Kaum ist Fang Yuan in Vierlias Kabine, heult dort der Alarm auf.
Die Schutzkreise erkennen ihn als Eindringling und versuchen, ihn mit einem Psi-Impuls hinauszudrängen. Er lässt den Stoß durch sich hindurchlaufen, findet den Rhythmus des Reaktors und antwortet mit einer goldenen Welle. Das System der Windkaiserin erlischt für den Bruchteil einer Sekunde und fährt dann unter seinen Händen wieder hoch.
Vierlia spürt, wie die beschädigten Antriebe einer nach dem anderen zum Leben erwachen.
„Trenn sofort die Verbindung“, verlangt sie. „Du hast keine Kampfausbildung.“
„Außenposten rechts.“
„Ich sehe ihn.“
„Warum steht er dann noch?“
Fang Yuan reißt die Mecha-Form zur Seite. Das panzerbrechende Geschoss fliegt durch die Stelle, an der sich eben noch die Kabine befunden hat. Die Windkaiserin dreht fast ohne Geschwindigkeitsverlust ab und feuert zweimal zurück. Die erste feindliche Maschine verliert ihre Waffen, die zweite stürzt in die Schlucht.
Vierlia verstummt.
Sie kämpft seit ihrer Kindheit und betrachtet die Mecha-Form als Verlängerung ihres eigenen Körpers. Doch jetzt steuert ein Anfänger sie präziser als Vierlia selbst. Er zwingt ihr keine Bewegungen auf, sondern erfasst ihre Absicht noch vor dem Befehl. Belastet die Panzerung nur, wenn sie es aushält, und nutzt bei jeder Wende den Wind, statt gegen ihn anzukämpfen.
„Was ist dein wahrer Rang?“, fragt sie.
„Heute waren alle überzeugt, es sei F.“
„Mach dich nicht über mich lustig.“
„Ich habe mir das Ergebnis nicht ausgesucht.“
Drei Maschinen der „Roten Skorpione“ kommen hinter dem Turm hervor. Fang Yuan hebt sein Feld auf zehn Prozent. Vierlia holt scharf Luft. Ihre Waffenmodule entfalten sich vollständig, obwohl sie nach der Reparatur eigentlich nur mit halber Leistung funktionieren sollten.
„Entspann dich“, sagt er. „Ich fange die Belastung ab.“
„Wag es nicht, mir in meiner eigenen Kabine Befehle zu erteilen.“
„Dann betrachte es als Bitte.“
Eine Sekunde vor der Salve hört sie auf, sich zu wehren.
Die Windkaiserin wird zu einem silbernen Streifen. Die Gegner eröffnen das Feuer, treffen aber nur verzögerte Abbilder. Fang Yuan gleitet zwischen den Salven hindurch, trennt der ersten Maschine die Stützen ab, dreht ihren Rumpf als Schild vor sich und schleudert ihn in die beiden anderen. Die Explosion erhellt das Übungsgelände.
„Fünf Ziele“, meldet er. „Nur der Haupttrupp ist noch übrig.“
„Du hast gerade mein Notmanöver ohne Ausgleich eingesetzt.“
„Es gab einen Ausgleich.“
Vierlia überprüft den Mecha-Kern und findet nicht einmal einen Haarriss. Mehr noch: Die Stabilität ihrer Mecha-Form steigt weiter.
Inzwischen meldet Heihu sich auf allen noch funktionierenden Terminals. Hinter ihm stehen die gefesselten Prüfungsteilnehmer. Ringsum blinken Sprengladungen.
Der Anführer spricht von der Freiheit der Unterstadt, vom Blut, mit dem der Adel seinen Wohlstand bezahlt, und von notwendigen Opfern. Den Bewohnern der unteren Viertel schlägt er vor, für einen künftigen Aufstand zu sterben. Er selbst bleibt außerhalb des Bildes und steuert seine Leute über Einwegsender.
„Er hat nicht vor, sich mit ihnen in die Luft zu sprengen“, sagt Fang Yuan.
