Der Plan zur Abtrennung des Kernsaals findet sich im Archiv der ersten Erbauer.
Der „Himmelspalast“ ist um den „Abgrund“ herum gebaut worden, nicht umgekehrt. Das schwarze Herz hat man in einem versiegelten Container in die Umlaufbahn gebracht, der selbst einen Sturz aus der Atmosphäre überstehen konnte. Später sind die Station, die Docks und die Wohnsektoren darum herum entstanden.
Wenn sie die vierundzwanzig Verankerungen sprengen, wird der Saal wieder zu einem eigenständigen Schiff.
Das Problem ist nur, dass der Container keine Triebwerke hat.
Su Zhihu schlägt vor, die Marschtriebwerke der Evakuierungsfähren auszubauen. Jedes zerlegte Schiff bedeutet Hunderte Menschen, die die Station nicht mehr rechtzeitig verlassen können.
„Nein“, sagt Vierlia. „Zuerst die Evakuierung.“
„In vierzig Minuten gibt es nichts mehr zu evakuieren.“
„Dann nehmen wir die militärischen Abfangjäger.“
„Sie gehören der Division des Rates und sind gesperrt.“
Nalan Qingxin prüft das Register.
„Der Konzernchef kann die Sperre aufheben. Seine Firma hat die Triebwerke geliefert.“
Ihr Vater wartet an der geschlossenen Einstiegsschleuse. Er hat bereits begriffen, dass die Familienflotte nicht abheben wird. Als seine Tochter den Code verlangt, feilscht er nicht.
„Wie viele Triebwerke braucht ihr?“
„Zwölf.“
„Im Hangar stehen achtzehn Abfangjäger. Nehmt alle. Nach der langen Lagerung könnten sechs davon nicht anspringen.“
„Das ist alles?“
„Erwartest du, dass ich um einen Platz auf einem Rettungsschiff bitte?“
„Ich erwarte, dass du versuchst, deine Hilfe als Wiedergutmachung zu bezeichnen.“
Er senkt den Blick.
„Sie macht nichts wieder gut. Ich wusste, dass unsere Geräte an Menschen eingesetzt werden. Ich habe nicht nach Einzelheiten gefragt, weil die Berichte Gewinn und militärische Vergünstigungen gebracht haben. Wenn wir überleben, werde ich aussagen.“
„Auch wenn du dafür ins Gefängnis kommst?“
„Gerade dann. Sonst ist mein Geständnis nichts wert.“
Nalan Qingxin übermittelt Su Zhihu den Code.
„Ich habe dir nicht verziehen.“
„Ich weiß.“
„Aber ich bin froh, dass du geblieben bist.“
Ihr Vater nickt. Das ist mehr, als er erwartet hat.
Siebenunddreißig Minuten.
Auf den Bildern der Außenkameras wird das Herz des Schwarms immer größer. Der schwarze Umriss verdeckt bereits die Sterne. Seine vorderen Ausläufer dringen in die oberen Schichten der Atmosphäre ein, hinter seinem Körper ziehen Millionen kleinerer Wesen her.
Am Boden beginnt der Hauptangriff.
Huangfu stellt die vereinten Truppen entlang der alten Mauer auf. Zum ersten Mal stehen die elitären Mecha-Kriegerinnen der Oberstadt und die Arbeitertrupps der Unterstadt Seite an Seite. Zwischen ihnen ist ein verteiltes Netzwerk im Einsatz. Es hat keinen zentralen Gefechtsstand: Verliert ein Sektor die Verbindung, kämpfen die benachbarten weiter.
Nangong Ci ist für die Evakuierung der östlichen Viertel verantwortlich. Luo Juns Schwester prüft jeden ihrer Befehle und protokolliert sämtliche Entscheidungen.
„Die dritte Brücke ist überlastet“, meldet der Funker. „Wir müssen den Übergang für fünf Minuten sperren.“
„Da sind noch Menschen.“
„Wenn die Konstruktion einstürzt, sterben alle.“
Früher hätte Nangong Ci ein Ziel ausgewählt und die Verluste für unvermeidlich erklärt. Jetzt lässt sie den Frachttunnel öffnen, schickt ihre eigene Wache hinein und sperrt erst danach die Brücke.
„Wir haben drei Minuten verloren“, bemerkt Luo Juns Schwester.
„Dafür haben wir keine Menschen verloren.“
„Mein Bruder war auch ein Mensch.“
Nangong Ci erwidert ihren Blick.
