Sie schlagen auf mich ein, als wäre ich Ware: ohne Wut, ohne Eile, als würden sie nur den Preis prüfen.
Brutus’ Tritt fegt mich von den Beinen. Mein Rücken kracht gegen die Mauer am Ende der Gasse, und der Schmerz nimmt mir für ein paar Sekunden die Stimme. Regen läuft mir übers Gesicht, vermischt sich mit dem Blut und spült es in den Rinnstein. Der Donner über den Dächern verschluckt die Stadt, doch ich höre immer noch die langsamen Schritte des Eintreibers in den Pfützen.
Brutus rastet bei der Arbeit nicht gern aus. Erst bricht er dir etwas, das du nicht unbedingt brauchst. Dann nennt er die Summe, und bevor er geht, erklärt er, was dich das nächste Treffen kostet. Den Ablauf kenne ich seit meiner Kindheit. Heute ist er nicht gekommen, um mich an die Schulden zu erinnern.
Heute Morgen hat die ganze Akademie mitbekommen, wie ich mich blamiert habe.
In Skyfall City entscheidet die erweckte Bestie eines Menschen über sein Schicksal. Reiche Familien züchten Drachen und Kampfgeister, Gilden teilen die Wildlande unter sich auf, und die Akademie bringt Kindern bei, Wesen zu befehligen, die mit einem Atemzug ein Haus niederbrennen können. Eine mächtige Bestie öffnet dir jede Tür. Eine schwache hält dich dort fest, wo du herkommst.
Von meinem früheren Leben sind mir nur Bruchstücke geblieben. Ich erinnere mich an eine Welt ohne erweckte Bestien. Deshalb steht für mich bis zur Zeremonie fest: Mein zweites Leben muss wiedergutmachen, was im ersten schiefgelaufen ist. Stattdessen bekomme ich die nördlichen Slums, drei Millionen Schulden meiner Eltern und ein graues Steinei, das eine halbe Stunde auf dem Altar liegt, ohne ein einziges Lebenszeichen von sich zu geben.
Das Ei nennen sie eine Totgeburt. Mich einen Schüler ohne Zukunft.
Brutus drückt mein Handgelenk mit dem Absatz in den Boden.
„Na, großer Tag heute, Rex? Kein Geld. Keine Bestie. Und selbst als Pfand bist du weniger wert als meine Stiefel.“
Hinter ihm scharrt ein Eisenzahneber mit den Hufen. Die Bestie vom D-Rang ist so groß wie ein Karren, und Messer hinterlassen auf ihrer Haut nur weiße Kratzer. Der Eber wartet auf einen Befehl. Sein Herr überlegt, welcher Hauer sich unter meine Rippen bohren soll.
„Ich nehme dich Stück für Stück auseinander“, fährt Brutus fort. „Vielleicht hole ich so wenigstens die Zinsen wieder rein.“
Ich starre auf seine Kehle und merke mir die Stelle unter dem Kiefer. Eine ziemlich nutzlose Angewohnheit: nach einer Schwachstelle suchen, wenn man nichts zum Zuschlagen hat.
Brutus bemerkt meinen Blick und hebt den Metallschläger.
Ich reiße den Kopf zur Seite. Die Kante schlitzt mir die Braue auf, und warmes Blut fällt auf die graue Schale. Das Ei rutscht mir unter der Jacke hervor und landet im Schlamm.
Das Blut läuft nicht ab. Der Stein saugt jeden Tropfen auf.
Durch mein schwindendes Bewusstsein dringt eine gleichförmige Stimme:
„Kompatibilität bestätigt. Leben des Trägers bedroht. Zwangserweckung freigegeben.“
Die Schale bricht auf. Kein Licht. Kein Donner. Ein schwarz-rotes Wesen, kaum größer als ein Fingernagel, zwängt sich aus dem schmalen Spalt, lässt die hauchdünnen Flügel zittern und bleibt in der Luft stehen.
Eine Mücke.
Der Eber stürmt schon auf mich zu. Für einen Befehl bleibt keine Zeit. Ich will nur, dass er stehen bleibt.
