bereits Namen hatte

Ragned lässt das Schwert nicht fallen.

Solche Menschen trennen sich selten von einer Waffe, die ihr Leben lang jeden Streit für sie entschieden hat.

Aber er senkt die Spitze.

Nicht sofort und nicht demütig. Zuerst sieht er seine Leute an, Brand, Steinar, Farin, als suche er jemanden, der das alte Gesetz noch anerkennt. Doch jetzt geht das Gesetz nicht mehr allein von seinem Schwert aus.

„Das ist noch nicht vorbei“, sagt Ragned.

Steinar nickt.

„So ein Ende wäre zu schön.“

Brand geht zu Saiva.

In der Hand hält er eine ihrer gerissenen Saiten. An einem einzigen Tag scheint er um mehrere Jahre gealtert zu sein.

„Du hast das Lied schwer gemacht.“

„Ja.“

„Schwere Lieder nimmt man nicht gern mit übers Meer.“

Saiva antwortet:

„Dafür gehen die Lebenden darin nicht so leicht verloren.“

Brand sagt nichts.

Er legt die gerissene Saite neben den Bechersplitter.

Das ist noch keine Entschuldigung: Dafür reicht eine einzige Geste nicht. Aber so zeigt Brand, dass er gesehen und anerkannt hat, was geschehen ist. Mehr vermag er vorerst nicht.

Nach dem Thing wird der Frühling im Grauen Land weder wärmer noch freigebiger.

Das neue Lied bringt kein zusätzliches Korn. Die Fische gehen nicht aus Achtung vor den neuen Namen ins Netz, und die Steine werden nicht wärmer. Ragneds Leute und Steinars Leute streiten noch immer um Wasser, Holz, einen Platz am Feuer, das Maß Salz und darum, wer mit der Ausbesserung seines Segels an der Reihe ist.

Aber jetzt streiten sie anders. Nicht jeder Streit beginnt mehr mit der Frage, wer hier das Sagen hat. Menschen ändern sich nicht an einem einzigen guten Tag, doch am Herd steht jetzt der gesprungene Becher, und daneben liegt das Brett der Schiffsanteile. Wenn das Geschrei zu laut wird, klopft Nera mit dem hölzernen Maß und fragt:

„Wen habt ihr beim Schreien vergessen?“

Die Frage ärgert alle, bringt sie aber zum Schweigen und zwingt sie, sich umzusehen.

Dreimal bietet man Steinar an, Jarl des Grauen Landes zu werden.

Beim ersten Mal sind es die Leute aus dem alten Norden: Sie fürchten sich vor einem Leben ohne die gewohnte Herrschaft. Beim zweiten Mal sind es einige seiner Ruderer: Sie mögen Steinar und sind die endlosen Streitereien leid. Beim dritten Mal ist es Ketil: Er hofft, der erste Ratgeber des neuen Jarls zu werden und seine früheren Vorteile zurückzugewinnen.

Steinar lehnt alle drei Male ab.

Beim dritten Mal sagt Nera:

„Du könntest zustimmen und Ketil für sein loses Mundwerk aufhängen lassen.“

„Eine zu billige Freude.“

„Schade.“

Danach spricht Ketil eine Woche lang leiser.

Den leeren, gesprungenen Becher lassen sie am gemeinsamen Herd stehen, nicht als Heiligtum, sondern als Mahnung. Bevor die Streitenden zu den Waffen greifen, müssen sie antworten: Wen haben sie vergessen?

Borri befestigt das Brett der Schiffsanteile unter dem Vordach. Er sagt, wenn sie es im Regen liegen lassen, führt er die alte Ordnung wieder ein, nur damit er das Recht hat, dummen Leuten auf den Hinterkopf zu schlagen.

Farin bringt den Jungen bei, das Wasser an den schwarzen Steinen zu lesen. Als ihn jemand den Herrn des Ruders nennt, antwortet er:

„Ein Ruder dient niemandem lange. Es gehorcht nur Händen, die nicht mit dem Wasser streiten.“

Eska trägt das Täfelchen mit der frischen Schnitzerei vom Grünen Ufer in einem Beutel, der aus einem alten Ärmel genäht ist. Nera erkennt ihren Ärmel doch noch und schimpft lange mit dem Mädchen. Eska hört ihr fast lächelnd zu: Zum ersten Mal wird sie wie eine der Ihren ausgeschimpft.