„Ja.“
Mit einer einzigen Antwort lässt sich die Schuld nicht tilgen. Doch zumindest versucht Nangong Ci nicht wieder, sich mit einem höheren Ziel zu rechtfertigen.
Zweiunddreißig Minuten.
Die Evakuierung läuft über drei Routen. Rot ist für Verwundete vorgesehen, Blau für Kinder und Zivilisten, Weiß für die technischen Schichten, die die Kapseln starten müssen. Das alte Prioritätsregister versucht, die besten Ärzte und Piloten zum Familiendock des Rates umzuleiten. Nalan Qingxin löscht eine Regel nach der anderen.
In einem der Korridore sitzt eine Gruppe Kinder fest. Die automatische Tür verlangt eine Familienfreigabe, obwohl dahinter ein öffentlicher Rettungsbereich liegt. Nalan Qingxins Vater kommt persönlich zu der Tür.
„Mein Schlüssel funktioniert nicht mehr“, sagt er.
„Du bist der Konzernchef“, antwortet ein Mechaniker. „Wie kann er da nicht funktionieren?“
„Meine Tochter hat den Familienzugang gesperrt.“
Der Mann zieht sein teures Jackett aus, nimmt dem Techniker den Schneidbrenner ab und kriecht zum Notantrieb. Er kennt die Konstruktion: Seine Firma hat die Türen hergestellt. Laut Bauplan gibt es einen manuellen Hebel, doch um Kosten zu sparen, ist er hinter einer Zierblende verborgen und in der Anleitung für Zivilisten nicht vermerkt worden.
„Warum wusste niemand davon?“, fragt der Mechaniker.
„Weil wir die Wartung getrennt verkauft haben.“
„Sogar auf einer Rettungsstation?“
„Gerade hier. Staatsverträge liest niemand, bevor es zu einem Notfall kommt.“
Er schneidet die Blende auf, und die Tür fährt hoch. Die Kinder gelangen zu den Kapseln. Der Konzernchef bleibt bei der technischen Schicht und hilft. Zum ersten Mal sieht er, wie viele kleine Entscheidungen seiner Firma Sicherheit in ein Privileg verwandelt haben.
In einem anderen Sektor versucht Baron Hente, einen Container mit Familienreliquien auf ein Schiff zu bringen. Darin befinden sich Gemälde, Schmuck und die Kryokapsel des Gründers seines Hauses. Die Fracht beansprucht den Platz von vierundzwanzig Menschen.
Vierlia lässt den Container ausladen.
„Das ist Kulturerbe von Groß-Xia!“, protestiert der Baron.
„Dann übersteht es die Wartezeit besser als lebende Passagiere.“
„Sie haben nicht das Recht zu entscheiden, was wertvoller ist.“
„Endlich haben Sie verstanden, worum es bei der neuen Ordnung geht. Der Evakuierungsrat hat die Entscheidung bereits bestätigt.“
Statt der Reliquien kommen Reinigungskräfte, Köche und die Familien rangniedriger Techniker an Bord, die überhaupt nicht in den Listen der Station stehen.
Vierlia bringt die letzte Gruppe Zivilisten zu den Rettungskapseln. Es gibt nicht genug Plätze. Mehrere Vertreter der alten Familien verlangen, eine Kapsel zu räumen, die für die technische Schicht vorgesehen ist.
„Unsere Familien stehen im Prioritätsregister“, erklärt Baron Hente.
Vierlia reißt das goldene Schild von der Tür.
„Das Prioritätsregister ist aufgehoben.“
„Auf wessen Befehl?“
„Auf meinen. Beschweren können Sie sich am Boden.“
Sie setzt zwei Mechaniker und eine verwundete Wachfrau in die Kapsel. Der Baron bleibt mit allen anderen im allgemeinen Korridor zurück.
Achtundzwanzig Minuten.
Su Zhihu und ihre Züge schleppen die Triebwerke durch den drucklosen Hangar. Magnetstiefel halten ihre Panzerung an der Außenhülle, doch jeder Impuls des Herzens des Schwarms reißt Menschen von der Oberfläche. Ein Triebwerk verschwindet im All. Ein zweites verklemmt sich im Tor.
„Wir haben nicht genug Schub“, sagt Su Zhihu.
Fang Yuan berechnet die Flugbahn an einem gewöhnlichen Terminal. Ohne den Wahren Blick fügen sich die Zahlen nicht mehr von selbst zusammen. Er verrechnet sich beim ersten Versuch, dann beim zweiten. Für einen dritten bleibt fast keine Zeit.
