Eine Woche später weist Ariadna mich an, mich für eine Aufführung zu entschuldigen, bei der ich nicht Regie geführt habe.
„Bei wem?“
„Der Name wird nach der Zustimmung zu einem Treffen offengelegt.“
„Wofür genau?“
„Für die Verwendung eines Manuskripts ohne Vertrag, ohne Nennung der Autorin und ohne Zahlung eines Honorars.“
„Ich habe kein fremdes Manuskript verwendet.“
„Das Theater hat es verwendet. Sie haben davon profitiert.“
Die Aufführung heißt „Der letzte Zug“. Der frühere künstlerische Leiter Boris Semjonowitsch Kruglow hat sie vor fünfzehn Jahren inszeniert, und ich habe die Hauptrolle gespielt. Die Inszenierung hat einen Preis der Region erhalten, danach hat man mir einen Ehrentitel verliehen und mich zwei Jahre später zum Chefregisseur ernannt. In der offiziellen Theatergeschichte ist das Stück als Kruglows eigene Bearbeitung nach Motiven städtischer Erinnerungen verzeichnet.
Im Archiv findet Ariadna das maschinengeschriebene Stück „Bahnhof ohne Uhren“, ein nicht unterschriebenes Registrierungsblatt und einen internen Vermerk: „Die Autorin bittet um Rückgabe nach der Lektüre.“ Der Text ist nicht zurückgegeben worden. Handlung, fünf Szenen und der Schlusssatz sind in die Aufführung übernommen worden; später hat man den Satz auf dem Plakat als Worte Kruglows abgedruckt.
Ich bitte um die Aufzeichnung der alten Aufführung. Auf dem Bildschirm erscheine ich fünfzehn Jahre jünger: dunkles Haar, langer Mantel, die Angewohnheit, mich früher zum Saal zu drehen als mein Spielpartner. Den Schlusssatz spreche ich am Rand des Bahnsteigs, der aus genau jenem Klapppodest gebaut ist, das Viktor Semjonowitsch jetzt restaurieren möchte. Der Saal applaudiert bis zur Verdunkelung.
Im Abspann stehen Kruglow, der Bühnenbildner, der Komponist, ich und elf weitere Namen. Anna Lebedewa fehlt.
Ich erinnere mich an den Preis, die Gastspielreise und das Interview nach der Verbeugung. Ich erinnere mich an keinen einzigen Moment, in dem ich gefragt habe, woher Kruglow den Text hat. Mit Anfang zwanzig hält ein Schauspieler ein Stück für das Wetter: Es findet bereits statt, seine Aufgabe besteht darin, nicht nass zu werden und im Licht gut auszusehen. Fünfzehn Jahre später heißt eine solche Unschuld Vorteil.
„Ich habe nichts davon gewusst.“
„Das müssen Sie nach den Fakten sagen, falls sie fragt.“
„Und wenn sie nicht fragt?“
„Dann sagen Sie es nicht.“
„Aber dann gestehe ich die Schuld eines anderen ein.“
„Sie erkennen an, dass das Theater und Sie selbst davon profitiert haben. Kruglow kann seine Schuld nicht mehr eingestehen: Er ist vor sieben Jahren gestorben.“
Wera prüft das Archiv und findet die Buchhaltung aus jener Spielzeit. Es gibt keinen Autorenvertrag. Ein Honorar ebenfalls nicht. Schweigend berechnet sie den möglichen Betrag einschließlich Inflationsausgleich und addiert den Anteil für die noch vorhandenen Videoaufzeichnungen.
Wir verbringen den ganzen Tag im Archiv. Kruglows Ordner stehen nach Jahrgängen, doch innerhalb eines Jahrgangs gilt sein eigenes Prinzip: Was noch nützlich werden könnte, liegt oben; was ihm schaden könnte, trägt kein Datum. Das Registrierungsblatt findet sich in einer Kiste mit Programmheften eines fremden Festivals. Das Typoskript ist mit grobem Faden geheftet, auf der ersten Seite steht mit Bleistift: „Nach der Lektüre zurückgeben.“
„Ist das seine Handschrift?“, frage ich.
„Nein, aus dem Haus“, sagt Wera. „Von Swetlana Petrowna aus der Dramaturgie.“
Swetlana Petrowna ist noch vor Kruglow gestorben. Im Archiv sind ihre sorgfältig geführten Karteikarten geblieben, aber niemand, dem man die bequeme Frage stellen könnte, warum der Text nicht zurückgegeben worden ist.
