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MEIN NOTIZBUCH GEHÖRT MIR

Kapitel 5. Das Büro

Hartmanns Büro roch nach Kreide, altem Papier und kaltem Kaffee. Auf dem Fensterbrett stapelten sich Arbeiten – korrigiert, mit roten Rändern –, und über dem Schreibtisch hing ein einziges Foto: irgendein Abschlussjahrgang von vor zwanzig Jahren, graue Gesichter, graue Blazer. Urkunden gab es keine: Menschen, die etwas beweisen müssen, hängen Urkunden auf; Hartmann hängte Fotos seiner Schüler auf.

Er schloss die Tür, lehnte sich an den Schreibtisch und sah uns beide lange an – wie eine Aufgabe, deren Lösung ihm im Voraus nicht gefällt.

„Ich stelle eine einzige Frage“, sagte er. „Ich brauche weder Poesie noch Panik. Hat einer von Ihnen bei früheren Prüfungen oder benoteten Arbeiten unzulässige Hilfe erhalten?“

Julian sah mich an. In mir stieg alles auf, dem ich jahrelang keinen Namen gegeben hatte: die Formel, im Flur zugeflüstert; die Karte mit dem Muster; die „zufällige“ Erinnerung an der Klassentür; die These, in der Pause glattgezogen. Fertige Antworten hatten wir nie ausgetauscht. Ich redete mir ein, das sei Unterstützung. Aber Unterstützung in einer Prüfung ist eine Brücke über die Regeln – während die anderen durchs Wasser waten.

Ich öffnete den Mund. Julian war schneller:

„Nein.“ Sein Kiefer versteinerte. „Klara hat mir beim Vorbereiten geholfen. Das ist alles.“

„Beim Vorbereiten“, wiederholte Hartmann ohne jeden Ausdruck. „Drei Jahre. Jeden Tag. Umsonst.“

„Wir sind Freunde.“

„Ich habe nicht gefragt, was Sie sind. Ich habe gefragt, was bei den Prüfungen und den bewerteten Arbeiten geschah.“

„Nichts“, sagte Julian fester, als gut für ihn war.

Hartmann wandte den Blick zu mir:

„Mohr?“

Wenn ich zugab, wie oft wir die Grenzen verwischt hatten, würden wir beide verbrennen. Lügen – ich decke ihn schon wieder. Schweigen – ich bleibe für immer siebzehn.

„Ich habe jahrelang mit Julian gelernt, außerhalb der Prüfungen“, sagte ich vorsichtig. „Und ich war zu oft in Prüfungswochen in seiner Nähe. Das wird nicht mehr vorkommen.“

Im Büro wurde es still. Draußen ging jemand über den Hof, der Schnee knirschte. Hartmann sah mich lange an – nicht wie eine Übeltäterin, sondern wie eine Formulierung, die man auf Belastbarkeit prüft. Er verstand genau so viel, wie nötig war, und las, wie mir schien, kein einziges Wort mehr aus meiner Aussage heraus.

„Genug“, sagte er. „Ein Talent, das ohne heimliche Stützen nicht steht, fällt früher oder später vor aller Augen.“

Julian zuckte zusammen. Hartmann drehte sich zu ihm:

„Gegen die verweigerte Nominierung können Sie Einspruch einlegen: vollständige Stipendienmappe, zwei Wochen, selbstständig. Selbstständig heißt: ohne Hilfe von Mohr, ohne Hilfe der Ahlenbergs und ohne Flurwunder. Ist das klar?“

„Ja“, sagte Julian durch die Zähne.

„Und Ihnen, Mohr?“

„Ja.“

„Schreiben Sie weiter so wie heute. Und hören Sie auf, sich mit Ihrer Haltung zu entschuldigen.“

Darauf fiel mir keine Antwort ein. Schon in der Tür holte mich sein letztes Wort ein – nicht an mich gerichtet, an uns beide:

„Und noch etwas. Eine Freundschaft, in der immer derselbe in der Schuld steht, heißt anders. In meinem Büro dürfen Sie darüber nachdenken, wie genau. Im Flur rate ich davon ab: Da hört man alles.“

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