ОттискOriginalromane
MEIN NOTIZBUCH GEHÖRT MIR

Kapitel 1. Die abgesagte Stunde

Das Erste, was ich nach meinem Tod tat: Ich sagte eine Nachhilfestunde ab.

Um 16:12 Uhr, während der Regen gegen die Fenster der Schulbibliothek trommelte, öffnete ich den Kalender auf meinem gesprungenen Handy, fand den Eintrag „Julian – Vorbereitung aufs Stiftungsgespräch“ und löschte ihn mit einer einzigen Bewegung des Daumens. Meine Hand zitterte nicht.

Da erst begann mein zweites Leben wirklich. Nicht in der Sekunde, als ich in meinem siebzehnjährigen Körper aufwachte und hinter der Wand den Kühlschrank brummen hörte, nicht, als ich an meinen Hals fasste und keine Schläuche fand, und auch nicht, als ich an der Tür die Schuluniform sah, die noch schwach nach Waschpulver roch. Es begann damit, dass ich auf den Namen des Jungen sah, den ich einst mehr geliebt hatte als meine eigene Zukunft, und beschloss: Soll er doch allein scheitern.

In meinem ersten Leben wurde Julian Wolf der jüngste Arnsberg-Stipendiat in der Geschichte des Gymnasiums. Die Zeitungen nannten ihn das ungezähmte Talent aus dem Viertel hinterm Güterbahnhof. Die Lehrer nannten ihn den Beweis, dass Armut kein Schicksal ist. Die Stiftungsräte nannten ihn ein inspirierendes Beispiel. Bei der Verleihung stand er im geliehenen schwarzen Anzug unter goldenem Licht, lächelte dieses weiche, angeknackste Lächeln, bei dem jeder Erwachsene im Saal ihn am liebsten adoptiert hätte, und dankte einem einzigen Menschen – der, „die als Erste an ihn geglaubt hat“.

Das war nicht ich. Das war Charlotte von Ahlenberg.

Charlotte trug ein Seidenband im Haar, und ihr Vater saß im Stiftungsrat. Sie hatte Julian sechs Wochen vor dem Stiftungsgespräch kennengelernt und entschieden, dass er neben ihr besser aussah als jeder andere Junge des Jahrgangs. Dabei hatte sie nie mit ihm bis Mitternacht über Ableitungen gesessen, nie seine Essays so lange umgeschrieben, bis kein Satz mehr wie eine Entschuldigung klang, und ihm nie ein Pausenbrot in den Rucksack gesteckt, weil sie wusste, dass er vor Aufregung das Essen vergaß.

All das hatte ich getan. Das Danke bekam sie.

Und als ein Journalist nach mir fragte – nach dem Mädchen, das drei Jahre lang in jedem Lesesaal der Stadt neben ihm gesessen hatte –, lachte Julian verlegen und sagte: „Klara? Sie hilft manchmal. Sie ist sehr treu.“

Treu. Das Wort hielt sich länger in mir als jedes Geständnis.

Zehn Jahre später beriet er Ministerien und blickte von Titelseiten. Ich unterrichtete Prüfungsvorbereitung in einem Lernstudio ohne Fenster und brachte fremden, verzweifelten Teenagern bei, Bewerbungen zu schreiben, als wären sie selbstbewusst geboren. Ich benutzte immer noch meine eigenen Erfindungen: Strukturleitern, Fragenkarten, Gedächtnishaken, Atempausen, die Scham in einen Plan verwandeln. Auf diesen Erfindungen hatte er seine Karriere gebaut. Ich stellte sie stundenweise in Rechnung.

In der Nacht, in der ich starb, korrigierte ich fremde Aufsätze im Bus, im Winterregen. Auf dem Handy warteten einunddreißig ungelesene Nachrichten von Eltern meiner Schüler, drei von der Vermieterin und eine aus einem Newsletter: Die Hochzeit von Julian und Charlotte werde auf das Gut der Ahlenbergs verlegt.

Ich sah auf ihr Verlobungsfoto, während das Buslicht in den Kurven flackerte. Julian wirkte älter, sicherer, glatter – und es lag nicht am Geld. Charlotte hielt seinen Arm wie ein restauriertes Fundstück, das man endlich im richtigen Saal ausgestellt hat. Die Bildunterschrift nannte sie „die, die als Erste an ihn geglaubt hat“.

Ich lachte so laut los, dass die alte Frau gegenüber fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Dann schoben sich die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Lasters in die Windschutzscheibe. Metall kreischte.

Und als ich die Augen öffnete, war ich wieder siebzehn. Ich lag in meinem Kinderzimmer in Heidelberg, auf der Brust das aufgeschlagene Vorbereitungsheft für die Auswahlprüfung, und auf jeder zweiten Seite stand Julians Name.

Aus der Küche roch es nach Kaffee. Meine Mutter klopfte mit dem Löffel gegen den Topf und schimpfte, der Bus warte nicht auf Prinzessinnen.

In meinem ersten Leben starb meine Mutter, als ich zwanzig war. Die Ursache war Krebs, der zu spät entdeckt wurde: Erst war keine Zeit, dann war es zu teuer, dann war es zu spät. Nach ihr blieb so viel Stille in der Wohnung, dass ich einen Monat später auszog.

Und jetzt war sie am Leben, klapperte hinter der Wand mit dem Geschirr und ärgerte sich über mich, die Lebende. Ich lag da, hörte zu und trug schweigend ein Wissen in mir, das innerlich brannte: Ich wusste über ihre Gesundheit etwas, das sie selbst nicht wusste. Bis zum ersten Husten blieben drei Jahre. Diesmal hatte ich genug Zeit.

Aber zuerst: das Notizbuch.

Im Reader öffnen