Ich blättere durch das Manuskript. Manche Szenen hat Kruglow fast wörtlich übernommen, andere gekürzt, das Ende umgeschrieben. Am Rand stehen meine alten Rollennotizen: „leiser“, „nicht hinsehen“, „Mantel bei zwei“. Ich halte den Beweis für die Urheberschaft eines anderen in den Händen, versehen mit meinen Anweisungen, wie sich der angeeignete Text am besten spielen lässt.
„Du konntest es nicht wissen“, sagt Wera.
„Doch, das hätte ich.“
„Und du hast es nicht gewusst.“
„Verteidigst du mich gerade?“
„Ich erlaube dir nur nicht, aus dem Manuskript einer anderen eine Tragödie über deine eigene Schuld zu machen. Wir haben zu tun: die Autorin finden, das Geld berechnen, das Archiv berichtigen.“
Sie nimmt mir das Blatt ab und gleicht weiter die Szenen ab. Sogar meine Reue kann Wera der Person zurückgeben, der sie zusteht.
„Wir zahlen, wenn sie einverstanden ist“, sagt sie.
„Wovon?“
„Aus demselben Topf, aus dem du dein Preisgeld bekommen hast.“
Das Preisgeld ist längst ausgegeben. Das Geld des Theaters ist noch da.
Die Einladung wird ohne Namen versandt: Das Theater habe die Autorin eines alten Manuskripts ausfindig gemacht und bitte um ein einmaliges Treffen, um den Sachverhalt anzuerkennen. Zwei Tage später kommt die Einwilligung. Die Frau heißt Anna Michailowna Lebedewa, ist einundsiebzig Jahre alt, ehemalige Fahrdienstleiterin am Bahnhof und lebt in unserer Stadt. Eine erneute Kontaktaufnahme ist nur mit gesonderter Einwilligung gestattet.
Sie kommt am Mittwochnachmittag. Klein und aufrecht, in einem braunen Mantel und einer Strickmütze, die sie im Foyer nicht abnimmt. Kaffee lehnt sie ab. Auf die Bühne geht sie ebenfalls nicht, sondern setzt sich in die erste Reihe und bittet mich, von dort aus zu sprechen, wo ich stehe.
Ich stehe bei der Treppe. Man hat sie wieder in die Probe aufgenommen, doch nach dem öffentlichen Abend kann niemand mehr überzeugend erklären, wozu.
„Anna Michailowna“, beginne ich, „vor fünfzehn Jahren hat das Theater Ihr Manuskript ‚Bahnhof ohne Uhren‘ erhalten. Mit Ihnen ist kein Vertrag geschlossen worden. Der Text ist nicht zurückgegeben worden. Fünf Szenen, das Grundgerüst der Handlung und der Schlusssatz sind ohne Ihren Namen und ohne Bezahlung in die Aufführung ‚Der letzte Zug‘ eingegangen.“
Sie hört zu, ohne mich zu unterbrechen.
„Das Theater hat dadurch eine Inszenierung, einen Preis und spätere Aufführungen erhalten. Ich habe die Hauptrolle, einen Preis der Region und einen Teil meiner heutigen Stellung erhalten. Ich habe die Herkunft des Textes nicht gekannt, aber vom Ergebnis profitiert. Es tut mir leid, dass das geschehen ist. Wir sind bereit, Ihnen ein Honorar zu zahlen und Ihre Urheberschaft in sämtlichen Unterlagen schriftlich wiederherzustellen.“
Anna Michailowna fragt:
„Ist Kruglow tot?“
„Ja.“
„Hat er gewusst, wessen Text es ist?“
„Nach dem Registrierungsblatt muss er es gewusst haben.“
„Und Sie?“
„Nein.“
Sie zieht die Handschuhe aus, legt sie auf den Schoß und betrachtet die Treppe.
„Erinnern Sie sich an den Schlusssatz?“
Ich erinnere mich. Fünfzehn Jahre lang habe ich ihn bei Begegnungen, in Interviews und zweimal zum Jubiläum des Bahnhofs zitiert.
„‚Die Züge fahren nicht von uns fort. Sie fahren dorthin, wo wir noch nicht gewesen sind.‘“
„Bei mir hieß es: ‚Der Zug ist fort, und ich bin noch immer hier.‘ Kruglow hat es verbessert.“
Mir fällt keine Antwort ein. Ariadna schweigt.
Anna Michailowna zieht ihre Handschuhe wieder an.
„Berechnen Sie das Geld. Berichtigen Sie den Namen im Archiv. Führen Sie das Stück nicht auf.“
„Ihres oder seines?“
„Keines.“
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