„Woher weißt du das?“
„Wer zum Sterben bereit ist, überweist nicht eine Stunde vor dem Angriff Geld auf ein Konto in der Oberstadt.“
Vierlia öffnet die interne Akte. Fang Yuan hat recht. Den Großteil der gestohlenen Medikamente hat Heihu nicht an Arme verteilt, sondern weiterverkauft. Hinter den großen Reden über Revolution steckt gewöhnliche Habgier.
Auf Fang Yuans Anweisung durchsucht Chi Yuan das Übungsgelände, findet aber keine Spur des Anführers. Also ist er näher, als sie angenommen haben.
Die Geiseln bestimmen einen Vertreter für den Zweikampf. Han Qinting tritt vor, überzeugt davon, dass sein Kommandeursrang und seine teure Mecha-Form ihm den Sieg sichern. Heihu schlägt ihn mit einem einzigen Hieb nieder. Panik erfasst den Platz.
In diesem Augenblick stürmt die Windkaiserin auf den Platz.
Die Menschen glauben, Vierlia habe sie gerettet. Sie rufen ihren Namen, während sie die ferngesteuerten Geschütze zerstört und die Steuersignale abfängt. Fang Yuan verkündet nicht, wer in der Kabine sitzt. Ihm ist wichtiger, die Sprengladungen zu entschärfen.
Er verfolgt jeden Kanal bis zu einem einzigen Steuergerät zurück. Das Signal kommt nicht aus den umliegenden Gebäuden, sondern direkt aus der Menge.
„Heihu ist unter den Geiseln“, sagt Fang Yuan.
„Die Gesichtserkennung hat alle überprüft.“
„Er hat nicht sein Gesicht verändert. Sondern die Frequenz seines Psi-Kerns.“
Um den Betrüger zu finden, muss Fang Yuan Hunderte Menschen mit seinem Feld erfassen. Das System warnt vor möglichen Hirnschäden. Trotzdem öffnet er seinen Psi-Kern.
Die Welt wird blau.
Er hört die Ängste der anderen wie Regenrauschen. Jemand ruft nach seiner Mutter. Jemand verflucht die Unterstadt. Han Qinting denkt nur darüber nach, wie er seiner Familie die Niederlage erklären soll. Unter Hunderten zitternden Strömen bleibt einer kalt und gleichmäßig.
Fang Yuan deutet auf einen älteren Techniker.
Vierlia reißt ihn aus der Menge. Die Tarnung zerfällt, und Heihu landet mit dem Steuergerät in der Hand auf dem Boden. Er versucht, den Knopf zu drücken, doch Chi Yuan durchtrennt den Sender, bevor er dazu kommt.
Die Sprengladungen sind ausgeschaltet.
Heihu spielt noch immer den Rächer des Volkes. Als Vierlia ihm Dämpfungsfesseln anlegt, schreit er den Geiseln zu, die Oberstadt ersticke wieder einmal die Stimme des Widerstands.
Fang Yuan hebt das gefundene Steuergerät hoch.
„Darauf ist eine Liste der Sprengladungen“, sagt er. „Die erste Reihe sollte die Schüler aus der Oberstadt töten. Die zweite die Bewohner der Unterstadt. Warum ist die zweite stärker?“
„Eine Revolution braucht Opfer.“
„Du brauchtest ein großes Spektakel, um mit dem Geld zu verschwinden.“
Vierlia zeigt die Banküberweisungen auf dem Bildschirm. Einen Tag vor dem Angriff hat Heihu Papiere auf den Namen eines Händlers aus der Oberstadt gekauft und einen Platz auf einem privaten Shuttle gebucht. Kein einziger Kämpfer der „Roten Skorpione“ steht auf der Evakuierungsliste.
Unter den Geiseln sind zwei seiner Anhänger. Sie haben geglaubt, nach der Explosion werde der Aufstand beginnen. Als sie die Konten sehen, wendet sich einer ab. Der andere behauptet weiter, die Daten seien gefälscht.
„Warum glaubt er es nicht?“, fragt Chi Yuan später.
