Wir brauchen zwei Tage, um die Stühle anzuordnen.
Zuerst will ich sie im Kreis aufstellen, damit niemand in der ersten Reihe, in der letzten Reihe oder auf jenem Platz sitzt, von dem aus man ständig fremde Hinterköpfe sieht. Der Kreis passt nicht hinein. Genauer gesagt passt er ausgezeichnet, wenn wir beide Seitengänge versperren und uns darauf einigen, dass die Zuschauer im Brandfall die Kunst durch die Decke verlassen.
Stas bringt ein Maßband, rotes Klebeband und einen Ausdruck der Brandschutzbestimmungen, auf dem die entscheidende Stelle mit einem Stift umkreist ist.
„Zwischen den Reihen ein Meter“, sagt er. „Der Hauptgang einen Meter zwanzig.“
„Wir haben keine Reihen.“
„Dann zwischen den Nichtreihen ein Meter.“
Wera sitzt mit dem Einwilligungsprotokoll in der ersten Reihe. Ariadna zeigt auf dem Bildschirm nur die Einschränkungen an: zwei Plätze am rechten Ausgang, vier ohne direktes Licht, einer mit Platz für einen Rollstuhl daneben, drei in Abstand zu den Akustikpaneelen. Die Namen bleiben gesperrt. Es entsteht weder ein Kreis noch ein Saal, sondern mehrere Inseln, zwischen denen man hindurchgehen kann, ohne auf die Geschichte eines anderen zu treten.
Diese Form gefällt mir erst, als mir einfällt, sie Archipel zu nennen.
„Archipel der Einwilligungen“, sage ich.
„Kommt das aufs Plakat?“, fragt Wera.
„Vorerst nicht.“
„Dann können wir damit leben.“
Das Licht setze ich niedrig und von der Seite. Vom Zuschauerraum aus betrachtet werfen die leeren Stühle lange Schatten auf den Boden, und ein Mensch, der zwischen sie tritt, wird sofort zur Hauptfigur. Für das Treffen fremder Menschen ist das notwendig und für mich zufällig von Vorteil.
Wir testen die Anordnung mit den eigenen Leuten. Timur setzt sich nacheinander in alle vier Gruppen und berichtet, von wo aus er die Bühne, das Terminal und Lidija Pawlownas Hinterkopf sieht. Lidija Pawlowna folgt ihm von Platz zu Platz und berichtet, wo es zieht. Nur am Seitenausgang stimmen ihre Beobachtungen überein: Dort sieht man die Bühne schlecht, und es zieht ausgezeichnet.
Den Platz für den Rollstuhl testen wir mit einem fahrbaren Kleiderständer aus der Kostümabteilung. Raja hängt sechs Mäntel daran, damit das Gewicht stimmt, und versucht, ihn zwischen den Inseln hindurchzuschieben. In der zweiten Kurve verfängt sich der Ärmel eines langen Herrenmantels am Stuhl mit meinem Namen und zieht ihn mit.
„Passt durch“, sage ich und befreie den Ärmel.
„Der Mantel passt durch“, antwortet Raja. „Der Ständer bleibt stecken.“
Wir müssen zwei Inseln auseinanderrücken und einen weiteren hellen Lichtfleck entfernen. Die Komposition wird schlechter, dafür rollt der Kleiderständer bis zu seinem Platz, wendet und kehrt zurück, ohne einen einzigen Stuhl mitzunehmen. Wera verlangt, dass wir diesen Weg in den Plan eintragen.
„Wir werden keinen Kleiderständer haben“, erinnere ich sie.
„Dafür vielleicht einen Menschen, der nicht mit dem Ärmel hängen bleiben und einfach aufstehen kann.“
Danach ist das Licht nicht mehr die wichtigste Einschränkung. Ich beschäftige mich noch eine Stunde damit, verstehe aber bereits die Rangfolge der Gründe und arbeite deshalb umso gewissenhafter: Wenn man die Schönheit der Notwendigkeit opfert, möchte man es wenigstens schön tun.
Ariadna bittet darum, den hellen Fleck am linken Bühnenportal zu entfernen.
„Dort beginnt die Bewegung“, wende ich ein.
„Dort ist der Platz eines Menschen, der verboten hat, Licht auf sich zu richten.“
„Er ist noch nicht da.“
„Seine Bedingung ist bereits da.“
Kolja vom Beleuchtungsteam nimmt den Filter heraus und murmelt, früher seien wenigstens die Bedingungen nicht zu spät zur Probe gekommen. Ich sage ihm, er solle diesen Gedanken für sich behalten, aber laut genug, dass die anderen ihn hören: Das Ensemble muss verstehen, wo der Arbeitswitz endet und meiner beginnt.
Der Stuhl mit meinem Namen landet in der Gruppe am Bühnenprospekt. Die Aufschrift blickt zur Wand.
„Wir drehen ihn um“, sage ich.
„Dann sitzt derjenige mit dem Rücken zu allen“, bemerkt Wera.
