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REX WANG UND STYX

Kapitel 43. Das Tor

Das weiße Netz zieht Styx und mich gleichzeitig hinein.

Ich erwarte Dunkelheit, Systemmeldungen oder Kanes Stimme. Stattdessen spüre ich kalten Stein unter meinen Händen. Über mir heult eine Sirene, hinter der Stadtmauer bewegt sich eine Herde.

Skyfall City ist kaum halb so groß. Es gibt keine Akademietürme, keine nördlichen Slums und keinen Platz vor der Gilde. Hinter dem neuen Tor drängen sich Holzhäuser aneinander. Auf der Mauer arbeiten Menschen ohne Familienabzeichen.

Ich sehe von unten zu ihnen hoch.

Meine Hände sind die eines Kindes.

„Mama!“, schreit eine fremde Stimme aus meiner Kehle.

Am äußeren Tor steht eine Frau in grauer Uniform. Neben ihr knurrt ein Kampfbär. Schutzzeichen glühen in seinem Fell, doch er weicht vor dem Feuer zurück, das durch das trockene Gras kriecht.

Sein Bändiger zieht an der Verbindung und zwingt den Bären, vor die Mauer zu gehen und die Herde aufzuhalten. Die Bestie stemmt ihre Pranken gegen den Stein. Jeder Befehl schmerzt in ihrem Körper und in meinen kindlichen Schläfen.

Ich sehe durch die Augen des zehnjährigen Kane.

Er steht an der Treppe und sieht, wie seine Mutter versucht, das Tor von Hand zu senken. Sie braucht nur ein paar Sekunden. Der Bär könnte sie ihr verschaffen, aber statt hinauszulaufen, dreht er um und rennt in die Stadt.

Die Herde folgt ihm.

An der Treppe werden Menschen niedergetrampelt. Die Dächer fangen Feuer. Kanes Mutter verschwindet unter einem herabstürzenden Balken. Der Junge ruft so lange nach ihr, bis seine Lunge voller Rauch ist.

Ich versuche, aus der Erinnerung auszusteigen. Der Stein unter meinen Fingern hält mich fest.

Der erwachsene Kane steht neben mir, sauber und ruhig mitten im Feuer.

„Den Preis des Ungehorsams habe ich mir nicht ausgedacht, Rex. Ich habe ihn mir gemerkt.“

Der Schrecken des Kindes ist noch immer in mir. Es ist schwerer, mit ihm zu streiten als mit dem Patriarchen auf dem Platz. Der Junge hat wirklich gesehen, wie eine verängstigte Bestie dem Tod den Weg geöffnet hat.

„Du hättest dem Bären befehlen können, hinauszugehen“, sagt Kane. „Ein Befehl, ein Opfer, und Hunderte Menschen hätten die Nacht überlebt.“

Die Erinnerung verändert sich bereitwillig. Der Bär wehrt sich nicht mehr, läuft durchs Tor und fängt den ersten Angriff ab. Der Mechanismus schließt rechtzeitig. Kanes Mutter kommt von der Mauer herunter und umarmt ihren Sohn.

Die Krone hält beide Versionen nebeneinander.

In der einen stirbt die Bestie.

In der anderen sterben die Menschen.

„Entscheide dich“, sagt Kane.

Styx ist irgendwo in der Nähe, aber ich kann sie nicht sehen. Durch unsere Verbindung kommt der Geruch von verbranntem Fell. Dann ein scharfer metallischer Geschmack.

Kein Blut. Ein Siegel.

Ich sehe den Bären noch einmal an. Unter den Schutzzeichen schimmert eine dünne weiße Linie. Sie kommt nicht vom Bändiger, sondern verschwindet im Boden unter dem Tor.

Die Bestie hat nicht einfach nur Angst. Jemand außerhalb der Stadt zieht sie bereits hinein.

Ich versuche, dem Jungen die Linie zu zeigen. Die Krone antwortet mit Schmerz. Sofort springt die Erinnerung zurück in ihre bequeme Fassung: Der Bär flieht, die Mutter stirbt, Freiheit wird zur Katastrophe.

Styx findet den weißen Faden und beißt hinein.

Für einen Moment sehe ich eine andere Szene. Der Bändiger ruft nicht „Vorwärts!“, sondern „Bleib stehen!“. Der Bär bricht sich die Krallen am Stein ab, weil er sich gegen einen fremden Befehl stemmt. Am Fuß der Mauer steht ein Mann mit dem Siegel der frühen Gilde.

Auch Kane sieht ihn.

Sein Gesicht verändert sich.

„Das ist nie passiert.“

Die Antwort kommt zu schnell.

Die Krone erfindet keine falsche Erinnerung aus dem Nichts. Seit Jahrzehnten zeigt sie Kane immer wieder denselben Ausschnitt und schneidet dabei das Detail heraus, das seiner Schlussfolgerung widerspricht. Er hat sein Leben um eine Wunde gebaut, die schon vor ihm jemand benutzt hat.

Styx erscheint auf meiner Schulter. Ihre Flügel zittern im weißen Feuer.

„Fremd“, sagt sie.

Kane tritt zum Bären und bedeckt die Linie mit seiner Hand.

„Selbst wenn der Befehl von außen gekommen ist, hat fehlende Kontrolle das Tor geöffnet.“

Er gibt seine Überzeugung nicht auf. Er baut sie nur schneller um, als ich erwartet habe.

Die Mauer brennt wieder. Diesmal erscheinen im Feuer die Gesichter von Menschen aus der heutigen Stadt: das Mädchen mit dem kranken Herzen, die Arbeiter aus der Färberei, die Schüler der Akademie. Kane zwingt mich zuzusehen, wie sie nach dem Bruch der Verbindungen sterben.

„Du hast ihre Zustimmung verlangt“, sagt er. „Aber für die Folgen zahlen auch die, die niemand gefragt hat.“

Ich finde keine fertige Antwort.

Das weiße Netz spürt meinen Zweifel und zieht uns tiefer hinein.

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