Unsere Werkstatt liegt an der Stirnseite eines fünfstöckigen Wohnblocks, der Eingang geht zum Hof, das Schild hängt seit neunundachtzig und ist von Hand geschrieben. Die Buchstaben sind ungleichmäßig verblasst: „Reparatur“ ist noch blau, „Schuhe“ fast weiß. Igor sagt jedes Frühjahr, man müsse ein neues bestellen, und jeden Herbst stellt sich heraus, dass das Geld für anderes draufgegangen ist.
Wir arbeiten von neun bis sieben, Mittag nach Lage, sonntags geschlossen. Morgens kommen die, die zur Arbeit müssen, abends die, die von der Arbeit kommen, und tagsüber ist oft niemand da; in diesen Stunden schaffe ich es, die Regale durchzusehen, die Vergesslichen abzutelefonieren und mit einem Tee dazusitzen und zuzuschauen, wie im Hof der Brotwagen entladen wird.
Am Mittwoch kam kurz vor Ladenschluss eine Frau wegen ihrer Stiefel.
Ich fand das Paar nach der Nummer und stellte es auf den Tresen; sie besah die neue Hinterkappe, befühlte sie von innen mit dem Finger, war zufrieden, zählte das Geld passend ab und ging nicht.
So stehen Leute da, wenn sie etwas sagen wollen, wofür ihnen der Anlass fehlt. Ich wartete. Hinter der Trennwand schaltete Igor die Maschine aus, und in der Werkstatt war zu hören, wie im Hof das Tor aufgemacht wurde.
„Ich komme nicht wegen der Schuhe“, sagte sie schließlich und holte einen Kompass aus der Tasche.
Aus Messing, handtellergroß, mit angelaufenem Deckel. Sie legte ihn auf den Tresen zwischen uns, nahm aber die Hand nicht weg, sodass das Ding niemandem gehörte.
„Er lag in der Manteltasche. Den Mantel habe ich seit Donnerstag nicht angehabt, der ist für besondere Anlässe.“
Am Donnerstag hatte sie eben diese Stiefel gebracht. Die Hinterkappe war von innen durchgetreten, so etwas haben Leute, die viel gehen und den Fuß dabei leicht nach innen setzen, und ich fragte damals, ob sie es weit zur Arbeit habe. Sie sagte, zwei Busse, weil die Direktlinie schon im vorletzten Jahr gestrichen worden sei. Ich fragte, warum nicht mit der Straßenbahn. Sie antwortete, die fahre woandershin. Ich sagte, sie fahre genau dorthin, nur auf der anderen Seite des Flusses, und sie verstummte mitten im nächsten Satz und schwieg die ganze Zeit, während Igor die Quittung ausschrieb und erklärte, die Hinterkappe müsse neu, und das seien zwei Tage.
Jetzt stand sie da und wartete, was ich zu dem Kompass sagen würde.
Ich nahm ihn und drehte ihn zum Fenster. Das Glas war fein und dicht zerkratzt, wie jedes Ding zerkratzt wird, das man zusammen mit den Schlüsseln trägt, das Messing war dort dunkel, wo es von Händen dunkel wird, und mehr fand sich an ihm nicht: keine Gravur, keine Daumenmulde am Deckel, keine Spur eines gewohnten Griffs.
Ein altes Ding, das ganz und gar niemandem gehörte.
„Die Nadel dreht sich“, sagte die Frau und verfolgte meine Hände so aufmerksam, als könnte ich mit dem Kompass irgendetwas anstellen. „Sie dreht sich die ganze Zeit, ich habe zu Hause zweimal nachgesehen.“
„Hier ist der Tresen aus Eisen.“ Ich legte den Kompass in die Mitte des Tresens und nahm die Hände weg. „Er gehört Ihnen, ich habe damit nichts zu tun.“
„Ich habe ihn nicht gekauft.“
„Das habe ich verstanden.“
Sie sah mich aufmerksam und ohne jede Sympathie an, wie man jemanden ansieht, der sich weigert, einen Auftrag anzunehmen.
„Warum ist er dann nach dem Gespräch mit Ihnen aufgetaucht?“
Ich sagte, was ich immer sage.
„Sie sind zwei Jahre lang mit zwei Bussen gefahren“, sagte ich, „und haben kein einziges Mal auf den Stadtplan geschaut. Der Kompass hat damit nichts zu tun.“
„Und was dann?“
„Der Plan. Sie haben ihn im Handy.“
Sie überlegte. Dann nahm sie den Kompass, wog ihn auf der Handfläche und steckte ihn mit der Bewegung ein, mit der man Dokumente einsteckt, nicht Krimskrams.
„Mein Sohn wohnt in Saretschje“, sagte sie schon an der Tür. „Zu ihm fahre ich auch mit zwei Bussen.“
Unsere Tür ist schwergängig, mit einem Schließer, den Igor seit vier Monaten einstellen will, deshalb gehen alle langsamer von uns weg, als sie vorhatten. Durch die Scheibe war zu sehen, wie die Frau auf der Vortreppe stehen blieb und das Handy herausholte. Sie schaute lange auf den Plan, spreizte zweimal die Finger und sah sich einmal nach der Tür um.
Dann ging sie, aber nicht zur Haltestelle.
Ich schloss die Kasse ab, zählte die Einnahmen, trug sie ins Heft ein, spülte zwei Tassen und stellte die Schuhe aufs Fensterbrett, die schon im September hätten abgeholt werden müssen und nach denen keiner mehr kommt.
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