Vor den Toren der Skyfall-Akademie stehen die Hovercars der reichen Familien. Die Schüler vergleichen ihre erweckten Bestien und tun so, als würden sie den Dreck auf meiner Uniform nicht sehen.
Lenny sieht ihn.
Er dient Leon Li schon seit der Zeit vor der Akademie. Jede Schwäche eines anderen ist für ihn eine Gelegenheit, alle daran zu erinnern, wie nah er dem Erben steht. Neben ihm hockt ein Zerstöreraffe vom C-Rang: breite Schultern, Metallpanzer auf der Brust, Arme fast bis zum Boden.
„Rex Wang ist also doch gekommen“, sagt Lenny. „Ich dachte, nach der Nummer mit dem toten Ei bewirbst du dich direkt als Putze.“
Er redet laut, damit die Schüler am Tor ihn hören. Ein paar bleiben stehen.
Styx bewegt sich unter meinem Kragen.
Ich berühre den Stoff mit zwei Fingern. Sie hält still.
„Zeigst du uns dein Tierchen, oder hast du Angst, dass der Wind es wegpustet?“ Lenny greift nach meiner Brust.
Der Affe beugt sich zu mir und fletscht die Zähne. Styx könnte ihm durch ein Auge oder ein Ohr ins Hirn fliegen, noch bevor die Bestie die Faust hebt. Seit Brutus weiß ich noch etwas: Mit dem Tod kann auch ein Teil des Getöteten in mich übergehen.
Ich weiche zurück.
Lenny hält das für Angst und lacht. Er hat keine Ahnung, wie nah er seinem eigenen Tod gerade kommt.
Der Kampfrichter am Tor verlangt, dass die Teilnehmer ins Trainingsjagdgebiet gelassen werden. Lenny zieht die Hand zurück, verspricht mir aber ein Wiedersehen in der Hauptarena.
Hinter dem Zaun beginnt der Wald, in dem die Akademie schwache Bestien für die erste Prüfung aussetzt. Die Schüler verteilen sich mit ihren Begleitern auf die Pfade. Ich warte, bis der Lärm leiser wird, und lasse Styx frei.
Unsere erste Beute ist eine Grasratte. Die Mücke sticht unter dem Kiefer zu, und das Tier stirbt, bevor es auch nur quieken kann. Das System zeigt wieder Punkte an. Diesmal folgt darauf kein fremdes Bild, sondern Hunger.
Er kommt so deutlich durch die Bindung, als würde sich mein eigener Magen zusammenziehen.
Wir jagen ein paar Minuten weiter. Styx wird schneller, aber der Hunger bleibt. Nach der nächsten Beute meldet die Stimme, dass eine Teilung verfügbar ist.
Auf Styx’ Rücken öffnet sich ein roter Riss. Eine zweite Mücke kriecht heraus, dann eine dritte. Sie sind kleiner und blasser, fast durchsichtig.
Die Neugeborenen können noch nicht jagen. Sie setzen sich auf den Kadaver der Ratte und beginnen zu trinken. Ihre Hinterleiber werden dunkler, die Flügel kräftiger. Wenige Minuten später schweben die ersten Soldaten neben Styx.
Beim nächsten Ziel geht die erste Brut beinahe drauf. Eine Steinechse presst den Bauch auf den Boden und schützt damit jede weiche Stelle. Die Soldaten prallen planlos gegen ihre Schuppen, während ich versuche, jede Mücke einzeln zu lenken. Styx fliegt zur Seite und schickt mir ein kurzes Bild: nicht Dutzende einzelner Punkte, sondern ein einziger Ring.
Ich sammle die Mücken über dem Kopf der Echse. Sie stoßen gleichzeitig nach unten und zwingen das Tier, die Wolke im Blick zu behalten. Währenddessen kriecht Styx unter den Schwanz, wo die Panzerplatten auseinandergehen.
So entsteht die erste Regel des Schwarms. Ich muss nicht durch die Augen jeder einzelnen Mücke sehen. Es reicht, den nächsten ein Ziel zu geben. Die anderen machen die Bewegung nach.
Mit jeder Jagd funktioniert die Regel besser. Einige Soldaten lenken ab, andere suchen eine Lücke, wieder andere bleiben beim Kadaver und tragen Blut zu den neuen Gelegen. Das System zeigt, wie die Zahl wächst. Aber hinter dieser Zahl stecken längst verschiedene Aufgaben. Einen verlorenen Späher ersetzt man nicht einfach durch einen schweren Soldaten, nur weil beide eine Zeile belegen.
Das System bietet exakte Zahlen an. Nach dem ersten Hundert höre ich nicht mehr hin. Etwas anderes ist viel wichtiger: Jede neue Mücke braucht Blut und Fleisch. Wenn der Schwarm hungrig bleibt, verschwindet er nicht. Er sucht sich selbst etwas zu fressen.
Ich führe die Brut tiefer in den Wald und suche Bestien aus, die keine Zeit haben werden, Alarm zu schlagen.
Hinter einem umgestürzten Baum knacken Äste.
Lily Lin bricht aus dem Gebüsch. Ihre Uniform ist an der Schulter zerrissen, das Gesicht voller Dreck. Auf ihren Armen liegt der kleine Lichtgeist, mit dem sie eine Bindung eingegangen ist. Sein Leuchten geht langsam aus.
Lily sieht den Schwarm und bleibt stehen.
„Das ist deine tote Bestie?“
Dreißig Meter hinter ihr bricht ein Panzernashorn junge Bäume um. Schwarzer Rauch liegt auf seinem Horn. Die Bestie hat Lilys Geist niedergetrampelt und folgt jetzt dem Geruch von Blut.
Sie könnte mich bei den Lehrern melden. Sie könnte Lenny oder Leon alles erzählen. Das System markiert sie schon als mögliches menschliches Ziel.
Styx wartet nicht auf einen Befehl. Sie fliegt vor mein Gesicht und dreht sich dann zum Nashorn.
Sie entscheidet sich für die Bedrohung.
„Wenn wir hier rauskommen, erzählst du keinem, was du gesehen hast“, sage ich.
Lily schaut auf die dunkle Wolke um mich herum, dann auf den sterbenden Geist.
„Bring uns hier raus, dann vergesse ich sogar deinen Namen.“
Lily versucht, den Lichtgeist hochzuheben. Das Wesen flackert und erlischt fast ganz.
„Lass ihn hinter dem Felsen“, sage ich.
„Er ist keine Sache.“
„Wenn du ihn trägst, folgt das Nashorn seiner Energie.“
Lily drückt den Geist an sich. Für eine Diskussion bleibt keine Zeit. Sie zieht ihren Uniformmantel aus, wickelt das Wesen darin ein und versteckt es zwischen den Wurzeln. Eine Seite des Stoffs lässt sie offen.
„Ich komme zurück“, sagt sie zu dem Geist, nicht zu mir.
Das Nashorn senkt den Kopf.
Ich schicke Lily zu dem schmalen Durchgang zwischen den Felsen. Sie diskutiert nicht. Der Schwarm zieht sich flach über dem Boden auseinander, Styx steigt höher als die anderen.
Ich muss die Panzerung der Bestie nicht sofort durchbrechen. Zuerst muss ich sie dazu bringen, das falsche Ziel zu wählen.
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