Chi Yuan hält den Kanal im Inneren des Kerns offen. Sie hört, wie das Herz des Schwarms versucht, das verteilte Netzwerk zu begreifen. Das gewaltige Bewusstsein bildet die empfangene Struktur nach, doch jedes Mal macht es aus einer Entscheidung einen Befehl und zerstört das Modell.
„Es lernt“, warnt sie. „Bald findet es einen Weg, die Knoten voneinander zu trennen.“
„Wir brauchen noch zwölf Minuten.“
„Ihr habt acht.“
Fang Yuan schaut auf die Karte. Sie werden keine zwölf Triebwerke haben. Mit neun erreichen sie nicht die berechnete Geschwindigkeit. Dann hat es keinen Sinn, den Container frontal auf das Ungeheuer zusteuern zu lassen.
„Richtet die Düsen auf die Station“, sagt er.
„Du willst den Container mit einer Explosion anschieben?“, fragt Su Zhihu.
„Nicht den Container. Die Station.“
Der „Himmelspalast“ bewegt sich schneller durch die Umlaufbahn als jedes Kriegsschiff. Wenn sie die Wohnsektoren abtrennen, die drei verbliebenen Manövriertriebwerke drehen und das zentrale Gerüst sprengen, stößt der Impuls den Container aus der Umlaufbahn genau in den Weg des Herzens.
„Der Rest der Station stürzt in die Atmosphäre“, sagt Nalan Qingxin.
„Wir können ihn noch in den Ozean lenken. Sind schon alle evakuiert?“
Vierlia schaut auf die Schlange vor der letzten Kapsel.
„Fast.“
„Wie viele?“
„Hundertsechsundvierzig Menschen und unsere Gruppe.“
In die letzte Kapsel passen hundertzwanzig.
Fang Yuan befiehlt, die Zivilisten loszuschicken. Der Stoßtrupp bleibt mit Chi Yuan im Container. Nach dem Zusammenstoß müssen die Triebwerke den Saal auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinausbringen.
„Das klingt nicht gerade nach einem Rettungsplan“, bemerkt Nalan Qingxin.
„Für den Weg hinein haben wir einen Plan. Den Ausgang überlegen wir uns drinnen.“
„Ich hasse es, wenn du so etwas sagst“, meint Vierlia.
Alle Beteiligten bestätigen die Entscheidung einzeln. Mei Lan bleibt zurück, um Murong zu bewachen. Nalan Qingxins Vater übernimmt den Posten am Notreaktor. Fünf Züge befestigen die Triebwerke.
Bevor der Container geschlossen wird, bekommt jeder eine Minute für eine Nachricht an den Boden.
Vierlia zeichnet den offiziellen Befehl auf, einen vorläufigen Befehlshaber der Luftstreitkräfte einzusetzen, und fügt kein einziges persönliches Wort hinzu. Dann löscht sie die Aufnahme und beginnt von vorn.
„Wenn ich zurückkomme, findet die Exerzierprüfung trotzdem statt“, sagt sie ihren Schülern. „Wenn nicht, lasst niemanden meinen Namen als Beweis dafür benutzen, dass ein Befehl wichtiger ist als ein Mensch.“
Su Zhihu gibt den vierzig Hauptleuten vollständigen Zugriff auf das Archiv der Kompanie.
„Behauptet nicht, der Trupp gehöre mir. Und nennt Fang Yuan auch nicht seinen Besitzer. Wer es doch tut, den korrigiere ich persönlich, sobald ich zurück bin.“
Nalan Qingxin veröffentlicht den letzten Schlüssel des Konzerns im öffentlichen Register. Jetzt könnte selbst ihr Tod der Familie nicht mehr ermöglichen, die Daten wieder zu sperren.
Ihr Vater beobachtet sie vom Reaktorposten aus.
„Ich bin stolz auf dich“, sagt er.
„Benutz deinen Stolz nicht, um dir meine Entscheidung anzueignen.“
„Das werde ich nicht. Dann sage ich einfach: Du hast getan, was ich nicht getan habe.“
Nalan Qingxin nickt. Diese Nachricht zeichnet sie nicht auf.
Fang Yuan öffnet einen Kanal zur Schule der Unterstadt. Der Direktor erwartet die Rede eines Helden. Stattdessen bittet Fang Yuan darum, die Protokolle aller Entscheidungen während des Einsatzes aufzubewahren, einschließlich seiner Fehler.