„Weil er mit dem Betrug auch seine eigenen Verbrechen eingestehen müsste“, antwortet Fang Yuan. „Für manche ist es leichter, ihren Anführer zu verteidigen, als sich anzusehen, was sie für ihn getan haben.“
Fang Yuan prägt sich diese Worte ein.
Beim Verhör nennt Heihu den Namen Nangong Ci. Angeblich hat ihn der Widerstand mit Waffen versorgt, obwohl es keinen direkten Befehl für den Angriff gegeben hat. Nangong Ci hat die „Roten Skorpione“ als nützliches Chaos betrachtet und nie geprüft, wohin die gestohlenen Medikamente gelangt sind.
Das Militär nimmt die Informationen in einen geheimen Bericht auf. Fang Yuan behält eine Kopie. Er hat bereits gesehen, wie leicht ein unbequemer Teil der Wahrheit aus der offiziellen Version verschwindet.
Erst jetzt verlässt Fang Yuan die Kabine. Die Menschen sehen ihn neben Vierlia und begreifen, wer die Windkaiserin gesteuert hat. Vor wenigen Minuten haben sie ihn noch einen Feigling genannt. Jetzt wagt niemand, den Blick zu heben.
Han Qinting versucht als Erster, alles in seinem Sinne zu verdrehen.
„Die Windkaiserin hat ihm erlaubt, aus der Kabine zuzusehen“, behauptet er. „Verkauft einen Zufall nicht als Heldentat.“
Vierlia tritt auf ihn zu.
„Sag das noch einmal.“
„Ich habe nur gesagt, dass ein erfahrener Offizier …“
„Meine Mecha-Form war beschädigt. Fang Yuan hat sie wiederhergestellt, die Steuerung übernommen, die Sprengladungen entschärft und Heihu gefunden. Ich habe die ganze Zeit mit ihm gestritten und häufiger falschgelegen als er. Ist das jetzt klar?“
Dieses Eingeständnis fällt ihr schwerer als der Kampf. Danach kann jedoch kein offizieller Bericht den Sieg allein der Prüferin zuschreiben.
„Ihr habt uns gerettet“, sagt einer der Schüler aus der Unterstadt.
„Wir haben einander gerettet“, antwortet Fang Yuan. „Denkt beim nächsten Mal erst nach, bevor ihr einen Schuldigen sucht.“
Vierlia erstickt die begeisterten Rufe rasch im Keim. Sie lässt die Teilnehmer antreten, organisiert die Evakuierung und gesteht offiziell ein, dass sie die Wette verloren hat.
„Verlangst du einen Platz an der Akademie?“, fragt sie.
„Den habe ich mir bereits verdient.“
„Geld?“
„Nein.“
„Was willst du dann?“
Fang Yuan antwortet nicht. Es sind zu viele Zeugen in der Nähe.
Nach der Prüfung bestellt Oberbefehlshaber Huangfu ihn ins Hauptquartier. Der Sieg bringt eine neue Gefahr mit sich: Heihus Aufzeichnung ist in ausländische Netzwerke gelangt, und nun kennen kriminelle Organisationen den Namen des titulierten Kommandeurs. Das Militär kann Fang Yuan keinen auffälligen Schutz zur Seite stellen, ohne die Gerüchte zu bestätigen.
„Deshalb wirst nicht du beschützt“, sagt Huangfu. „Du wirst jemanden beschützen.“
An der Wand erscheint ein Foto von Nalan Qingxin.
Der Geheimdienst hat erfahren, dass Nangong Ci die Entführung der Erbin vorbereitet. Ihre Familie kontrolliert den Zugangsschlüssel zum „Abgrund“, einer Waffe, die einen ganzen befestigten Bezirk vernichten kann. Die Verbrecher wollen das Mädchen gegen den Aktivierungscode eintauschen.
„Sie wollen sie als Köder benutzen“, folgert Fang Yuan.
„Und dich gleich mit.“
„Ehrlich.“
„Eine Lüge wäre hier zu teuer.“
Huangfu ernennt ihn unter dem Rufzeichen 9527 zum Sonderbeauftragten. Vierlia soll die Operation begleiten und formell die Einsatzleiterin bleiben.