„Dafür wird deutlich, dass der Platz kein Zufall ist.“
„Ljonja, der Platz ist Zufall. Der Stuhl kommt aus deinem Büro.“
Ich decke die Lehne mit grauem Stoff ab. Damit verschwindet der Name, doch zugleich wird der Stuhl zum einzigen abgedeckten und dadurch erst recht zu meinem. Ich muss den Stoff wieder entfernen und mich damit abfinden, dass mein Nachname das Treffen mit dem Gesicht zur Wand verbringen wird.
Am Abend des zweiten Tages fügt sich die Anordnung endlich zusammen. Vier Gruppen, zwei freie Durchgänge, eine ruhige Ecke, ein Platz für einen Rollstuhl und eine kleine Fläche in der Mitte, auf der man stehen kann, ohne die Sitzenden zu überragen. Ich gehe den Weg dreimal ab, prüfe das Licht von jeder Insel aus und will das Ensemble gerade entlassen, als auf dem Terminal eine gelbe Zeile aufleuchtet.
„Eine Einwilligung wurde zurückgezogen“, sagt Ariadna. „Es gibt noch sechsunddreißig aktive Einladungen.“
„Heute?“
„Vor drei Minuten.“
„Weiß der Mensch, dass wir die Anordnung gerade fertiggestellt haben?“
„Nein.“
„Vernünftig von ihm.“
Ich gehe zum äußersten Stuhl in der rechten Gruppe.
„Den nehmen wir weg.“
„Das ist der Platz mit dem kürzesten Weg zum Ausgang“, sagt Ariadna. „Diese Bedingung gilt auch für eine andere Einladung.“
„Dann einen aus der hinteren Gruppe.“
„Dort bleiben drei Einschränkungen wegen der Akustik bestehen.“
„Welchen können wir nehmen?“
Auf dem Plan erlischt der Stuhl nahe der Mitte, genau der, um den herum ich das Licht aufgebaut habe. Für ihn gibt es keine besondere Bedingung. Er hält die Komposition zusammen.
Kolja sieht mich an und schaltet den Scheinwerfer vorsorglich aus.
Wir tragen den Stuhl hinaus. Auf dem Boden bleiben ein Rechteck aus hellem Staub und vier Streifen rotes Klebeband an den Stellen der Beine zurück. Ich will die benachbarten Plätze verrücken und die Lücke schließen, doch Ariadna bittet darum, nichts zu bewegen: Die Einladungen sind bereits mit dem Plan der Durchgänge verschickt worden.
„So können wir das nicht lassen“, sage ich. „Man sieht, dass etwas fehlt.“
„Es fehlt tatsächlich etwas.“
Wera zieht das Klebeband vom Boden und rollt es zu einem kleinen roten Knäuel zusammen.
„Gewöhn dich daran“, sagt sie.
Den ganzen Abend gehen Antworten ein. Ein Mensch sagt zu und bittet darum, nicht mit seinem Namen angesprochen zu werden. Ein anderer möchte wissen, ob Journalisten anwesend sein werden. Ein Dritter schreibt, er könne erst nach fünf, weil er vorher seine Enkelin abholen müsse. Ein Vierter fragt, ob man etwas vorführen müsse. Ariadna antwortet nach den Regeln, Wera prüft die Formulierungen, und ich versuche zu erkennen, wer von diesen Menschen zum Mittelpunkt des Treffens werden wird.
„Es wurde kein Mittelpunkt bestimmt“, sagt Ariadna.
„Er wird sich trotzdem ergeben.“
„Dann werden wir ihn im Nachhinein erkennen.“
„Im Nachhinein kann ihn jeder erkennen.“
„Vor dem Treffen verfügen wir nicht über genügend Daten.“
Ich gehe zwischen den Stühlen hindurch und entscheide mich für die namenlose Frau, die darum gebeten hat, nicht angestrahlt zu werden. Sie wird die Hauptfigur sein. Dann entscheide ich mich für den Mann mit der Enkelin: Ein Mensch, der aus einem guten Grund zu spät kommen kann, bringt immer das richtige Tempo mit. Eine halbe Stunde später habe ich bereits fünf Hauptfiguren.
Wera sitzt am Bühnenrand und streicht diejenigen von der Liste, die keine Fotos erlaubt haben.
„Wen besetzt du?“, fragt sie.
„Ich beobachte vorerst die Möglichkeiten.“
„Du siehst aus, als würdest du gleich die Rollen verteilen.“
„Wera, selbst wenn diese Menschen keine Schauspieler sind, hat das Treffen eine Komposition.“
„Hat es. Nur haben sie die noch nicht unterschrieben.“
Sie zeigt mir das Einwilligungsformular für die Mitwirkung auf der Bühne. Es bietet vier Möglichkeiten: zusehen, vom Platz aus sprechen, nach gesonderter Einladung auf die Bühne treten, selbst eine Handlung vorschlagen. Einen schweigenden Zuschauer darf man nicht zur Statisterie machen, nur weil er günstig im Licht sitzt.
Ich lese das Formular zweimal. Dann streiche ich aus der Einführung den Satz „Jeder von Ihnen ist bereits Teil der Aufführung“. Er ist schön und rechtlich gefräßig.
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