Das Treffen ist für Sonntag um vier angesetzt. Den ersten Teilnehmer erwarten wir um fünf vor, denn so sind Menschen, die sich bereit erklärt haben, in ein unbekanntes Theater zu kommen: Entweder erscheinen sie zu früh und stören bei den Vorbereitungen, oder sie rufen nach Beginn an und fragen, wo der Eingang ist. Um Viertel nach vier begreife ich, dass es noch eine dritte Möglichkeit gibt.
Niemand ist gekommen.
Auf der Bühne stehen sechsunddreißig Stühle, im Foyer halten Wera und Raja die Stellung, Timur wärmt sich an der Garderobe, Stas überprüft die Seitentür, obwohl sie seit gestern keine Zeit hatte, wieder kaputtzugehen. Ich stehe in der Mitte des Archipels und tue nicht so, als probte ich meine Begrüßung. Ich probe sie.
Um siebzehn Minuten nach vier kommt eine Frau in einer roten Daunenjacke in den Saal. Ohne die Jacke auszuziehen, geht sie an der Wand entlang, wählt einen Stuhl neben dem Ausgang und fragt:
„Kann man hier auch einfach nur sitzen?“
„Ja“, sagt Ariadna vor mir.
Die Frau setzt sich. Eine Minute später erscheint ein großer Mann mit Aktentasche, hinter ihm zwei junge Frauen, die sich, wie sich herausstellt, am Personaleingang kennengelernt und beschlossen haben, zusammenzubleiben. Dann kommen die Leute einzeln, zu zweit und einmal als ganze dreiköpfige Familie, obwohl nur die Mutter eingeladen ist. Wera erklärt dem Mann und dem Sohn die Regeln, gibt ihnen Gästebänder und setzt sie als Begleitpersonen ohne Beteiligung in den Saal. Der Mann freut sich. Der Sohn fragt nach dem Passwort für das Funknetz.
Um halb fünf sind neunzehn Stühle besetzt.
Ich trete auf die mittlere Spielfläche.
„Guten Abend. Sie befinden sich im Theater ‚Der zweite Ausgang‘, und heute wird es bei uns keine Aufführung im üblichen Sinne geben.“
Die Tür geht auf, ein älterer Mann mit Schirmmütze kommt herein und fragt laut, ob hier die Geschichten über die Stadt gesammelt werden. Raja läuft ihm mit den Überschuhen hinterher. Ich warte, bis er sitzt.
„Wie ich schon sagte, wird es keine Aufführung im üblichen Sinne geben. Jeder von Ihnen hat dem System erlaubt, eine unabgeschlossene Geschichte zu lesen und ein Treffen vorzuschlagen, ohne offenzulegen, was Sie nur dem System anvertraut haben.“
In der ersten Reihe hebt der Mann mit der Aktentasche die Hand.
„Und Sie haben sie gelesen?“
„Nur die Teile, die für die Inszenierung freigegeben sind.“
„Also haben Sie sie gelesen.“
„Nicht alles.“
„Wie viel denn?“
Ich sehe zum Terminal. Ariadna blendet für mich eine Zeile ein: `UMFANG UNTERSCHIEDLICH. NICHT ÖFFENTLICH NÄHER AUSFÜHREN`.
„Genau so viel, wie jeder freigegeben hat“, sagt Wera aus dem Gang. „Wenn Sie Ihre Einwilligung überprüfen wollen, kommen Sie zu mir. Wenn Sie sie zurückziehen wollen, ebenfalls.“
Drei kommen sofort zu ihr. Einer kehrt zurück, zwei bleiben bei Wera, um die Formulierungen zu klären. Die Frau in der roten Daunenjacke steht auf.
„Ich dachte, Sie zeigen uns eine Szene.“
„Das tun wir, sobald eine entsteht“, sage ich.
„Und jetzt gibt es keine?“
„Jetzt sind Menschen da.“
Sie sieht mich ohne Begeisterung an, dann die Tür.
„Dann gehe ich.“
„Natürlich.“
Wera begleitet sie hinaus und schließt den Eintrag im Protokoll. Der Stuhl neben dem Ausgang ist wieder leer. Ich mache aus ihrem Fortgehen keinen Teil des Konzepts, obwohl mir schon ein passender Gedanke bereitliegt.