Noch bevor der Befehl zu Ende ist, widerspricht sie.
„Ein Student kann keinem Feldoffizier Befehle erteilen.“
„Dann erfüll die Bedingung unserer Wette“, erinnert sie Fang Yuan.
„Verlang etwas anderes.“
„Schließ einen Vertrag mit mir und tritt dem Kampftrupp bei.“
Vierlia lehnt ab. Sie beruft sich auf ihr Alter, ihren Rang, die Dienstvorschriften und darauf, dass ihre Charaktere nicht zusammenpassen. Fang Yuan hört sich geduldig jeden ihrer Gründe an.
„Du kannst nicht verlieren“, sagt er.
„Doch, das kann ich. Aber einen Vertrag zwischen Kommandeur und Mecha-Kriegerin unterschreibt man nicht bloß zu Übungszwecken.“
„Deshalb muss die Entscheidung freiwillig sein. Wenn du es wirklich nicht willst, werde ich die Wette nicht gegen dich verwenden.“
Sie hat sich auf Druck eingestellt und nicht erwartet, dass er nachgibt. Einige Sekunden schweigt Vierlia.
„Und wenn ich zustimme, hörst du dann auf, ohne Plan zu handeln?“
„Nein.“
„Wirst du Befehle befolgen?“
„Nur vernünftige.“
„Warum lässt sich überhaupt jemand mit dir ein?“
„Frag Chi Yuan.“
Vierlia schnaubt und streckt ihm die Hand hin.
„Ein Vertrag. Und erzähl niemandem, dass ich gegen einen Studenten verloren habe.“
Ein goldener Faden verbindet ihre Kerne. Die Windkaiserin steigt auf den SS-Rang, ihre Schäden verschwinden und die Reichweite ihrer Sensoren verdreifacht sich. Das System erklärt Vierlia zur zweiten offiziellen Kämpferin der Ewigen Legion.
Fang Yuan korrigiert es wieder laut:
„Zur zweiten Partnerin.“
„Mit wem redest du?“, fragt Vierlia.
„Mit einem sehr alten und sehr ungezogenen Programm.“
Die Erste Akademie empfängt sie ganz anders als die Schule der Unterstadt. Auf dem Campus gibt es keine rostigen Treppen, Wasserausfälle oder gesprungenen Simulatoren. Die Luft wird rund um die Uhr gefiltert. Über den Gebäuden wachsen echte Bäume, und die Mensa wirft mehr Lebensmittel weg, als ein ganzes Viertel der Unterstadt erhält.
Chi Yuan bleibt vor einem Springbrunnen stehen. Sie hat noch nie gesehen, dass sauberes Wasser als Dekoration benutzt wird.
Im Wohnheim wiederholt sich alles. Die Kandidaten aus der Oberstadt bekommen Einzelzimmer, die Bewohner der Unterstadt werden im Keller eines alten Gebäudes untergebracht. Der Heimleiter erklärt das mit der Höhe der Aufnahmegebühr, obwohl in den Regeln der Akademie keine solche Gebühr steht.
Fang Yuan verlangt die Anordnung schriftlich.
„Wozu?“, fragt der Heimleiter.
„Damit ich sie meiner Beschwerde an den Direktor und das Militärministerium beilegen kann.“
„Du bist noch gar nicht aufgenommen.“
„Deshalb bitte ich vorerst noch höflich.“
Zehn Minuten später finden sich für die Bewohner der Unterstadt normale Zimmer. Nach dem Kampf gegen Heihu wirkt dieser Sieg winzig. Doch Chi Yuan bemerkt, wie die anderen Kandidaten zum ersten Mal die Schultern straffen. Das System stützt sich nicht nur auf Gesetze, sondern auch auf Hunderte kleine Demütigungen, an die sich alle gewöhnt haben.
In der Mensa setzt sich ein Junge namens Zhao Ming zu ihnen. Seine Einstufung in den C-Rang ist dreimal überprüft worden, weil sein Vater in einer Mine arbeitet. Die Familie hat ihre Wohnung verkauft, um die Reise zur Aufnahmeprüfung zu bezahlen. Wird Zhao Ming nicht angenommen, hat er kein Zuhause mehr, in das er zurückkehren kann.
