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ZEITALTER DER MECHS: DIE EWIGE LEGION

Kapitel 6. Das Herz am Himmel

Das Herz des Schwarms ist kein Schiff.

Es bewegt sich in den Wolken und schlägt in langsamem Rhythmus. Zwischen Rippen aus schwarzem Chitin zucken Blitze auf. Mit jedem Puls fallen neue Ungeheuer aus der Atmosphäre.

Das Militär stuft seinen Rang als „nicht messbar“ ein.

Bis zur Hauptstadt bleiben achtunddreißig Stunden.

Murong Chengtian hat inzwischen den Orbitallift erreicht. Mit dem tragbaren Kern des „Abgrunds“ kann er die Station „Himmelspalast“ einnehmen, auf der die Evakuierungsschiffe und Langstreckengeschütze stationiert sind. Startet der Rat die Flotte, verlassen Zehntausende Angehörige der alten Familien den Planeten. Fährt er den Kern auf volle Leistung hoch, verlieren sämtliche Mecha-Kriegerinnen Groß-Xias ihre Kerne.

Im provisorischen Hauptquartier berät man über das Vorgehen an zwei Fronten. Einige Generäle verlangen, alle Kräfte gegen den Schwarm zu werfen. Andere wollen den Rat ziehen lassen, solange er nur den „Abgrund“ nicht aktiviert.

„Sie haben ihn schon einmal aktiviert“, sagt Nalan Qingxin. „Lassen wir sie jetzt gehen, ziehen sie in einer Stunde die Energie für den Start ab.“

„Für einen Sturm auf den Lift müssten wir unsere besten Kräfte von der Stadt abziehen“, widerspricht ein General.

„Die besten Kräfte gibt es nicht mehr“, sagt Huangfu. „Wir haben nur noch diejenigen, die bereit sind zu kämpfen.“

Er teilt die Verteidigung auf. Die Armee und die freiwillige Legion halten die Hauptstadt. Eine kleine Gruppe fährt zur Station hinauf und schaltet den „Abgrund“ ab. Fang Yuan soll den Angriff führen.

„Ich komme mit“, sagt Chi Yuan.

Fang Yuan betrachtet ihre leichte Panzerung.

„Eine vollständige Verwandlung könnte deinen Kern zerstören.“

„Deshalb verwandle ich mich nicht vollständig. Ich koordiniere das Netzwerk.“

„Auf der Station wird gekämpft.“

„Willst du mir schon wieder erklären, wo ich sicherer bin?“

Er hält inne.

„Nein. Ich wollte fragen, ob du dir sicher bist.“

„Bin ich.“

Zur Gruppe gehören Vierlia, Su Zhihu, Nalan Qingxin und fünf Trupps der ehemaligen Strafkompanie. Nangong Ci bleibt am Boden und hilft bei der Evakuierung der Bezirke, die der erste Schlag des Schwarms treffen soll.

„Du lässt mich erstaunlich bereitwillig ohne Bewachung ziehen“, sagt sie zu Fang Yuan.

„Vierlia hat einen Peilsender an dir angebracht.“

„Schon besser.“

„Und das Mädchen von der Ostschleuse hat sich freiwillig für deinen Stab gemeldet.“

Nangong Ci lächelt nicht mehr. Die Schwester des getöteten Luo Jun hat ihr nicht verziehen. Sie will nur sehen, welche Befehle die Terroristin jetzt erteilt.

„Du bist ein grausamer Mensch, Brüderchen.“

„Du wolltest dich verantworten. Hier ist deine Gelegenheit.“

Der Angriffstransporter fährt eine Minute vor der Sperrung in den Sockel des Lifts. Die Kabine steigt an einer Magnetschiene empor, während die Erde unter ihren Füßen zu einer blauen Kugel wird.

Die ersten zehn Kilometer verlaufen in Stille. Dann erkennt die Stationsautomatik den unbefugten Start. Das Licht in der Kabine erlischt, und die Notbremsen pressen den Transporter an die Schiene.

„Der Rat will uns wieder nach unten stürzen lassen“, sagt Nalan Qingxin.

Su Zhihu bricht die Wartungsluke auf. Dahinter rast dröhnend die Magnetschiene vorbei.

„Man kann die Bremse von Hand lösen.“

„Von außen?“

„Jemand muss über die Außenhülle.“

Zwei ehemalige Strafsoldatinnen melden sich, noch bevor Fang Yuan jemanden auswählt. Die eine ist jene Schweißerin, die Schwachstellen in Panzerungen erkennt. Die andere hat Güterzüge gefahren und kennt sich mit Magnetsystemen aus.