Ariadna bittet alle, sich einen neuen Platz zu suchen, erklärt aber nicht, warum. Es beginnt die übliche menschliche Bewegung: Die Leute stehen auf, lassen einander den Vortritt, fragen, ob es an der Tür zieht, tragen Taschen umher und stellen sich vor, weil es schwerer ist, neben einem Fremden schweigend einen Stuhl zu verrücken, als zuerst seinen Namen zu erfahren. Der Mann mit der Aktentasche ist Viktor Semjonowitsch, Ingenieur im Ruhestand. Eine der jungen Frauen arbeitet in einer Apotheke, die andere unterrichtet Kinder im Tanzen. Der ältere Mann mit der Schirmmütze wohnt zwei Häuser vom Theater entfernt und war bisher ein einziges Mal bei uns, bei einer Vormittagsvorstellung im Jahr achtundneunzig.
Ich warte auf ein verborgenes Muster. Es gibt keins. Die Leute setzen sich einfach um.
Ich gehe zwischen den Gruppen umher und versuche zu verstehen, wo genau das Treffen beginnt. Am Fenster sprechen die beiden jungen Frauen über ihre Busverbindung und stellen fest, dass beide an der Endhaltestelle aussteigen, nur geht die eine danach durch den Markt und die andere an den Garagen entlang. Am Bühnenprospekt zeichnet Viktor Semjonowitsch Stas auf der Rückseite seiner Einladung ein klappbares Podest: drei Segmente, Scharniere von alten Schulbänken, Räder von Krankenhausliegen. Stas hört ernsthaft zu, denn den technischen Wahnsinn anderer achtet er mehr als unseren künstlerischen.
In einer ruhigen Ecke sitzt ein junger Mann und sagt nichts. Ich gehe zu ihm, stelle mich vor und frage, ob er bequem sitzt.
„Ja.“
„Warten Sie auf jemanden?“
„Nein.“
„Möchten Sie herausfinden, warum Sie eingeladen wurden?“
„Später.“
Drei Antworten ergeben für mich noch keine Szene. Ich will gerade mit einer vierten Frage nachhelfen, da hebt er die Hand, nicht unhöflich, er markiert nur eine Grenze. Ich muss mich zurückziehen.
Eine halbe Stunde später setzt sich Viktor Semjonowitsch zu ihm. Er fragt nichts, stellt seine Aktentasche zwischen die Stühle und beginnt, auf der Rückseite eines Programmhefts das Podest zu zeichnen. Der junge Mann sieht zu. Dann zeigt er auf das Scharnier und sagt, so könne man sich den Finger einklemmen. Viktor Semjonowitsch widerspricht. Der Mann nimmt den Bleistift, zeichnet eine andere Verbindung und nennt zum ersten Mal seinen Namen: Oleg.
Ich höre es und komme sofort herüber.
„Sind Sie Ingenieur?“
„Nein.“
„Haben Sie mit Mechanik gearbeitet?“
„Nein.“
„Woher wissen Sie das mit dem Scharnier?“
„Hab mir mal den Finger eingeklemmt.“
Viktor Semjonowitsch nickt anerkennend: Die Erfahrung einer Verletzung gilt als ausreichende Qualifikation. Sie zeichnen weiter. Ich könnte ihr Gespräch mit Olegs unabgeschlossener Geschichte verbinden, habe aber keinen Zugriff darauf, und auf seiner öffentlichen Karte steht nur: „Kann ohne Fragen anwesend sein.“ Selbst seinen Namen hat er nicht mir genannt.
Ich gehe weg. Später wird tatsächlich ein Anschlag in die Zeichnung eingefügt. Das Podest wird zwei Monate danach gebaut und klemmt keinen einzigen Finger ein. Oleg kommt zu den nächsten Treffen nicht mehr. Sein Beitrag bleibt in einer vier Millimeter starken Metallplatte erhalten und verlangt nach keiner biografischen Erklärung.
Am Fenster haben die beiden jungen Frauen inzwischen aufgehört, über den Bus zu sprechen, und streiten darüber, welcher Weg abends sicherer ist. Die eine nimmt lieber den Markt: Dort ist es hell, aber am Eingang stehen die Taxifahrer herum. Die andere nimmt die Garagen: dunkler, dafür kürzer. Die Frau aus der Apotheke kommt dazu und zeichnet einen dritten Weg durch den Hof der Poliklinik. Die Tanzlehrerin holt ihr Telefon heraus, öffnet die Karte, und fünf Minuten später haben sie eine gemeinsame Strecke bis zur Haltestelle.
„Hat Ariadna sie deshalb miteinander verknüpft?“, fragt Timur.