„Der Bund der Oberstadt bietet Schutz an“, sagt er. „Man muss sich nur verpflichten, nach dem Abschluss ihren Familien zu dienen.“
„Wie viele Jahre?“
„Das steht nicht im Vertrag.“
Fang Yuan liest das Kleingedruckte. Die Verpflichtung erstreckt sich auf alle künftigen Verträge und endet nur, wenn der Gönner es beschließt. Sklaverei heißt hier Förderprogramm für Talente.
Er zerreißt den Vertrag.
„Und wenn sie mich gleich als Ersten hinauswerfen?“, fragt Zhao Ming.
„Dann stehst du wieder auf und versuchst es noch einmal, ohne Kette um den Hals.“
„Du hast leicht reden.“
„Nein. Mir hat man nur schon einmal ein gutes Leben als Gegenleistung für Gehorsam angeboten.“
Fang Yuan verspricht dem Jungen nicht, ihn vor allem zu beschützen. Er zeigt ihm die sicheren Sektoren, erklärt ihm die Funktion der Teleportationsmarke und stellt ihn anderen Jugendlichen aus der Unterstadt vor. Eine Armee haben sie nicht. Dafür kennt zu Beginn der Prüfung jeder wenigstens ein paar Menschen an seiner Seite.
Nalan Qingxin beobachtet das aus der Ferne.
„Du hättest ein besseres Zimmer für dich verlangen können“, sagt sie am Abend. „Stattdessen hast du eine Stunde mit den Verträgen anderer Leute verschwendet.“
„Und du hättest weitergehen können.“
„Ich studiere meinen Gegner.“
„Natürlich.“
Sie gibt ihm eine Liste der Kandidaten, die mit dem Murong-Clan verbunden sind. Darauf stehen die Kommandeure des künftigen Bundes der Oberstadt.
„Betrachte es als Bezahlung für das Training“, fügt Nalan Qingxin hinzu.
„Ich betrachte es als deine erste vernünftige Entscheidung heute.“
„Unausstehlich.“
Die Liste nimmt sie trotzdem nicht zurück.
Am Tor werden sie von Studenten aus der Oberstadt umringt. Selbst der Schwächste unter ihnen hat den C-Rang. Zwei Bewohner der Unterstadt mit abgewetzten Taschen werden sofort zu leichten Zielen.
„Die Erste Akademie nimmt nur die Besten der regionalen Rangliste“, sagt ein großer junger Mann. „Wer hat euch die Ergebnisse verkauft?“
Vierlia tritt hinter Fang Yuan hervor.
„Ich habe die Prüfung abgenommen. Willst du das Ergebnis anfechten?“
Der junge Mann murmelt eine Entschuldigung und zieht sich hastig zurück.
In der Aula erklärt der Direktor der Akademie die Ergebnisse der regionalen Prüfungen für ungültig. Tausend Kandidaten sollen vier Tage in einem Sperrgebiet durchhalten. Es gibt nur hundert Plätze. Töten ist verboten, alles andere gilt als erlaubt.
„Das ist keine Prüfung, sondern eine Schlägerei um Rationen“, sagt Chi Yuan.
„Genau“, stimmt Fang Yuan zu. „Sie wollen sehen, was Menschen tun, wenn man ihnen freie Hand lässt.“
Die Bewohner der Oberstadt schließen sich sofort zu einem Bund zusammen. Sie sind mehr als neunhundert. Als erstes Ziel erklären sie alle Kandidaten von unten, damit die Familien die Plätze danach in Ruhe untereinander aufteilen können.
Fang Yuan nimmt den Kampf nicht an. Gemeinsam mit Chi Yuan versteckt er sich unter einer zerstörten Brücke mitten im Lager des Gegners. Die Mitglieder des Bundes durchsuchen die äußeren Sektoren, werfen einander Sabotage vor und beginnen am Abend, sich gegenseitig zu bekämpfen.
