Gegen Mittag kommen hinter einer Flussbiegung die Aussiedlerhöfe zum Vorschein: vier Höfe, ein Badehaus, Gemüsegärten unter dem Schnee.
Aus den Schornsteinen steigt gleichmäßig Rauch auf. Vor dem äußersten Hof warten Menschen: ein Mann im Schafspelz, zwei Frauen, ein Alter und Kinder, die sich hinter den Röcken verstecken. Landvermesser sind hier so selten, dass sämtliche Bewohner gekommen sind, um sie zu empfangen.
Kapiton schaut auf dem Kartenblatt nach.
„Aussiedlerhöfe Krumme Fichte“, sagt er. „Bei der letzten Vermessung als Dorf mit acht Höfen geführt.“
„Vier sind übrig“, sagt der Mann mit Würde. „Aber wir leben hier. Wir beackern das Land bis zum Bach dort, und hinter dem Bach liegen unsere Mähwiesen.“
Die Vermesser stellen die Kartentafel auf. Prokop schleppt die Messstäbe und hört zu.
„Der Maßstab für den Streifen ist mit zwei Werst pro Zoll festgelegt“, sagt der zweite Vermesser und fährt mit dem Finger über das Kartenblatt. „Das Kartenzeichen für eine Siedlung gilt ab acht Höfen. Vier Höfe sind bei diesem Maßstab zu klein fürs Kartenzeichen.“
„Schreib Aussiedlerhöfe ohne Zeichen“, sagt Kapiton. Seine Stimme klingt mit einem Mal dumpfer.
„Und die Mähwiesen hinter dem Bach?“
„Die Mähwiesen sind zu klein fürs Kartenzeichen.“
Sotik schreibt in seiner gleichmäßigen Handschrift: Gebäude bei der Flur, nicht gesondert zu erfassen.
Der Mann im Schafspelz folgt den Vermessern und späht vorsichtig auf die Kartentafel, bemüht, niemanden zu stören.
„Und uns, wo schreibt ihr uns hin?“, fragt er schließlich.
„Wir schreiben euch auf“, sagt der zweite Vermesser, ohne zu lügen.
Und sie schreiben. Prokop sieht diese Arbeit zum ersten Mal von innen. Niemand lügt. Alle Zahlen stimmen. Die Höfe stehen an ihren richtigen Plätzen, doch auf dem Kartenblatt gibt es kein Zeichen für sie: Das Kartenzeichen beginnt bei acht Höfen, der Maßstab ist bereits festgelegt, die Frist rückt näher und der Streifen ist lang.
Die Menschen stehen vor ihren Häusern und sehen zu, wie sie nicht in die Karte eingetragen werden.
Keiner von ihnen begreift, was geschehen ist. Sie haben gesehen: Die Leute des Staates sind umhergegangen, haben gemessen und geschrieben und sind wieder gegangen. Das Kartenblatt kommt ins Kartenwerk, das Kartenwerk wird zur Landvergabe herangezogen. In einem oder drei Jahren trifft ein Schreiben ein: Das unbewohnte Land bei der Flur Krumme Fichte fällt einem Unternehmer zur Holznutzung zu. Der Mann im Schafspelz wird seinen Nachbarn das Schreiben zeigen und fragen, wo darin der Fehler liegt. Es wird nirgends einen Fehler geben.
Die Kinder aus den Aussiedlerhöfen laufen den Schlitten des Trupps bis zur Biegung nach. Das älteste Mädchen trägt das jüngste Kind huckepack und winkt. Frol, den seit dreißig Jahren nichts mehr überrascht, zieht plötzlich den Handschuh aus und winkt zurück. Danach geht er lange schweigend weiter und verzählt sich bei den Werst, was ihm seit seinem Eid nicht mehr passiert ist.
Mit Garj ist man anders verfahren – und noch schlimmer. Die Krumme Fichte wird wegen des festgelegten Maßstabs nicht eingezeichnet. Garj haben die Vermesser vor Ablauf der Frist schlicht nicht mehr erreicht, und dann hat ein einziges falsches Wort achtzehn Höfe in eine ausgebrannte Ödnis verwandelt. Prokop hat schon vorher gewusst, wie es geschehen ist, doch erst jetzt erkennt er am Beispiel anderer den ganzen Ablauf: Die Eile hat einen ungenauen Eintrag hervorgebracht, und das bestätigte Kartenblatt hat ihn zum Gesetz gemacht.
Er trägt die Messstäbe zum Schlitten und kehrt zurück.
„Herr Topograf“, sagt er leise zu Kapiton. „Erlaubt mir eine Frage. Was wäre, wenn das Kartenzeichen für eine Siedlung schon ab vier Höfen gälte?“
„Der Maßstab ist vom General bestätigt“, sagt Kapiton.
„Und wer bestätigt dem General seine Entscheidung?“
„Die Frist“, sagt Kapiton und geht zur Kartentafel.
Am Abend beziehen sie ihr Nachtlager in einer Scheune bei den Aussiedlerhöfen. Die Bewohner lassen sie umsonst hinein und geben ihnen sogar Milch zu trinken: Sie glauben, dass die Vermessung sie eingetragen hat, und sind dankbar.
Prokop schläft nicht.
Er geht zu den Schlitten hinaus, um die Plomben an den Kisten zu prüfen, und sieht Sotik im Licht eines Kerzenstummels. Der Schreiber sitzt mit dem Rücken zur Scheune auf dem Kutschbock und überträgt wie jeden Abend die Aufzeichnungen des Tages ins Reine. Der Entwurf liegt links, die Reinschrift rechts, und Sotik schreibt Zeile für Zeile ab.
Dann hält seine Hand inne.
Sotik zieht einen Stofflappen unter seinem Mantel hervor und faltet ihn auseinander. Darin liegt eine abgenutzte Silbermünze. Er wickelt sie in ein Blatt Papier, befeuchtet den Bleistift mit der Zunge und schreibt ein einziges Wort auf die Hülle. Prokop will nicht heimlich zusehen, kann über Sotiks Schulter aus der Dunkelheit aber dennoch lesen, was dort steht:
„Halte durch.“
Sotik verbirgt das Päckchen an seiner Brust unter den Tagebüchern und sitzt lange reglos da. Der Kerzenstummel knistert. Im Gesicht des Schreibers liegt nichts als Müdigkeit.
Prokop geht fort, ohne Fragen zu stellen. Sotik hat das Recht, sein Geheimnis zu bewahren.
Am nächsten Morgen aber sieht er das Kartenblatt.
Kapiton lässt die alten Vermessungen des Streifens aus der Archivkiste holen, um nach dem Fund des blinden Messpunkts die Messverbindungen abzugleichen. Prokop trägt die Mappen zur Kartentafel. Tief in der dritten Mappe findet er ein Kartenblatt, bei dessen Anblick er erstarrt.
Die alte Schneise. Der kleine Fluss. Der Rand des Moores.
Und quer über den vertrauten Ort zieht sich auf dem Weißraum ein Wort, hastig von fremder Hand geschrieben: Brandfläche.
Genau dieses Kartenblatt. Keine Abschrift aus dem Kartenwerk, sondern das Original aus dem Feld, mit Randnotizen und einem Wachsfleck am unteren Rand.
Prokop steht da und hält den Tod seines Dorfes in den Händen.
In der Ecke des Kartenblatts steht, wie vorgeschrieben, der Name des Vermessers. Die Handschrift ist müde und schräg, mit langen Ausläufern an den Buchstaben.
Jewstignei.
Im Reader öffnen