Der rote Punkt schießt der Bestie entgegen. Er prallt nicht gegen die gepanzerte Stirn, sondern umfliegt den Hauer, rast an der Schnauze entlang und verschwindet im Ohr.
Der Eber stockt mitten im Lauf. Aus der Wut in seinen Augen wird pure Panik. Er wirft den Kopf hin und her, rammt die Mauer und stürzt in den Schlamm. Schwarzes Blut quillt aus seinem Maul.
Brutus spürt den Tod seiner Bestie durch die Bindung und taumelt zurück.
„Was ist das für eine Waffe?“
Die Mücke kommt aus dem Gehörgang geflogen und setzt sich auf meinen Finger. Ihr Hinterleib glüht dunkelrot, und ihre dünnen Beine wärmen überraschend meine Haut.
„Styx“, sage ich, ohne zu wissen, woher der Name plötzlich kommt. „Sie heißt Styx.“
Zwei Zeilen blitzen vor meinen Augen auf: Rüstungsdurchdringung und tödliches Gift. Die Systemstimme bietet mir an, die Jagd fortzusetzen.
Brutus stürzt mit dem Schläger auf mich los. Styx schießt von meinem Finger hoch.
Der Arm des Eintreibers bleibt über meinem Kopf stehen. Erst spürt er Kälte an der Kehle, dann gehorchen ihm die Beine nicht mehr. Der Schläger scheppert auf die Steine. Sekunden später liegt Brutus neben seiner Bestie und ringt nach Luft.
Ich könnte Styx aufhalten.
Tue ich nicht.
Der Körper des Eintreibers verdorrt unter der Kleidung, als würde Styx ihm nicht nur das Blut, sondern auch die Jahre aussaugen. Das System vergibt mit derselben kalten Stimme zehn Punkte für den Menschen und fünfzig für den Eber.
Mit seinem letzten Herzschlag schießt mir ein fremder Erinnerungsfetzen durch den Kopf: Brutus’ Hand blättert durch ein Schuldenbuch, sein Fingernagel fährt über die Zeile mit meinem Nachnamen, und darunter prangt das rote Siegel der Familie Li.
Die Erinnerung verschwindet so schnell, dass ich glaube, ich habe sie mir eingebildet.
Ich durchsuche Brutus, stille meine Blutung mit seinem eigenen Pulver und nehme das Geld. Styx kehrt auf meinen Finger zurück. Jetzt könnte sie auch mich töten, doch sie putzt seelenruhig ihren Stechrüssel, während ich zu begreifen versuche, was gerade passiert ist.
Der Tod des Ebers fühlt sich einfach an: Die feindliche Bindung reißt ab, dann kommt der Hunger, und das System nennt die Belohnung. Bei Brutus ist es anders. In meinem Kopf stecken Bewegungen, die ich nie ausgeführt habe. Ich weiß, in welcher Tasche er den Schlüssel zum Schuldenbüro getragen hat, obwohl ich nicht gesehen habe, wie er ihn dort verstaut. Ich erinnere mich an den Geruch billigen Tabaks in einem Zimmer, das ich nie betreten habe. Auf meiner Zunge liegt der Geschmack seiner Angst vor dem Mann mit dem Siegelring der Familie Li.
Der Schlüssel fällt mir aus der Hand.
Styx dreht den Kopf. An ihr ist weder Reue noch Freude zu erkennen. Sie ist einfach nur satt und wartet auf meine nächste Bewegung.
In diesem Moment macht mir zum ersten Mal nicht ihr Gift Angst, sondern wie einfach das System aus einem Mord eine Belohnung macht. Aber außerhalb dieser Sackgasse kann man einen schwachen Menschen tatsächlich in Einzelteilen verkaufen. Ich lasse mich nicht wieder in meine alte Lage zurückdrängen, nur damit mein Gewissen sauber bleibt. Brutus würde mir weder das Gewissen noch die Zeit lassen.
Ich halte die andere Hand über Styx. In die Sackgasse fällt kaum noch Regen. Vor dem Wasser verstecke ich sie nicht.
An diesem Tag denke ich noch: Styx nimmt mir keiner weg.
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