„Woher hast du das gewusst?“, fragt Chi Yuan flüsternd.
„Sie sind nicht gekommen, um zu gewinnen, sondern um Plätze abzuholen, die sie längst für ihr Eigentum halten. So ein Bündnis hält nur, solange genug Plätze für alle da sind.“
In der Nacht hallt ein Alarmsignal durch das Gebiet. Aus einem unterirdischen Hangar bricht ein Erddrache der vierten Stufe aus. Solche Monster werden sonst nur an der Front gehalten. Der Direktor nennt es eine Prüfung, doch der Wahre Blick entdeckt am Hals des Tieres ein fremdes Steuerimplantat.
Der Drache jagt gezielt Fang Yuan.
Hinter dem Angriff steckt Nangong Ci. Sie erscheint in schwarzer Mecha-Panzerung auf dem Felsvorsprung und stellt sich als Anführerin des Widerstands vor. Sie spricht spöttisch, doch ihrer Stimme ist anzuhören, dass sie es längst satt hat, auf Wandel zu warten.
„Wir sind beide unten geboren, Brüderchen“, sagt sie. „Du kannst zum Banner eines echten Aufstands werden. Schließ dich uns an.“
„Ihr verkauft gestohlene Medikamente und versteckt euch hinter Geiseln.“
„Heihu war eine Ratte. Ich biete dir etwas anderes.“
„Alle da oben töten?“
„Platz schaffen für jene, die auf den Knien gelebt haben.“
„Dann sitzen oben nur neue Herren.“
Nangong Ci lächelt.
„Wie anständig du doch bist. Mal sehen, was du sagst, wenn die Oberstadt dich zu zermahlen beginnt.“
Sie aktiviert das Implantat. Der Erddrache stürmt vor, während die Kämpfer des Widerstands von den Flanken angreifen. Fang Yuan tut so, als sei er zu Verhandlungen bereit, lässt Nangong Ci näher kommen und bricht ihre Verwandlung mit einem einzigen Psi-Impuls ab. Chi Yuan fesselt die Gegnerin mit einer Energiepeitsche.
Doch Nangong Ci kann noch ein Aufputschmittel versprühen. Der Drache verfällt in Raserei.
Nach der Verfolgungsjagd tagsüber liegt die Stabilität des „Drachenabgrunds“ weiterhin unter fünf Prozent. Das System bietet Fang Yuan an, die Kontrolle vollständig zu übernehmen. Er lehnt ab.
„Chi Yuan, siehst du die Platte unter seinem linken Auge?“
„Ich sehe sie.“
„Dahinter sitzt das Implantat. Ich brauche einen einzigen präzisen Treffer.“
„Ich schaffe es.“
Der Drache reißt das Maul auf. Chi Yuan geht ihm entgegen, taucht unter seinen Klauen hindurch und stößt die Klinge in den bezeichneten Spalt. Fang Yuan gibt nur im Augenblick des Kontakts einen kurzen Impuls. Das Implantat explodiert. Zwei Meter vor ihnen bricht der Erddrache zusammen.
Nangong Ci zerschneidet ihre Fesseln und verschwindet im Rauch.
Der Lärm lockt die Teilnehmer des Bundes der Oberstadt an. Während des Kampfes haben sie sich in ihren Verstecken verkrochen, jetzt wollen sie die erschöpfte Chi Yuan ausschalten. Han Qinting tritt als Erster vor.
„So sieht die Wirklichkeit aus“, sagt er. „Von Geburt an sind die Menschen in Höhere und Niedere geteilt.“
„Dann gebe ich dir die Gelegenheit zu beweisen, dass du zu den Höheren gehörst“, antwortet Fang Yuan. „Entschuldige dich bei Chi Yuan und verschwinde.“
Han Qinting befiehlt den Angriff.
Das goldene Feld breitet sich über das ganze Tal aus. Hunderte Mecha-Kriegerinnen erstarren. Fang Yuan geht zwischen ihnen hindurch und beschädigt Han Qintings künstlich verstärkten Psi-Kern mit einem einzigen Schlag.