Sie befestigen ihre Sicherungsleinen und steigen in die dünne Luft hinaus. Der Rat kehrt das Feld um. Die Kabine ruckt abwärts. Ihre Fallgeschwindigkeit steigt.

„Zwanzig Sekunden, bis die untere Stütze bricht“, meldet Nalan Qingxin.

Fang Yuan könnte sich mit beiden Kämpferinnen verbinden und ihre Arbeit beschleunigen. Stattdessen übermittelt er ihnen über den grünen Kanal den Bauplan der Bremse.

Die Schweißerin trennt die Schutzverkleidung ab. Die Lokführerin löst die Magneten von Hand. Drei Sekunden vor dem Aufprall steigt der Transporter wieder aufwärts.

Als die Frauen zurückkehren, erklärt Su Zhihu, sie werde beide für eine Auszeichnung vorschlagen.

„Für ganz normale Arbeit?“, fragt die Schweißerin.

„Dafür, dass normale Arbeit den Angriffstrupp gerettet hat. An der Front hat man viel zu lange nur Leute ausgezeichnet, die eindrucksvoll schießen.“

Vierlia nimmt diese Regel schweigend in die künftige Dienstordnung auf.

In vierzig Kilometern Höhe bricht die Verbindung zur Stadt ab.

Fang Yuans System zeigt sofort eine Warnung an:

„Ursprünglicher Knoten des Erbes erkannt.“

„Ewiger Kriegsgott: Zugriffsrechte unvollständig.“

„Verbindet Euch mit dem Kern des ‚Abgrunds‘, um die Rechte wiederherzustellen.“

„Wusstest du, dass das System mit dem Kern verbunden ist?“, fragt Chi Yuan.

„Nein.“

„Hat es zum ersten Mal die Wahrheit gesagt, bevor wir beinahe gestorben sind?“

„Gewöhn dich nicht daran.“

Auf der Zwischenplattform erwartet sie die Erste Division des Rates. Ihr Kommandeur fordert sie auf, die Waffen niederzulegen. Hinter ihm stehen Hunderte Mecha-Kriegerinnen, die an einen gemeinsamen Unterdrückungskreislauf angeschlossen sind.

Fang Yuan öffnet den allgemeinen Kanal.

„Sie haben die Evakuierungslisten gesehen. Wer aus Ihren Familien ist auf den Schiffen?“

„Propaganda der Aufständischen“, antwortet der Kommandeur.

„Dann fordern Sie das Bordregister an.“

„Der Kanal ist aus Sicherheitsgründen gesperrt.“

„Eben.“

Die Soldaten zögern. Der Kommandeur befiehlt den Angriff, doch seine eigene Mecha-Kriegerin aktiviert ihre Waffen nicht.

„Meine Tochter ist im unteren Sektor“, sagt sie. „Ich will das Register sehen.“

Andere schließen sich ihr an. Der Offizier versucht, den Zwangskreislauf des „Abgrunds“ einzuschalten. Chi Yuan fängt das Signal ab und blendet die Bedingungen auf sämtlichen Helmen ein: Bei vollständiger Aktivierung werden die Kerne der Division als Brennstoff verbraucht.

Der erste Zug senkt die Waffen.

Der zweite fesselt den Kommandeur.

Der Angriffstrupp zieht kampflos vorbei.

„Du hättest sie einfach unterwerfen können“, sagt das System.

„Sie haben alles selbst getan.“

„Zeit bis zur feindlichen Aktivierung verkürzt.“

„Dann lenk mich nicht ab.“

Auf der Station „Himmelspalast“ bereiten sich die alten Familien auf den Abflug vor. In den gläsernen Galerien türmen sich Gepäck, Kunstwerke und Container mit seltenen Metallen. Auf den Schiffen fehlen Plätze für das technische Personal, doch der Rat hat den Familienarchiven ein ganzes Deck zugewiesen.

Nalan Qingxin findet ihren Vater an der Einstiegsschleuse. Als er seine Tochter sieht, umarmt er sie fest.

„Ich dachte, man hätte dich getötet.“

Nalan Qingxin erwidert die Umarmung nicht.

Das Oberhaupt des Nalan-Konglomerats sieht nicht wie ein Schurke aus. Der müde Mann im teuren Mantel weist seine Mitarbeiter an, die Gurte der Kinder zu überprüfen, und lässt sein eigenes Schiff für die Familien der Ingenieure räumen.

