Saiva beginnt ohne Leier. Ohne Begleitung klingt ihre heisere Stimme freier: Jetzt kann Brand sie nicht mehr zum Schweigen bringen, indem er einfach die Saiten durchschneidet.
„Der Erste war ein Mann, dessen Namen man vor unserer Geburt gestohlen hat.“
Die Leute verstehen nicht sofort, wie sie diesen seltsamen Anfang wiederholen sollen. Der Erste ist kein Jarl, kein ältester Sohn, kein Sieger und nicht einmal ein ruhmreicher gefallener Krieger, sondern ein namenloser Ruderer.
Saiva erzählt schlicht von ihm.
„Er hat auf der untersten Bank gesessen und das Wasser besser gekannt als die stolzen Krieger. Er hat das Schiff von Hroalds Urgroßvater gerettet. Sein Name ist nicht bis zu uns gelangt, weil die Überlebenden sich vor ihrer eigenen Schuld gefürchtet haben.“
Modra legt den Bechersplitter in die Mitte des Kreises.
„Vorerst soll er der Erste Ruderer heißen“, sagt sie. „Nicht anstelle seines Namens, sondern bis wir den wahren finden.“
Brand zuckt nicht wegen der Schönheit des Namens zusammen. Der vorläufige Beiname gesteht den Verlust ehrlich ein und tut nicht so, als wäre die Lücke in der Erinnerung bereits gefüllt.
Saiva wendet sich dem grauen Totensegel zu, das nach der Ausbesserung beim Unterstand zusammengelegt worden ist. Der rote Faden an seinem Rand wirkt jetzt nicht mehr wie Ragneds Spott, sondern wie eine Botschaft der Toten.
„Ihr Leute vom Grauen Segel“, sagt Saiva. „Wir kennen eure Namen noch nicht, aber euer Tuch ist zurückgekehrt. Ihr habt darum gebeten, dass man euch am Wasser nennt und nicht auf das Wort ‚verschollen‘ reduziert. Bis wir eure wahren Namen finden, werden wir euch als jene in Erinnerung behalten, die vor uns aufgebrochen sind und darum gebeten haben, das Meer nicht als einzigen Zeugen zurückzulassen.“
Ragned wendet als Erster den Blick ab. Nicht aus Reue: Er selbst hat Steinar das Tuch zum Hohn hingeworfen, und nun werden die Toten genannt, noch bevor man ihn selbst preisen kann.
Saiva fährt fort:
„Asmund, Steinars Vetter, hat den Rand des Schildes gehalten und ist gefallen. Um ihn in Erinnerung zu behalten, muss man die Kinder, die aus der Scheune gerettet worden sind, nicht zum Schweigen zwingen.“
Steinar schließt die Augen.
Der Schmerz verschwindet nicht, und die neuen Worte rechtfertigen nicht alles, was geschehen ist. Doch zum ersten Mal wird die Erinnerung an Asmund nicht gegen die geretteten Kinder ausgespielt.
Nera sagt:
„Auli hat das Salz geschleppt.“
Saiva wiederholt:
„Auli hat das Salz geschleppt, während die ruhmreichen Krieger mit ihren Speeren in den Händen dagestanden haben.“
Farin erhebt die Stimme.
„Farin hat das Ruder gehalten und die Strömung gesehen.“
Saiva wiederholt seine Worte, ohne etwas hinzuzufügen.
„Farin hat das Ruder gehalten und die Strömung gesehen.“
Borri schlägt mit der Faust auf das Brett.
„Borri hat gehört, dass der Kiel nichts taugt.“
„Borri hat den Kiel knacken hören und das Schiff trotzdem bis ans Ufer gebracht.“
Eska hebt die neue Schnitzerei hoch.
„Eska hat die Hand gesehen.“
„Eska hat das Zeichen einer Hand erkannt, wo die Erwachsenen nur Holz gesehen haben.“
Ingvi mit dem schwarzen Zahn räuspert sich:
„Ingvi ist nicht ertrunken, weil Lagga ihn an den Haaren festgehalten hat.“
Lagga schnaubt unter Tränen.
„Lagga hat Ingvi an den Haaren festgehalten, weil es bei ihm sonst nichts zum Festhalten gab.“
Die Leute lachen.
Das Lachen verdirbt das Lied nicht, sondern macht es lebendig.
Harek, noch immer bleich, sagt:
„Harek hat das geschnitzte Brettchen unter einem Fell versteckt.“
Auch das wiederholt Saiva.
Skardi mit dem erfrorenen Ohr steht lange da, als wäre das Lied ein Wasser, in das er sich nicht hineinwagt.
Dann sagt er:
„Skardi hat die Mauer gehalten und gemeint, man müsse kein fremdes Maul stopfen.“
Niemand lacht.
Saiva wiederholt:
„Skardi hat die Mauer gehalten, am Maß gestritten und Farin das Brot trotzdem nicht weggenommen.“
Farin dreht den Kopf zu ihm.