„Als ihr in der Überzahl Jagd auf die Unterstadtbewohner gemacht habt, hat das als Ordnung gegolten“, sagt er. „Als sich ein einzelner Unterstadtbewohner gewehrt hat, habt ihr ihn grausam genannt. Eure Regeln funktionieren nur in eine Richtung.“
Fang Yuan könnte es bei Han Qinting belassen. Doch er beschließt, die Regel selbst zu brechen, nach der die Starken gemeinsam über die Schwachen herfallen.
Die nächsten vierundzwanzig Stunden werden zur Jagd. Der Bund der Oberstadt stellt Trupps von je hundert Leuten zusammen, legt Fallen und versucht, Chi Yuan zu erschöpfen. Fang Yuan nutzt ihre Überzahl gegen sie. Er lockt die Gruppen in enge Schluchten, zerstört die Teleportationsmarken und wirft Dutzende Kandidaten aus der Prüfung.
Nach dem ersten großen Zusammenstoß verlassen zweihundert Menschen das Gebiet.
Nach dem zweiten sind weniger als dreihundert übrig.
Der Direktor starrt auf die verschwindenden Markierungen und verlangt eine Erklärung dafür, wie ein einzelner Student Teilnehmer schneller hinauswerfen kann als ein Monster der vierten Stufe. Vierlia schlägt vor, die Prüfung zu beenden, solange vom Gelände noch etwas übrig ist.
„Er will sie alle hinauswerfen“, begreift sie.
Am Morgen des vierten Tages sind noch drei Personen im Gebiet: Fang Yuan, Chi Yuan und Nalan Qingxin. Nalan hat er gezwungen, sich laut für ihre Beleidigungen gegen die Bewohner der Unterstadt zu entschuldigen, ihren Platz hat er ihr aber gelassen.
Der Direktor kommt persönlich zu ihnen.
„Nenn deine Bedingungen“, sagt er. „Sonst hat die Akademie dieses Jahr keinen neuen Jahrgang.“
Fang Yuan fordert, alle Kandidaten aus der Unterstadt aufzunehmen, die bei der gemeinsamen Jagd hinausgeworfen worden sind. Die Prüfungsregeln sollen öffentlich und für alle gleich sein. Außerdem will er das Recht, Entscheidungen studentischer Organisationen aufzuheben, wenn sie Menschen wegen ihrer Herkunft benachteiligen.
„Du verlangst absolute Macht“, stellt der Direktor fest.
„Nein. Das Recht, eine Macht zu brechen, die längst absolut geworden ist.“
Der Direktor stimmt zu. Seine eigene Jugend hat er in der Unterstadt verbracht, auch wenn man sich heute lieber nicht mehr daran erinnert.
„Wenn du das Land wirklich verändern willst, genügt eine Akademie nicht“, warnt er. „Geh auf das Schlachtfeld des Sternenschwarms. Stell einen Trupp zusammen. Verdiene dir Auszeichnungen, die der alte Adel nicht auslöschen kann.“
Fang Yuans Bedingungen retten nicht nur Zhao Ming und jene, die der Bund direkt hinausgeworfen hat. Die Akademiekommission muss auch die Aufzeichnungen der Teleportationen überprüfen. Dabei stellt sich heraus, dass siebenundvierzig Kandidaten aus der Unterstadt fehlerhafte Marken bekommen haben und die Ergebnisse der Eingangstests von zweiundzwanzig weiteren verschwunden sind. In früheren Jahren hat das als technische Abweichung gegolten. Jetzt ordnet der Direktor an, das Archiv der vergangenen zehn Jahre zu prüfen.
Die Kommission findet Hunderte ähnliche Fälle.
Eltern kommen auf den Campus. Sie bringen alte Ausweise, Ablehnungsschreiben und ärztliche Gutachten mit. Vor dem Verwaltungsgebäude bildet sich eine Schlange aus Menschen, denen man jahrelang erklärt hat, ihre Kinder seien nicht talentiert genug.