Nalan Qingxin erinnert sich, wie er sie als Kind durch die Fabrik geführt hat. Er hat ihr die Fertigungsstraßen gezeigt und jeden alten Meister beim Namen genannt. Als es gebrannt hat, ist ihr Vater zusammen mit den Rettungskräften in die Werkhalle gegangen. Gerade deshalb ist es ihr leichter gefallen zu glauben, ein guter Mensch könne an solchen Laboren nicht beteiligt sein.

Jetzt versteht sie: Ein Mensch kann seine Tochter lieben, Angestellte retten und zugleich Dokumente unterschreiben, durch die ihm unbekannte Menschen sterben. Dafür muss man nicht insgeheim ein Ungeheuer sein. Es genügt, die Welt in jene zu teilen, deren Schmerz man sieht, und jene, die nur eine Zeile in einem Bericht bleiben.

„Erinnerst du dich an Meister Wen?“, fragt sie.

„Natürlich. Er ist vor zwei Jahren gestorben.“

„An Kernschwund. Das Archiv verzeichnet vierhundert nächtliche Verbindungen zum ‚Abgrund‘.“

Ihr Vater wird blass.

„Ich wusste seine Registernummer nicht.“

„Genau darum geht es. Du kanntest seinen Namen, solange du ihm ins Gesicht gesehen hast. In den Dokumenten ist er wieder zu einer Ressource geworden.“

„Ich kann ihn nicht zurückholen.“

„Aber du kannst aufhören zu erklären, warum es keine andere Möglichkeit gab.“

Erst danach fragt Nalan Qingxin nach den Unterschriften auf den Dokumenten des Labors.

„Hast du die Lieferungen an Murongs Labor unterschrieben?“

Ihr Vater lässt sie langsam los.

„Nicht hier.“

„Also hast du unterschrieben.“

„Ich habe medizinische Geräte an ein staatliches Projekt geliefert. Hätte ich abgelehnt, wäre der Auftrag an Hente gegangen. Ich habe zumindest die Sterblichkeit gesenkt.“

„In den Kapseln waren Kinder.“

„Und jenseits der Mauern sind jeden Tag Tausende gestorben. Wir haben eine Waffe entwickelt, die das Land retten konnte.“

„Wen retten?“

Er deutet auf die Schiffe.

„Die, die wir retten können. Qingxin, die Welt ist nicht ungerecht, weil wir das beschlossen haben. Die Ressourcen reichen nicht. Jeder Herrscher muss eine Wahl treffen.“

„Dann treffe heute ich die Wahl.“

Sie nimmt den Familienschlüssel von ihrem Hals und steckt ihn in die Schleusenkonsole. Die Einstiegsbrücken des Konglomerats werden gesperrt.

„Solange die Unterstadt dort unten bleibt, starten deine Schiffe nicht.“

Die Wachen umringen sie. Vierlia tritt vor, doch der Vater hebt die Hand.

„Nicht anfassen. Sie ist noch immer meine Tochter.“

„Nein“, sagt Nalan Qingxin. „Ich bin ein Mensch, dem du einmal einen Namen gegeben hast. Das ist nicht dasselbe.“

Sie geht mit der Gruppe fort. Das Oberhaupt des Konglomerats bleibt vor der verschlossenen Schleuse zurück.

Im Zentralsektor beginnt der Kampf. Drei Divisionen, die dem Rat treu geblieben sind, aktivieren die Zwangsverbindung. Die Mecha-Kriegerinnen bewegen sich wie gesichtslose Teile einer einzigen Maschine. Ihre Kerne glühen rot.

Im allgemeinen Kanal sind die Stimmen der Kommandeure zu hören, doch die Kämpferinnen bewegen sich ganz anders, als diese es befehlen. Der „Abgrund“ verwendet vorab gespeicherte Abläufe. Die Soldaten schreien, dass sie ihre eigenen Körper nicht kontrollieren können.

Eine Sturm-Mecha-Kriegerin schafft es noch, auf ihrem Außenbildschirm eine Nachricht anzuzeigen: „Nicht auf die Kabine schießen.“

Su Zhihu ändert die Formation. Statt auf die Reaktoren feuern die Trupps auf die roten Antennen entlang der Wirbelsäule. Die befreiten Gegnerinnen stürzen zu Boden, ohne zu begreifen, wo sie sind. Die Kämpfer der Ewigen Legion fangen sie auf und tragen sie nach hinten, obwohl das den Durchbruch verlangsamt.

„Der Rat benutzt Gefangene als Schutzschilde“, sagt Vierlia.