Im Sommer müssen sie eine Frage beantworten, die alle vor sich hergeschoben haben.

Was sollen sie mit dem Grünen Ufer machen?

Ragned schlägt vor, ein großes Schiff auszurüsten und die besten Krieger darauf zu schicken. Brand will zuerst den fremden Herd sehen und erst dann entscheiden, wer das Recht hat, sich den Ersten zu nennen. Borri will gute Äxte mitnehmen, um Holz zu schlagen, nicht Menschen: Ohne ein festes Blockhaus ist nicht einmal eine friedliche Fahrt möglich. Nera weigert sich mitzukommen, solange sie kein Salz entbehren können. Farin warnt, dass die Strömung nicht jeden ans Ufer lässt. Eska bittet darum, Geschenke mitzunehmen: Die in das Täfelchen geschnitzte Hand ist nicht zur Faust geballt.

Steinar hört zu.

Dann sagt er:

„Wir fahren nicht hin, um etwas zu rauben, sondern um sie kennenzulernen. Wir fragen, wie sie sich selbst nennen. Lassen sie uns nicht anlegen, kehren wir um. Geben sie uns Wasser, trinken wir wie Gäste. Empfangen sie uns mit Speeren, versuchen wir, ohne Kampf fortzukommen.“

Ragned schnaubt.

„Du kneifst schon wieder.“

Steinar lächelt.

„Sieht aus, als würde sich meine Feigheit ganz gut über Wasser halten.“

Am Abend singt Saiva das Namenslied des ersten Winters zu Ende.

Steinars Name erklingt weder als erster noch als zweiter, sondern erst nach dem Ersten Ruderer, Asmund, Auli, Nera, Farin, Borri, Eska, Lagga, Ingwi, Harek und noch vielen anderen Menschen, die man in der alten Halle eines Liedes für unwürdig gehalten hätte.

Steinar hört zu und versteht: Die beste Rache für das frühere Vergessen besteht nicht darin, zum Helden der Geschichte zu werden, sondern in einem Lied zu bleiben, in dem auch für andere genug Platz ist.

Als die Leute auseinandergehen, kommt Saiva zu ihm.

„Hat dich das nicht gekränkt?“

„Dass mein Name so spät erklungen ist?“

„Ja.“

„Mein ganzes Leben lang war an meiner Stelle im Lied nur Leere. Jetzt ist mein Platz unter lebenden Menschen. Was könnte ich mir noch wünschen?“

Sie lächelt müde.

„Das hat beinahe schön geklungen. Pass auf.“

„Ich werde versuchen, es rechtzeitig zu verderben.“

Am Feuer küssen sie sich nicht. Es gibt keinen Grund, der Menge eine fertige Zeile für ein neues Lied zu liefern.

Saiva nimmt einfach seine zerschnittene Hand, dreht sie um und legt ein Stück einer neuen Saite darauf, gedreht aus Pferdehaar und einer dünnen Sehne. Es stammt nicht von der Saite, die Brand zerschnitten hat, sondern von einer neuen.

„Bewahr sie auf, bis ich von den westlichen Gewässern zurückkomme.“

„Du kommst auch mit?“

„Irgendjemand muss hören, wie sie sich selbst nennen. Sonst glauben die Männer noch, jedes unbekannte Wort bedeute ‚Beute‘.“

Steinar schließt die Finger um die Saite.

„Dann komme ich mit dir.“

„Neben mir darfst du.“

Beim nächsten Morgengrauen bringt Eska ein neues Täfelchen mit einem frisch geschnitzten Zeichen zum Feuer. Sie fragt nicht um Erlaubnis, sondern fügt dem Lied einfach eine letzte, ungelenke und eigensinnige Zeile hinzu:

„Und jenseits des fernen Wassers steht eine eiserne Stadt. Man sagt, dort streicht man lebende Menschen nicht aus.“

Steinar sieht das Zeichen an.

Er weiß nicht, ob es Gunnwald ist. Er weiß auch nicht, ob die fremde Schnitzerei wirklich von einer Stadt erzählt, in der das Eisen den Lebenden dient und nicht den Liedern. Vielleicht ist es nur ein Gerücht, das dem Schiff vorausgeeilt ist.

Doch jetzt wissen sie das Wichtigste.

Die Welt endet nicht dort, wo dem Lied des Nordens die Worte ausgehen.

Und um zu überleben, muss ihr Lied an jedem neuen Ufer von Neuem sprechen lernen.

Im Reader öffnen