Fang Yuan geht an der Schlange entlang und begreift zum ersten Mal, wie wenig ein einziger Sieg bewirkt. Tausend Gegner hinauszuwerfen ist leichter, als auch nur einem Menschen verlorene Jahre zurückzugeben.
Zhao Ming erhält einen Platz, kommt aber nicht zu Fang Yuan, um sich zu bedanken.
„Bist du unzufrieden?“, fragt Chi Yuan.
„Doch. Ich will nur nicht mein ganzes Leben lang sagen müssen, dass ich allein wegen Fang Yuan aufgenommen worden bin.“
„Richtig“, sagt Fang Yuan selbst. „Beweis, dass du deinen Platz aus eigener Kraft behältst.“
Der Junge geht zu seinem ersten Training. Später wird ausgerechnet Zhao Ming als Erster einem Menschen die Tür zum Schutzraum öffnen, den er bis dahin für einen Feind gehalten hat.
Bei der Aufnahmezeremonie wartet eine neue Falle auf Fang Yuan. Der Studentenrat der Oberstadt verbietet ihm den Zutritt zum Saal und versammelt Dutzende Kommandeure vom C-Rang. Der Vorsitzende, der zweite Sohn des Murong-Clans, verlangt, dass der Bewohner der Unterstadt niederkniet.
Fang Yuan geht hinein.
„Ihr habt eine Sache vergessen“, sagt er. „Ihr seid nur an diese Akademie gekommen, weil ich zugestimmt habe, dass es dieses Jahr überhaupt einen neuen Jahrgang gibt.“
Die Kommandeure aktivieren ihre Mecha-Kriegerinnen. Ein Psi-Sturm füllt den Saal. Chi Yuan will den „Drachenabgrund“ rufen, doch Fang Yuan hält sie zurück.
Er öffnet sein Feld.
Eine Mecha-Form nach der anderen schaltet sich ab. Einige reagieren stärker auf seinen Kern als auf die Befehle ihrer eigenen Partner. Fang Yuan übernimmt sie nicht. Er zeigt nur, dass er es könnte, und löst die Verbindung wieder.
Als der Direktor den Saal betritt, fleht der Rat bereits um Gnade. Der Vorsitzende fordert, Fang Yuan zu bestrafen, erhält jedoch eine unerwartete Antwort:
„Solange Student Fang nicht gegen das Tötungsverbot verstößt, haben seine Entscheidungen in der Akademie dieselbe Gültigkeit wie meine.“
Fang Yuan betrachtet die Embleme der alten Familien an den Wänden.
„Dann lautet meine erste Entscheidung: Der Bund der Oberstadt wird aufgelöst. Jede Organisation, die einen Herkunftsnachweis verlangt, wird ebenfalls aufgelöst.“
„Du kannst die Oberstadt nicht abschaffen!“, schreit Murong.
„Heute schaffe ich nur euren Club ab. Um die Stadt kümmere ich mich später.“
Innerhalb weniger Minuten verbreiten sich diese Worte im Netz.
In der Unterstadt sehen die Menschen zum ersten Mal, wie die Erben großer Familien unter Bewachung den Saal verlassen. Manche nennen Fang Yuan einen Helden. Andere fürchten, dass sie für seinen Trotz bezahlen müssen. Für den alten Adel klingt die Aufnahme wie eine Kriegserklärung.
Nangong Ci beobachtet alles aus einem geheimen Versteck und grinst nur.
„Ich habe dich gewarnt, Brüderchen. Bald werden sie dich zwingen, dich zu entscheiden.“
Am selben Abend bringt Vierlia neue Geheimdienstinformationen. Die „Giftwespen“, eine Elitetruppe von Söldnern, haben die neuesten Mecha-Inhibitoren erhalten und bereiten einen Angriff auf einen Militärkonvoi vor. Ihr Auftraggeber steht mit Nangong Ci in Verbindung.
Die Operation wird für den Morgengrauen angesetzt. Vierlia erklärt sich erneut zur Kommandantin.
Fang Yuan überprüft die Waffen und antwortet:
„Mal sehen, wer den Hinterhalt zuerst bemerkt.“
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