„Das ist alles?“, fragt der Direktor.
„Wenn ich nicht zurückkomme, stellt mich nicht als jemanden dar, der immer recht hatte.“
Chi Yuan ruft niemanden an. Sie sitzt am schwarzen Herzen, hält den Kanal offen und wiederholt leise die Namen der vierzig Kämpfer. Fang Yuan setzt sich neben sie.
„Hast du Angst?“, fragt er.
„Sehr.“
„Ich auch.“
„Früher hast du so etwas nie gesagt.“
„Früher dachte ich, ein Kommandeur müsse furchtlos wirken.“
„Und jetzt?“
„Jetzt muss ich keinen furchtlosen Kommandeur mehr spielen.“
Chi Yuan nimmt seine Hand. Zwischen ihnen erscheint kein goldener Faden.
„So ist es sogar besser“, sagt sie.
Drei Minuten.
Eine zivile Rettungskapsel nach der anderen löst sich von der Station. Die Automatik berechnet den Kurs zu einer unbewohnten Hochebene, auf der Freiwillige bereits ein Feldlazarett errichten.
Die letzte Kapsel startet nicht. In der Schleuse warten noch zweiundzwanzig Kinder und vier Erwachsene. Der Antrieb der Außenverriegelung hat keinen Strom mehr.
„Wenn wir die Energie aus dem Container nehmen, können wir uns nicht mehr rechtzeitig abtrennen“, sagt Su Zhihu.
„Wenn wir es nicht tun, bleiben sie hier“, antwortet Chi Yuan.
Niemand schlägt vor, sie für die Mehrheit zurückzulassen. Im alten System wären sechsundzwanzig Menschen zu einem hinnehmbaren Verlust geworden. Das neue Netzwerk garantiert nicht, dass alle gerettet werden, aber es zwingt jeden, den Preis laut auszusprechen.
Nalan Qingxins Vater findet eine Umleitung. Er schaltet die Stromversorgung des Familienschiffs ab und leitet die Energie zur Notschleuse um. Die Triebwerke des Containers behalten ihre Ladung.
„Ihr Schiff wird nicht mehr abheben“, warnt der Techniker.
„Dann muss ich wohl mit der Sammelkapsel fliegen.“
„Dort ist kein Platz mehr.“
„Dann bleibe ich beim Stoßtrupp.“
Nalan Qingxin hört das Gespräch.
„Du musst nicht alles in einer einzigen Nacht beweisen.“
„Das könnte ich auch gar nicht. Aber es ist mein Schiff, und jetzt bin ich an der Reihe, Platz zu machen.“
Die Kapsel mit den Kindern fliegt neunzig Sekunden vor der Abtrennung des Containers ab.
Das Herz des Schwarms spreizt seine äußeren Rippen. In seinem Inneren leuchtet ein weißer Kanal, der direkt auf den Kern des „Abgrunds“ gerichtet ist.
Chi Yuan sieht darin keinen Rachen, sondern einen Weg.
„Es will das schwarze Herz wieder in sich aufnehmen. Es wird kaum Widerstand geben.“
„Dann dringen wir tiefer ein“, sagt Fang Yuan.
Die Verankerungen explodieren.
Der Container trennt sich von der Station. Su Zhihu zündet die neun Triebwerke. Der Rest des „Himmelspalasts“ dreht sich, das zentrale Gerüst flammt auf, und aus der Orbitalgeschwindigkeit wird ein Stoß.
Der Kernsaal rast auf das Herz des Schwarms zu.
Wenige Sekunden vor dem Zusammenstoß sieht Fang Yuan die Erde. Auf der Nachtseite leuchtet das neue Netzwerk in goldenen Linien. Sie laufen nicht in einem einzigen Turm zusammen. Das Licht wandert von Stadt zu Stadt, von Mauer zu Mauer, von Mensch zu Mensch.
Dann schließen sich die schwarzen Rippen um den Container.
Der Aufprall bleibt aus.
Das Herz des Schwarms verschlingt den verlorenen Kern.
Die Verbindung zur Erde bricht ab.
Die Wände des Containers öffnen sich, als hätte ein lebendes Wesen einen Teil von sich wiedererkannt. Dahinter pulsiert ein Korridor aus schwarzem Gewebe. Tausende weiße Gestalten bewegen sich darin auf die Gruppe zu.
Sie tragen die Gesichter der Mecha-Kriegerinnen, die in fünfzig Jahren Krieg gefallen sind.
Im Reader öffnen