Skardi entschuldigt sich nicht – solche Menschen können das nur selten. Er nickt nur kurz und erkennt damit keine Freundschaft an, sondern dass Farin recht hat.
Aus Ragneds Reihen tritt derselbe junge Schildträger mit dem Getreidestaub auf dem Ärmel hervor.
Ragned wirft ihm einen scharfen Blick zu, doch der junge Mann sagt bereits:
„Ich habe Getreide gebracht und gedacht, ich würde euch ernähren. Und heute Morgen habe ich euren Fisch gegessen.“
Saiva nimmt auch das auf:
„Er hat Getreide von jenseits des Meeres gebracht und am Morgen Fisch gegessen, den man hier im Winter gefangen hat. Jetzt stehen beide Seiten in der Schuld.“
Da tritt der Mann mit dem krummen Daumen hinter Ragneds Leuten hervor.
Jetzt sehen alle seine Hand.
„Ich heiße Turi“, sagt er. „Ich habe die Schlaufe am Becher durchgeschnitten.“
Ketil zischt:
„Schweig.“
Turi sieht ihn nicht an.
„Ich dachte, ich schneide nur einen Riemen durch. Dann habe ich begriffen: Ich wollte, dass der Skalde für meine Tat geradesteht. Was geschehen ist, lässt sich nicht wiedergutmachen. Aber jetzt weiß man wenigstens, wessen Hände schmutzig sind.“
Saiva wiederholt:
„Turi hat die Schlaufe am Becher durchgeschnitten und es selbst gestanden. Jetzt lässt sich der Diebstahl nicht mehr hinter dem Wort ‚gefunden‘ verstecken.“
Brand steht reglos da.
Doch Steinar sieht, wie sich seine Finger von der gerissenen Saite lösen.
Das Lied lässt nicht die einen Menschen hinter den anderen verschwinden. Es verbindet sie wie ein Netz.
Da begreift Steinar, warum die Erinnerung an sein früheres Leben ihn bis heute nicht losgelassen hat. Dort hat man die Namen der Menschen in Listen eingetragen, doch die Listen haben nichts über die Menschen selbst erzählt. Hier ist die Liste der Namen zu einem Lied geworden, ohne die Wahrheit zu beschönigen. Wenn darin ein Mensch genannt wird, dann auch seine Tat – ob gut oder schlecht.
In diesem Lied ist Platz für das Derbe, das Lächerliche und das Bittere. Es verspricht nicht allen denselben Ruhm, sondern merkt sich, wer was getan hat und wer es gesehen hat. Wer das Feuer am Brennen gehalten hat. Wer das Salz geteilt hat. Wer gestohlen und es später zurückgegeben hat. Wer Angst bekommen hat. Wer nicht fortgegangen ist. Wer zugegeben hat, dass er im Unrecht war.
Steinar wartet darauf, dass Saiva Brand nennt.
Sie nennt ihn.
„Brand, der Liedschneider, hat die alte Weise bewahrt und uns geholfen, diesen Tag zu erleben. Doch er hat alles Überflüssige so sorgfältig aus den Liedern geschnitten, dass wir gesehen haben, wie viele lebende Menschen jenseits ihrer Ränder geblieben sind.“
Die Leute erstarren.
Brand hebt den Kopf.
Steinar begreift: Das ist wichtiger als jeder siegreiche Schlag. Brand wird nicht aus dem Lied gestrichen, und man behandelt ihn nicht so, wie er andere behandelt hat. Man nennt, was er bewahrt hat, und auch, woran er schuldig ist.
Endlich wendet Saiva sich Steinar zu.
„Steinar, der Leere Becher, ist einmal geflohen und hat dafür mit seinem Namen bezahlt. Deshalb ist er geblieben, als neues Unheil gekommen ist, und hat den Menschen geholfen, den Winter zu überleben. In diesem Lied steht er nicht an erster Stelle und ist gerade deshalb würdig, darin zu bleiben.“
Steinar schnürt es die Kehle zu. Ragned beschließt, an seiner Stelle zu antworten.
Er zieht sein Schwert.
„Genug!“
Die alte Klinge gleitet mühelos aus der Scheide. Der Stahl klingt so, wie man es in Kriegerliedern gern beschreibt.
„Wer mir folgt, stellt sich neben mich! Wer den Leeren Becher gewählt hat, soll sich mir gegenüberstellen und für sein leeres Lied sterben!“
Er wartet darauf, dass sich jemand bewegt.
Die Krieger des alten Nordens sehen Brand an.
Brand sieht auf den Bechersplitter.
Steinars Leute rühren sich nicht vom Fleck.
Farin rührt sich nicht.
Eska rührt sich nicht.
Nera hebt das hölzerne Maß, mit dem sie den ganzen Winter das Essen verteilt hat.
Borri legt die Hand auf das Brett der Schiffsanteile.
Saiva unterbricht das Lied nicht.
Ragneds Schwert ist weder kürzer noch stumpfer geworden. Nur steht zum ersten Mal niemand neben ihm, der bereit ist, es als Gesetz anzuerkennen.
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