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REX WANG UND STYX

Kapitel 44. Das Haus

Der Geruch von Rauch weicht dem Geruch von Brot.

Ich stehe in einem Haus am Stadtrand. Vor dem Fenster rauscht ganz gewöhnlicher Regen. Auf dem Tisch liegt ein Schuldschein mit erloschenem Siegel. Mein Vater sitzt im Licht der Lampe und repariert einen Riemen, meine Mutter schneidet Äpfel.

Ich weiß, dass es eine Falle ist.

Das Wissen hilft nicht.

In meiner Erinnerung existieren meine Eltern nur in Bruchstücken: Hände und Stimmen aus Laboraufzeichnungen, Unterschriften im Schuldenarchiv. Die Krone hat daraus Menschen zusammengesetzt, die sich bewegen, atmen und meinen Namen kennen.

Meine Mutter sieht das Blut an meinem Ärmel.

„Schon wieder allein losgezogen?“

Sie holt ein Stück Stoff und verbindet die Wunde. Ihre Berührung ist warm. Ich weiß nicht mehr, wie meine Mutter mich im echten Leben berührt hat. Also kann ich den Fehler nicht finden.

Mein Vater fragt nach dem Unterricht an der Akademie. Auf dem Regal stehen Auszeichnungen. Hinter dem Haus warten die Kapitäne des Schwarms, aber niemand hat Hunger. Die Familie Li hat ihre Macht verloren, Lenny macht einen Bogen um diese Straße und Kane steht vor Gericht.

Alles, wofür ich gekämpft habe, ist bereits passiert.

Styx sitzt in einem Glaskasten am Fenster. Ihre Flügel sind größer, ihre Rüstung glänzt und um sie herum liegen offene Röhrchen voller Blut. Die Tür ist zu, aber im Inneren hat sie genug Platz zum Fliegen.

„Warum ist sie da drin?“, frage ich.

Mein Vater sieht nicht auf.

„So ist es sicherer.“

„Für wen?“

Meine Mutter zieht den Verband fest.

„Für alle. Ihr fehlt nichts, und sie wird dich nie verlassen.“

In diesen Worten steckt keine Drohung. Gerade deshalb sind sie gefährlicher als jeder Befehl von Kane.

Ich gehe zum Kasten. Styx folgt meinen Fingern mit dem Blick, sendet aber weder Hunger noch Ärger noch ein Bild. Zwischen uns besteht eine perfekte Verbindung ohne einen einzigen Widerspruch.

Auf meiner Hand leuchtet das Siegel eines Besitzers.

Ich muss es nur berühren und weiß, wo sich jede Brut befindet. Ich kann die Stadttore öffnen, Leons Drachen anhalten, die Schulden jeder beliebigen Familie löschen. Niemand könnte meine Beute je wieder einem anderen Menschen zuschieben und das dann Gesetz nennen.

Kane hat nicht gelogen. Die Krone könnte mich tatsächlich unangreifbar für jede Demütigung machen, die ich früher erlebt habe.

Ich öffne die Tür des Kastens.

Die falsche Styx fliegt nicht hinaus.

„Du darfst“, sage ich.

Sie bleibt, wo sie ist.

Durch unsere Verbindung sticht mir die echte Styx in die Schulter. Der Schmerz läuft durch das ganze Haus. Für einen Moment werden die Wände durchsichtig. Dahinter verlaufen weiße Fäden.

Ich sehe meine Mutter wieder an.

„Was hast du dem Mitarbeiter im Tierheim in deinem letzten Brief geschrieben?“

Sie lächelt, antwortet aber nicht.

Die Krone kennt nur die Aufzeichnungen, die Kane stehlen konnte. Den letzten Brief hat sie nicht.

„Du bist nicht meine Mutter.“

Die Frau hält meinen Arm weiter fest.

„Und wenn ich genau das sage, was sie gesagt hätte? Reicht das nicht?“

Ich will Ja sagen. Nur einen einzigen Abend in einem Haus verbringen, in dem meine Eltern nicht zu einem fremden Archiv geworden sind.

Styx berührt wieder unsere Verbindung. Diesmal schickt sie das Bild eines grauen Eis und einer offenen Tür. Keine Bitte, die Illusion zu zerstören. Nur die Erinnerung daran, dass es einen Ausgang gibt.

Ich öffne den Deckel des Kastens ganz.

Das Haus beginnt zu zerfallen. Mein Vater verschwindet zuerst. Meine Mutter hält mein Handgelenk noch ein paar Sekunden lang fest.

„Du wirst wieder allein sein.“

„Nein.“

Ich sehe Styx an.

„Aber sie kann gehen.“

Der Kasten bekommt Risse. Die falsche Styx fliegt hinaus und löst sich in der echten auf.

Mit ihr kommt ein kurzer Ausschnitt aus einer Aufzeichnung. Meine Mutter hält einem Mann in Tierheimuniform das graue Ei hin.

„Sagen Sie dem Jungen nicht, von wem es ist. Wenn das Ei nicht auf ihn reagiert, suchen Sie ihm ein anderes Zuhause. Er soll sich nicht aus Pflichtgefühl uns gegenüber entscheiden.“

Die Aufzeichnung bricht ab. Keine Anleitung zum Sieg. Keine geheime Bestimmung. Kein fertiger Vertrag.

Meine Eltern haben mir keine Waffe hinterlassen.

Sie haben mir die Möglichkeit gelassen, einfach vorbeizugehen.

Die Krone hat mir das Haus genommen. Aber sie konnte aus meiner zufälligen Begegnung mit Styx kein vorbestimmtes Schicksal machen.

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