„Nein“, antwortet Fang Yuan. „Er benutzt seine eigenen Soldaten. Gerade deshalb müssen wir den Unterschied zeigen.“

Jede gerettete Mecha-Kriegerin gibt das Unterdrückungsschema an die nächste weiter. Am Ende des Korridors zeigen die Soldaten der Division den Trupps der Legion selbst, wo sie zuschlagen müssen.

Su Zhihu führt die Angriffstrupps an. Sie versucht nicht, ihre Gegnerinnen zu besiegen. Sie durchtrennt die Kabel des „Abgrunds“, zerstört Sender und befreit eine nach der anderen. Jede abgekoppelte Mecha-Kriegerin kommt mit einer Lücke im Gedächtnis zu sich.

„Lasst nicht zu, dass man sie wieder anschließt!“, befiehlt Su Zhihu. „Gebt auch denen Deckung, die vor einer Minute noch auf euch geschossen haben.“

Chi Yuan hält vom Kommandodeck aus das verteilte Netzwerk zusammen. Mit ihrem beschädigten Kern kann sie nicht kämpfen, doch seit dem Labor spürt sie die Unterdrückungsfrequenzen besser als jedes Messgerät.

„Linker Korridor, Knoten unter der Decke. Vierlia, drei Meter nach rechts.“

Die Windkaiserin zerschlägt den verborgenen Sender.

„Sektor sauber.“

„Su Zhihu, geh nicht in den nächsten Saal. Der Boden ist vermint.“

„Woher weißt du das?“

„Die Fäden laufen an den Wänden daran vorbei.“

Fang Yuan hört Chi Yuans Befehle mit an und begreift, dass er früher automatisch selbst die Koordination übernommen hätte. Jetzt funktioniert das Netzwerk ohne sein Eingreifen.

Nach siebzehn Minuten erreichen sie den Kern.

Murong Chengtian wartet in einem runden Saal. Hinter einer durchsichtigen Hülle schlägt ein schwarzes Herz von der Größe eines Hauses. Goldene Kabel ziehen sich aus der gesamten Station zu ihm.

„Endlich ist der Erbe zurückgekehrt“, sagt das Oberhaupt des Clans.

„Ich bin nicht Ihr Erbe.“

„Nicht meiner. Seiner.“

Er berührt die Konsole. Der „Abgrund“ erkennt Fang Yuan, und das System öffnet zum ersten Mal das vollständige Protokoll.

Vor fünfzig Jahren hat der erste Kommandeur das Netzwerk erschaffen, um Freiwillige im Kampf gegen das Herz des Schwarms zu vereinen. Nach seinem Tod hat der Gründerrat das Protokoll umgeschrieben. Er hat Zustimmung durch Zwang ersetzt, die Möglichkeit, das Netzwerk zu verlassen, abgeschafft und die gesamte gemeinsame Kraft in den zentralen Knoten geleitet. So ist die Ewige Legion zu einem Mechanismus geworden, der Energie abschöpft.

Die Schulkristalle haben zum selben System gehört. Sie haben die Ränge von Kernen herabgesetzt, die sich dem „Abgrund“ widersetzen konnten, damit man ihre Träger überwachen oder in die Labore schicken konnte.

Man hat Fang Yuan den F-Rang nicht versehentlich zugewiesen.

Damit hat man ihn als Gefahr für die alte Ordnung markiert.

„Wir haben das Land gerettet“, sagt Murong Chengtian. „Ohne das Opfer der Unterstadt wäre die Barriere schon vor vierzig Jahren gefallen.“

„Sie haben die Menschen kein einziges Mal entscheiden lassen, ob sie dieses Opfer bringen wollen.“

„Weil die Masse sich für das Leben heute und den Tod morgen entscheidet. Ein Herrscher muss grausam sein.“

Er aktiviert den Kern.

Fang Yuan spürt, wie der „Abgrund“ seinen Psi-Kern packt. Goldene Fäden brechen aus dem System hervor und fesseln seine Arme an das schwarze Herz.

Murong Chengtian bietet ihm einen Handel an.

Wenn Fang Yuan sein alleiniger Herr wird, unterwirft sich ihm der Kern. Er erhält die Kontrolle über sämtliche Mecha-Kriegerinnen Groß-Xias, kann das Herz des Schwarms vernichten und jedes Gesetz außer Kraft setzen. Keine der alten Familien wird ihm je wieder im Weg stehen.

„Du wolltest die Ordnung zerschlagen“, sagt Murong Chengtian. „Hier ist die Macht dazu. Nimm sie.“

Vor Fang Yuans Augen erscheint ein goldener Thron.

Das System sagt:

„Nehmt das letzte Erbe an. Werdet zum ewigen Kommandeur.“

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