„Ihre Bedingungen für den Heimweg waren miteinander vereinbar“, antwortet sie. „Die konkrete Strecke ist im Gespräch entstanden.“
„Also haben Sie es gewusst.“
„Ich wusste, dass sie spät Feierabend haben und im selben Viertel wohnen. Ich wusste nicht, welchen Weg sie wählen würden.“
Timur sieht mich an. Ich will gerade sagen, dass Regie eben darin besteht, die Bedingungen für eine freie Wahl zu schaffen. Ich sage nur:
„Schreib den dritten Weg auf. Den können wir nach der Probe auch gebrauchen.“
Den ganzen Winter gehen wir durch den Hof der Poliklinik. Dort ist es tatsächlich heller. Im Frühling wird das Tor geschlossen, und die Strecke endet ohne metaphysischen Grund.
Auf der mittleren Spielfläche breitet der ältere Mann mit der Schirmmütze Fotografien vom Platz aus. Es sind Amateuraufnahmen: Schnee, ein Bus, ein Laden mit seinem alten Schild, drei Frauen an einem Kiosk. Die Leute erkennen Häuser, streiten über das Jahr und suchen sich selbst im Hintergrund. Ich schlage vor, die Fotos ins Licht zu bringen. Der Mann lehnt ab: Im Licht spiegelt das laminierte Papier.
„Und auf der Leinwand?“, frage ich.
„Dann wäre es ja schon eine Vorführung“, sagt er. „Ich habe sie zum Anschauen mitgebracht.“
Die Fotografien bleiben auf zwei Stühlen liegen. Nach und nach versammeln sich sechs Leute um sie, und niemand stellt sich in die Mitte.
Zum ersten Mal bin ich bei einem Treffen, bei dem alles auf meiner Bühne geschieht und nichts mich als Voraussetzung braucht. Das Gefühl ist ungewohnt, aber nicht hoffnungslos: Schließlich sind die Menschen in ein Theater gekommen, das ich leite, und sitzen in dem Licht, das ich habe entfernen lassen.
Zehn Minuten später sagt die Tanzlehrerin, dass sie dienstags einen Saal braucht, der Ingenieur bietet an, bei den Befestigungen für ein klappbares Bühnenbild zu helfen, und der Mann mit der Schirmmütze fragt, ob er alte Fotografien vom Platz mitbringen kann, bevor der Laden an der Ecke abgerissen wird. Diese Vorschläge haben nichts miteinander zu tun und erst recht nichts mit meiner Begrüßung.
„Ist das jetzt das Treffen?“, fragt Timur am Terminal.
„Vorerst ja“, antwortet Ariadna.
„Und wann spielen wir?“
„Wenn jemand darum bittet.“
Timur sieht sich nach den Leuten um. Niemand hat vor, ihn darum zu bitten. Er setzt sich auf einen freien Stuhl und hört zu, wie der Ingenieur Stas den Aufbau eines alten klappbaren Podests erklärt.
Bis sechs kommen noch drei Menschen. Zwei erkennen einander sofort: Sie sind zehn Jahre lang mit demselben Bus gefahren und haben nie miteinander gesprochen. Der Dritte setzt sich an die Akustikplatte, wechselt eine Minute später in die ruhige Ecke und bleibt dort bis zum Schluss.
Um halb sieben sagt Wera, es sei Zeit, das Gebäude zu schließen. Niemand klatscht, weil unklar ist, wofür eigentlich. Dafür erlauben sieben Personen, sie erneut einzuladen, fünf notieren sich gegenseitig ihre Telefonnummern, der Ingenieur nimmt von Stas die Maße des Podests mit, und die Tanzlehrerin verabredet sich mit Raja, um die Kostüme anzusehen, die man seit zehn Jahren weder wegwerfen noch verwenden kann.
Der Mann mit der Schirmmütze kommt als Letzter zu mir.
„Sind Sie hier der Chef?“
„Der künstlerische Leiter.“
„Ach so“, sagt er. „Ich dachte, die Frau mit dem Protokoll.“
Er verabschiedet sich und geht.
Auf der Bühne bleiben fünfzehn leere Stühle zurück. Zwei stehen abseits: Die jungen Frauen haben sie vor ihrem Gespräch am Fenster zur Seite geschoben. Einer ist mit der Lehne zum Saal gedreht. Auf den Stuhl mit meinem Namen hat sich der Ingenieur gesetzt, ohne die Aufschrift zu bemerken, und die Sitzfläche noch weiter gelockert.
Stas nimmt ihn zum Reparieren mit.
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